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am Pazifik (2) – Finale

Freitag, 30. März 2012

von Gold Beach nach Brookings, 8. September 2011

Hunde, die im Fahrradanhänger mitfahren, bekommt man ja schon des öfteren zu Gesicht; auch Schoßhündchen in Lenker- oder Sattelkörbchen sind auf schweren Fahrrädern vom Typ Hollandrad in Wien keine Seltenheit mehr. Was uns jedoch unsere Nachbarn im Motel in Gold Beach bei ihren Abfahrtsvorbereitungen samt anschließendem, dröhnendem Abgang vorführten, war mir sofort die Bitte um eine Foto-shooting-Erlaubnis bei den beiden Protagonisten wert. Die erhielt ich auch bereitwilligst inklusive geschmeicheltem Gesichtsausdruck und sonnenbebrilltem Geschau von Mama- und Tochterhündchen im weich gepolsterten, selbstverständlich stilecht mit schwarzem Leder bezogenen Hundesitz auf den beiden Harleys.

There is no bicycle shop in Gold Beach, the next one could be in Brooking. Sagt mir die Motelbesitzerin. Ihre Info deckt sich leider mit den Ergebnissen meiner internet-Recherche. Also noch mindestens rund 50 km mit asymmetrischer Kurbelbelastung treten, begleitet von der Hoffnung, dass der Laden in Brookings Ersatzpedale hat und dass meine rechte Schuhsohle bis dorthin nicht zerbröselt ist.

Der Highway 101 führt an den Abhängen des Küstengebirges immer höher hinauf , er bleibt aber an der Ozeanseite der Coast Range. Nur manchmal fällt die Straße wieder auf das Strandniveau. Immer wieder halten wir Ausschau nach einer passenden Stelle, wo wir unsere Fahrräder pazifisch „weihen“ können. Die Wellen, die hier tausende Meilen lang von Asien ungehindert gegen diese Westküste laufen, werden sichtlich größer, wilder, machen mächtig Eindruck mit ihrer Naturgewalt. Es bietet sich nirgends eine passable Möglichkeit für’s Wassern, jedenfalls keine, die nicht mit großem Ab- und Aufpackaufwand und Tragepassagen verbunden wäre.

Die Berge ragen oft so steil und ohne Stufen an ihren Abhängen aus dem Meer, dass die Straßenbauer gezwungen waren, die Trasse von der Küste weg in  einmündende Seitentäler hinein zu verlegen. Zwischen Straße und Steilküste bleiben dann mancherorts markante Bergkuppen, Felsvorsprünge, Aussichtsplätze: Cape Sebastian z.B., zu dem eine extrem steile Nebenstraße von der 101er abzweigend hinaufführt und für die mit einem „atemberaubenden Ausblick“ geworben wird. Wir lassen uns anwerben, stellen die schwer bepackten Räder ins Unterholz, wo schon ein anderes Fahrrad versteckt lehnt, ein „Surly“, eine Art amerikanische Kultmarke unter Touren- und Botenradlern. Der Ausblick ist jedoch keiner, zu hoch sind die Bäume rund um den Parkplatz oben. Das Bergabgehen zurück ist reichlich anstrengend, doch bin ich froh, dass ich diesen Weg meinen Felgenbremsen erspart habe. Vermutllich wären sie sogar zu schwach gewesen, das schwere Rad in diesem Gefälle zu kontrollieren.

Bald nach der Cape Sebastian Umfahrung geht’s wieder auf Meeresniveau hinunter. Meyer’s Creek Beach präsentiert sich in beeindruckender Belichtung samt Wellengang und Nebelschwaden.

Der Anblick der aus dem Sandstrand herausragenden Felsen – sea stacks -, an denen die Wellen mit pompösem Getöse und hoch aufspritzender Gischt zerschellen, hat sicherlich Generationen von Menschen in längst vergangener Zeit zu den wunderlichsten Sagen über die Entstehung dieser Küstenlandschaft angeregt. Parallelen aus Tirol drängen sich auf: Frau Hitt, König Serles oder König Laurins Rosengarten fallen mir als altbekannte steinerne Gebirgsformationen ein, um die sich auch immer weiter überlieferte Sagen ranken. Diese South Oregon Coast hier ist nicht minder animierend, erschaudernd, zum Träumen und Davonschweben einladend.

„That is what I always wanted to do in my life“, höre ich plötzlich eine männliche Stimme schräg von hinten in mein Ohr sagen, “but I never managed so far”. Herausgerissen aus meinem soeben begonnenen unirdischen Höhenflug wende ich mich der Stimme zu. Sie kommt aus einem Dunkelgrauen-Anzug-mit-Krawatte-und-weißem-Hemd-Menschen, kurzem, aber frisierbarem Haar auf dem etwa 30jährigen Kopf mit glatt rasiertem Gesicht. „It sure is amazing to experience all this here on bicycles …“ fast gelingt es dem smarten Mann, mich in ein Gespräch mit ihm einzulassen, als mir knapp unterhalb des Stecktuchtäschchens an seinem Sakko ein dezentes, mattaluminiumsilbern schimmerndes Schildchen, wie man es von Angestellten in Hotelrezeptionen kennt, ins Auge sticht. Irgendetwas wie „7th Advent …“ lese ich buchstabierend, bin blitzartig wieder auf dem Boden unter meinen eigenen Füßen gelandet und sage meinem freundlich, einladend mich anblickenden vis-a-vis that I shall have to carry on with this amazing experience here, straight away. Im Weggehen schiele ich noch zurück auf den Aussichtsplatz und sehe, wie „mein“ erfolgloser Missionar zu einer kleinen Gruppe ebensolcherart Eingekleideter geht, die bei einem teuer aussehenden schwarzen Kleinbus beisammenstehen. Christian fundraising vor einer imposanten, Ehrfurcht gebietenden (?), jedenfalls entrückenden Kulisse. Nicht unschlau, diese Missionare, denke ich mir.

Nur wenige Meilen nach Meyer‘s Creek Beach klettert der Highway wieder hinauf in die Berge und wir sehen den pazifischen Wolkenteppich bald wieder von oben. An einem ruhigen Rastplatz – leider ohne von uns ersehnte Sitzgelegenheit und ohne Tisch -, umgeben von hochgewachsenen Bäumen ist eine Stärkung nötig, ein paar Happen Brot mit noch nicht erwärmtem Topfen, eine Hand voll Nüsse und Rosinen und ein Energieriegel. Ein kleiner Gedenkstein informiert über einen gewissen Samuel Boardman, der sich unermüdlich für die Gestaltung und Markierung des Oregon Coast Trails in diesem Küstenabschnitt eingesetzt hatte. Von dem schmalen Rastplatz zweigt ein enger Steig ab. Er soll laut Wegweiser zu den Natural Bridges führen. Ein Stück weit gehen wir den steilen Pfad hinunter – durch den Nebel schimmern ein paar Felsen und schäumende Wellen, die tief unten an das Ufer klatschen.

Zurück auf der Straße verwöhnt die Strecke das Auge mit zahllosen Aus- und Überblicken auf den Ozean und die schroff abfallenden Berghänge. Flüsse aus der Coast Range werden an ihrer Mündung von hochliegenden Stahlbrücken – wie etwa jene über den Thomas Creek – überquert, die jedoch so schmal und ohne Fußgehweg sind, dass wir die Fahrräder nach dem Brückenkopf abstellen und zu Fuß zurücklaufen müssen, um den Blick in die Tiefe zu erleben.

Ein gutes Stück vor Brookings wagt es die Highway-Trasse doch noch einmal, hoch über dem Meeresspiegel in den Abhang des Küstengebirges hineinzuschneiden – wer weiß, wie oft diese Passage schon durch Rutschungen und Felsstürze unterbrochen war. Wir kommen ohne solche durch – dann schwenkt die Straße weg von der Küste, nähert sich dem Meer jedoch unmittelbar vor der Ortseinfahrt von Brookings. Das ist ein überraschend großes Städtchen, die mehrspurige Main Street ist dicht befahren – aber nicht nur befahren: Mitten in der Stadt springt von rechts ganz knapp vor Hanna ein junges Reh auf die Straße, versucht zig-zagging die Fahrbahnen zu queren. Einige Autofahrer sind, so scheint es, erschreckt wie wir und verlangsamen ihre Fahrt, um das irritierte Tier nicht weiter zu verunsichern. Nach ein paar Irrläufen mit etlichen Fahrspurwechseln erreicht das Reh den anderen Gehsteig und springt mit riesigen Hüpfern zwischen den Häusern den Hang hinauf in den dahinter liegenden Wald.

Nach dem tierischen Schrecken wollen wir das Fahrradgeschäft finden – das gelingt erst im zweiten Anlauf, nach einem Tipp eines  Einheimischen, der dort von mir angesprochen wird, wo nach meiner Recherche der Laden eigentlich sein sollte, aber eben nicht ist, ja sogar nie war. Die zweite Option ist ein fun-sport-Geschäft und meine Zweifel, dort pedalfündig zu werden, stellen sich als nicht gänzlich unbegründet heraus. Die jungen Verkäufer sind – gelinde gesagt – nicht auf Fahrradteile spezialisiert. Unter der Glasplatte des Verkaufstisches sind jedoch zwei Pedalmodelle ausgestellt, von denen mir eines einigermaßen passabel vorkommt. Ich frage um die dazu gehörigen cleats und ernte einen entgeisterten Blick im Gesicht des Verkäufers. Er muss unkundig passen und holt einen Kollegen aus der Werkstatt, der wenigstens versteht, was ich meine. Er findet jedoch keine cleats, worauf ich etwas entnervt anmerke, dass sie ja dann solche Pedale gar nicht anbieten sollten, weil man ohne …. Das kriegt offenbar der Geschäftsinhaber mit, mischt sich dazu und erklärt unverfroren, dass die cleats fehlen, sei „a typical case of shop-lifting“. Ich widerspreche ihm nicht, glaube ihm freilich auch nicht. In der Vitrine liegt noch ein original verpacktes Pedalpaar. Das ist meine letzte Chance – die passenden cleats sind noch in der Packung. Draußen vor dem Laden montiere ich gleich alles um. Das gebrochene eggbeater-Pedal packe ich als Souvenir ganz tief in die Tasche. Erleichtert über die gelungene Reparatur genehmigen wir uns ein wunderbares Fischgericht zum Abendessen.

von Brookings, OR, nach Klamath, California, 9. September 2011

Bis zur Grenze dauerte es nicht lange. Die sehr detaillierte Road & Recreation Map für Oregon und Northern California ermöglichte zahlreiche Abweichungen vom Highway 101 und bringt uns durch Gartenbaugebiete in dem südlich von Brookings nicht mehr so schmalen Küstenstreifen. Immer häufiger sind Radfahrerinnen und Radfahrer zu sehen – sowohl auf Tour als auch in trainierenden Radrenngruppen. Der Grenzübergang ist bald erreicht, durch keinerlei topografische Markierung gekennzeichnet. Nur das Welcome to California Schild hat einen leicht magischen Nimbus, ist materieller Namensträger für allerlei Lebensträume und Fantasien. Für das eigene fotografische Festhalten dieses Augenblicks müssen wir noch etwas warten – andere, Motorradler, sind vor uns schon hier und posieren noch für ihr foto-shooting. Erst nach ihnen sind wir an der Reihe mit dem making of memories.

Fast doppelt so groß wie das Willkommensschild ist die Tafel mit den Informationen über Waren und insbesondere jene landwirtschaftliche Produkte, die nach California Einreisende nicht mitbringen dürfen. Der einzelne grüne Paprika und das Reststück vom Gurkerl und der Paradeiser im Tupperware gehen als „just for private use“ bei der Grenzpolizistin durch. Große Stroh- und Heuballen haben wir glaubhaft nicht in unserem Reisegepäck. Have good day – und wir sind drin im Golden State.

Eine Beach-Boys-California-Stimmung kommt nicht auf beim Radeln durch die Felder auf der County Road nach Crescent City. Das lag aber nicht daran, dass ich mir einen Vorderradpatschn zugezogen habe, als ich unvorsichtigerweise das Fahrrad an einen Zaunpfahl anlehnen musste. Die Glasscherben auf dem geschotterten Parkplatz hatte ich zu spät gesichtet. Dem Vergleich mit den bizarren, die Fantasien unendlich anregenden Küstenformationen in Oregon kann die California-Küste nicht standhalten, zumindest jetzt noch nicht.

In Crescent City gab’s ein déjà-vu-Erlebnis zum Thema Ortskenntnisse und Heimatkunde unter den Einheimischen: Sie kennen sich nicht aus. Was nicht an ihrem Auto-Weg zwischen Zuhause und ihrem Arbeitsplatz liegt, ist unbekanntes Territorium, bzw. gibt es gar nicht. Unsere Suche nach einer Verpflegungsstation – einem Café oder einem Family Restaurant – addiert zum Hunger noch reichlich Frustration. Im Vertrauen auf die dürftigen Auskünfte, dass es weiter südwärts nichts mehr gäbe – was sich anschließend als totale Falschmeldung herausstellt –  steigen wir, die Not befürchtend, in einer Fast-food-Kette ab. Warum glauben wir den Leuten noch immer!?

Der lange, groß geschwungene Sandstrand, dessen Form angeblich namensgebende Funktion für Crescent City hatte, bekommt wegen seiner Dünen und seiner Breite, wie schon etliche Stellen vor ihm, auch nicht den Zuschlag für die Austragung des noch immer überfälligen Rituals. Dann steigt der Highway wieder an, entfernt sich und uns von der Küste, um einmal mehr eine Steilufer bildende Bergkette landeinwärts zu umfahren. Wir kommen ins Land der Riesensequoias, der Mammutbäume, der Redwood National Parks. Die Coast Range – hier in North California viel breiter und auch mächtiger als an jener Stelle in Oregon, wo wir von Eugene kommend sie durchquert hatten – richtet sich zu einem beeindruckenden, die Radwanderer klein machenden Gebirgsmassiv auf. Die Bergstrecke hätte sich mindestens so viel Respekt im voraus verdient wie jene Bergketten, die auf kartierten Pässen zu queren waren. Diese Achtlosigkeit rächt sich ein wenig: Weil die Voreinstellung fehlt, unterlaufen einem Kräfteeinteilungsfehler. Aber irgendwann beginnt es doch wieder, bergab zu gehen. Der Redwood Highway schwenkt endlich hinaus zur Steilküste, eröffnet von hoch oben Ausblicke über den Ozean, wie sie unerwarteter und atemberaubender kaum sein können. Und vor uns, dort unten liegt endlich die perfekt passende Stelle.

Ohne Abpacken der Räder geht es wohl nirgends mehr, wenn  man das Versinken im Sand vermeiden will. Das ist eine der Lehren, die aus den bisherigen Standortbegutachtungen und Versuchen gezogen wurden. Eine andere, viel wichtigere ist aber diese: Das synchrone Einstimmen, die gemeinsame, gleichzeitige Freude auf dieses front-wheel-dipping muss da sein; Streit, Unstimmigkeit, Uneinigkeit über frühere nicht realisierte Ortsauswahlen müssen vergessen sein, zumindest für diese kurze Zeit des Rituals. Und hier, an der Wilson Creek Beach mit dem False Klamath Rock als Kulissenblickfang, hier stimmte endlich alles. Wann also sollten wir es tun, wenn nicht hier und jetzt? Die hereinrollenden Wellen des Ozeans spielten auch mit, dröhnen laut rauschend, aber nicht niederschmetternd, unser Näherkommen eher provozierend, herausfordernd, neckend.

Auch wenn wir nun schon mehrere Tage an jenem  Ozean an der anderen Seite des Kontinents entlang gefahren sind, also einen unserer Tour ihren Namen verleihenden Wunsch längst verwirklicht hatten, so setzt dieses „Pazifik-Hineinradeln“ ein markantes, zufrieden machendes Erlebnis als Abschluss hinter ein erreichtes Ziel unserer Fahrt. Ich bin auch jetzt noch, viele Monate später, froh und freudig darüber, dass wir den vielen Widrigkeiten zum Trotz diese Fahrradwasserung doch gemacht haben.

Die Strecke am Strand war nur kurz. Der nächste Berg stellte sich der Küstenstraße in den Weg und wir müssen auf ihr landeinwärts fahren. Es ist eine enge Schlucht, durch die sich der Redwood Highway Richtung Klamath zwängt. Die Sonnenstrahlen, schon recht flach vom Westen kommend, werden von dem Bergrücken an der Küste daran gehindert, die Talsohle noch zu wärmen. Nebelschwaden hängen in der kalten Luft. Der von uns anvisierte Campground im Prairie Creek Redwoods State Park ist unter diesen Umständen bei Tageslicht nicht mehr zu erreichen. Bei der Brücke über den Klamath River kehren wir um, hoffen, in dem Motel, das wir fünf Kilometer vorher linkerhand gesehen hatten, noch ein Quartier zu kriegen. Wir haben Glück, im Ravenwood Motel bekommen wir das letzte freie Zimmer. Und einmal mehr sind wir recht froh über die wärmende Dusche. In der einzigen Bar im Hauptort der Indian Reservation macht der Koch uns sogar noch zwei große Portionen fish & chips, das Bier zapft uns der Barkeeper auf der anderen Seite des Saloons. Die Bude ist gerammelt voll, ein Geburtstagsfest ist im Gange und die Protagonistin schwärmt uns mindestens ein halbes Dutzend mal an, wie glücklich sie ist, dass wir an ihrem Festtag hier sind und mit ihr feiern und trinken und tanzen. Schade, dass das „Feuerwasser“, das die bösen Weißen zu den edlen Indians nicht ohne Hinterlist gebracht haben – oder habe ich da den Karl May in falscher Erinnerung? – , solche freudvollen Äußerungen spätestens nach der dritten Wiederholung in ihr Gegenteil verkehren..

von Klamath nach Eureka, CA, 10. September 2011

Dass wir gestern abend umgekehrt sind und im Ravenwood in Klamath das letzte Bett bekommen haben, erweist sich heute ein zweites mal als eine glückliche Fügung: Nicht nur der Redwood Highway, sondern auch die von ihm abzweigende, in den State Park hineinführende Straße geht konstant bergauf. Dieser Newton B. Drury Scenic Parkway wird immer schmäler und einer klassischen alten Alpenpassstraße ähnlicher. Die Bäume beiderseits machen jedoch unmissverständlich klar, dass wir hier nicht die Brenner- oder Reschenpassstraße hinaufkurbeln. Immer höher ragen die Mammutbäume auf, immer dichter wird’s im Unterholz und auch mitten am Tag dringt bald nur mehr so wenig Licht zu uns Zwergen herunter, dass die Fotoapparate schon das Blitzlicht auslösen.

Gestern Abend hätten wir nichts mehr von diesen Giganten erschauen können, hätten uns nicht über die Sonnenstrahlen freuen können, wie sie sich abmühen, durch die Baumkronen und das dichte Geäst auf den Waldboden herunter zu scheinen. Finster wäre es gewesen und kalt und ein ebenes Schlafplätzchen hätten wir im Dunkeln auch nicht gefunden. Also doppeltes Glück!

Bei den Sequoias wird das Amerika-Gefühl, das den kleinen Europäer wie mich auf dieser Fahrt schon so oft  überkommen hat, in höchstem Maße verdichtet: Hier in Amerika ist alles einfach riesig und macht dich selbst so winzig. Daraus folgt vielleicht, dass man hierzulande selbst auch nur als Riese – als big one – jemand ist? Wie auch immer, das Riesige, das so übermenschlich Große, das zu still, wortlos machendem Schweigen Beeindruckende, das so schwer zu Verstehende, kaum zu Erklärende – all dieses Megadimensionale, von dem es hier so viel gibt, ist vielleicht doch ein besonders fruchtbarer Boden für Glauben und Gottesakzeptanz …

… und dem Wahn, gottgleich werden zu wollen, egal auf welchem Niveau und in welcher Sache (Essen ausgenommen).

Nach den Mammutbaumwäldern im Prairie Creek Redwoods State Park kommt der Park Way Drive wieder herunter, nahezu auf Meersspiegel, und führt hinaus an die Küste. Der Highway 101 schlängelt sich in vielen Kurven am steilen Ufer entlang, in denen die Motorhomes zur gefährlichen Plage werden, oder er verläuft auf Nehrungen, wo uns der Wind ganz schön zusetzt. Jedes mal, wenn man eine Flussmündung quert oder die Straße von der Höhe der Coast Range herunterkommt, ist am Straßenrand die Information auf Schildern zu lesen, dass man sich nun in der Tsunami-Zone befände und diesen Landstrich im Falle der Warnung verlassen müsse. Nach der Big Lagoon klettert die Straße wieder bergan und der Blick auf den Ozean ist nur mehr erinnerbar.

Einen solistischen Radler, der schon in North Oregon gestartet war, treffen wir immer wieder – er hat fast die gleiche Reisegeschwindigkeit wie wir und scheint ebenfalls bei jedem Exit vom Highway abzuwägen, ob es nicht doch irgendeine alternative Route draußen an der Küste gibt. Auch ein Pärchen sehen wir immer wieder. Die beiden fahren jedoch um einiges langsamer als wir, machen jedoch anscheinend kürzere Pausen oder weniger Stopps. Da diese Begegnungen – eigentlich ist es ja ein aneinander Vorbeifahren –  sich schon seit Tagen wiederholen, kommt es jedes mal zu einem breiten Lächeln und ein paar freundlichen Wortwechseln. Für Gespräche sind solche Treffen aber doch zu flüchtig.

Bei Trinidad, ein paar hundert Meter über dem Meer, verlassen wir die 101. Die Detailkarte zeigt eine scenic road – es ist tatsächlich ein Stück des alten Highway Number 1, der Panamericana, jener Traumstraße, die ich schon als Jugendlicher fahren wollte. Und nun steht auch Californias Pazifikküste jener in Oregon an atemberaubenden Anblicken und mächtigem Tosen um nichts mehr nach.

Wenn man jetzt die Augen zumacht und ziemlich genau schaut, dann sieht man’s ganz scharf: Dort hinten geht’s nach Wladiwostok. Aber das ist eine andere Geschichte.  So wie unsere transam 2011-Lektüre nun hier für die interessierte, exclusive Leserinnenschaft endet, ….

 …. wird diese noch nicht geschriebene transpacific-Geschichte in jener nebenstehend abgebildeten, sich dialektisch unübertreffbar präsentierenden Örtlichkeit, dem palm-reading-house  in Eureka, auch nur einem handverlesenen (sic!) Publikum  zugänglich sein, vermutet ….

Peter

…. und sagt: Danke für’s Mitlesen.

Mehr Bilder von der Pazifischen Küste gibt’s im Album.

 

Kleiner Nachtrag:

Etwas mehr als 10 Jahre vor uns hatten sich die beiden Brüder Stefan und Tobias Micke aus Wien in Boston auch mit Fahrrädern (allerdings von TREK gesponserten) auf einen Weg nach Westen gemacht, der unserem streckenweise gleicht:

Zwei ungleiche Brüder setzen sich eines Tages in den Kopf, auf Fahrrädern den amerikanischen Kontinent zu bezwingen. Anstatt im Zelt oder in Motelräumen zu übernachten, setzen sie ganz auf die Amerikanische Gastfreundschaft und erleben so ein Amerika, das selbst vielen Amerikanern unbekannt ist. Mit Ausrüstungstipps und Fotogalerie! (Eigenwerbetext für das Buch „Biker’s Barbecue – die Wiederentdeckung Amerikas“)

Als Hanna und ich losführen, waren wir rund 40 Jahre älter als die beiden bei ihrem Start, was ein wenig die unterschiedlichen Augen erklärt, mit denen die „Americas“ gesehen werden. Ich fand’s u.a. auch gerade deshalb amusant zu lesen – nach unserem transam 11 ….

 

 

am Pazifik (1) – Annäherungsversuche

Mittwoch, 28. März 2012

von Florence nach Winchester Bay, 5. September 2011
von Winchester Bay nach Bandon, 6. September 2011
von Bandon 
nach Gold Beach, 7. September 2011

Im Schwimmbecken des Motels vergnügen sich schon vor unserem Frühstück – es verdiente diesen Namen eigentlich nicht – ein paar unbeschreiblich schwergewichtige, junge Leute, zwei Buben, wie sich herausstellt, die Kinder von noch dickeren jungen Eltern. Vater und Mutter – beide um die 30 Jahre alt – scheinen sich einen Rollstuhl mit Elektromotor zu teilen, also kann nur jeweils eine Person damit fahren. Während die Kinder sich schon recht schwer tun, es aber doch schaffen, vom Beckenrand ins Wasser zu springen und immer wieder herauszuklettern, gelingt das dem Vater nicht mehr. Die Mutter steuert den Elektrostuhl am Weg um den pool hin und her und gibt irgendwelche Anweisungen, bis der Papa sich aus dem Wasser müht und die Mama ein wenig später im Familien-Vehikel ablöst. Im Ablagefach des Elektrostuhls und an einem Haken hängen Plastiksackerln mit allerlei Kartoffelchips, Pepsi Cola, Erdnüssen und sonstigem Esszeug, das während der ganzen mütterlichen Zuschauerphase unablässig in den eigenen Mund verfüttert wurde. Der Papa setzte diese Nahrungsversorgung fort. Das ging ziemlich lange so – das Ende habe ich nicht mehr erlebt, weil wir nach dem Aufpacken uns auf den Weg, bzw. die Suche nach einem Frühstückslokal machten. Ich denke an Michael Moore’s „Supersize me“ und weiß nicht, wie viele Chancen ich dieser Familie geben könnte, dass sie sich aus eigenen Kräften aus diesem kranken Lebenslauf emanzipieren.

Der Morgen ist noch immer kalt und die Erinnerung an die gestrigen klammen Finger macht mich wild entschlossen, ein paar Handschuhe im Fahrradgeschäft in Florence zu kaufen. Außerdem war es mir nicht gelungen, die völlig abgenutzten und deshalb nicht mehr voll funktionssicheren cleats aus der Sohle meiner Radschuhe zu entfernen, weil die Montageschrauben anscheinend eine unauflösliche Korrosionsverbindung mit den Schraubhülsen eingegangen und aus denselben nicht mehr herauszudrehen waren. Das Werkzeug für den alles rettenden chirurgischen Eingriff – Trennscheibe – hoffte ich, im Fahrradgeschäft zu finden. Der Meister selbst war anwesend und hat das Problem für eine Handvoll Dollars gelöst. Neue cleats und Langfingerhandschuhe gab es auch in dem Laden, leider nicht so warm gefütterte, wie ich es mir gewünscht hatte. Bei den Leuten hier ist ja jetzt Sommer und nur die dieser Jahreszeit entsprechende Kollektion erhältlich. Mark Twains Ausspruch, dass er den kältesten Winter im Sommer an der Pazifikküste erlebt habe, hatte bei den Geschäftsinhabern keinerlei Wirkung auf das Ausrüstungsangebot in ihrem Laden gemacht. Ich nehme also die Handschuhe, die nicht aus der Winterkollektion stammen – besser die als gar keine. Beinlinge und Anorak werden ebenfalls angezogen – so eingekleidet beginnt unsere Suche nach dem Pazifischen Ozean.

Vom Highway 101 führt kurz nach der Überquerung des Siuslaw River am südlichen Ortsrand von Florence eine Stichstraße hinaus an die Küste, in die Dünen. Dort würden wir schon eine Stelle finden, an der wir unsere Desperate Bicycles vorwärts in die an den Sandstrand rauschenden Wellen hineinrollen können vor der in der gleißenden Sonne erstrahlenden Kulisse des unendlichen Meeres – mit Blick ins Nirwana. So oder zumindest in etwa so stand’s im Drehbuch für das unverzichtbare Ritual bei Erreichen des „coast-to-coast-thing“.

Real war hingegen kein Meer zu sehen, jedenfalls war nicht genau auszumachen, was es war , das sich hier unseren suchenden Augen darbot: Nebel, Wolkenbank, Wasseroberfläche, konturenlos, ohne Sonnenlicht, grau bis gelblich-düster und windig und kalt. Tiefer Sand macht ein Schieben der bepackten Fahrräder in die Richtung zum Wasser unmöglich. Aber auch vom Gepäck befreit wären die Kette, das Schaltwerk und – über die Felgen – auch alle Bremsblöcke vollkommen versandet worden: die daran anzuschließende notwendige Reiningung ist eine Horrorvision!

In Florence, dem Ort am Meer, den wir so sorgfältig beim „Plaaaan-Machen“ ausgesucht hatten, sollte es also nicht geschehen, das „front wheel dipping“ im Pazifik. Aber die Küste ist ja noch lang und sicherlich voll mit besseren Gelegenheiten, sagt die innere Stimme und befiehlt den Beinmuskeln die Bergaufarbeit über die hohen Dünen zurück zum Highway. Ein unbereinigter Rest aus dem 2008-Wahlkampf von, bzw. gegen Barack Obama lenkt kurz von der „Schmach“ ab, die uns der Pazifik mit seiner Verweigerung antut. Er bleibt noch lange „bockig“ und versteckt sich in dichten Nebelschwaden und sonnenloser Kälte. Hanna entwickelt schon ein schlechtes Gewissen, weil sie mich „überredet“ hätte, doch unbedingt an der wunderschönen Oregon-Küste südwärts zu radeln. Und nun zeige sich diese verlockende Attraktion nicht einmal ansatzweise! Solche „Schuldgefühle“ sind jedoch  leicht zu entsorgen.

Nach einer nicht sehr langen Fahrtstrecke – abseits von der Küste – entscheiden wir uns, in Winchester Bay zu übernachten. Das Motel am Hafen – das Winchester Bay Inn –  hat kaum Gäste, die aus den Niederlanden stammende Managerin gibt uns ein paar Tipps, wo wir vielleicht noch etwas zu essen bekommen könnten. Die Fischerboote am Pier lassen mich von wunderbaren Fischgerichten träumen. Das erste Lokal am Hafen, ein Café, hat schon zu, das zweite ist zwar noch offen, aber die Küche ist schon leergegessen, versichert man uns mit einem Anflug von Bedauern, während soeben die letzten Speisen zu einer Gruppe von Leuten getragen werden, die sich schon länger vor unserer Ankunft hier niedergelassen hatten. Wir stehen etwas ratlos zwischen der Eingangstür, dem Speisenraum und der Küchenausgabe und bestellen zwecks Erleichterung des Denkens zwei Bier. Die Lady macht sich am Zapfhahn zu schaffen und schaut uns mit einem schrägen, fragenden Blick an. „All I’ve got is a rest of clam-chowder, if you like. I’ve made fresh today. You may have it, if you want.” Es wurde the best clam chowder ever before and after! Und das stimmt nicht deshalb, weil wir echt hungrig und schon wieder etwas verfroren waren.

Der nächste Anlauf zur Vorderradwasserung führt uns noch einmal an den Hafen. Die Fischerboote von gestern sind schon nicht mehr hier – ein paar können wir unweit des Ufers sichten. Das Café, das mit einem Frühstücksangebot lockt, ist leider geschlossen. In den Dünen südlich der Umpqua River Mündung wiederholen sich unsere gestrigen Erfahrungen – aber wenigstens scheint die Sonne und wärmt ein bisschen. Wieder kurbeln wir – am alten Leuchtturm vorbei- die Dünen hinauf und an der landeinwärts gelegenen Seite hinunter zum Highway 101. Dort hat uns bald wieder der dichte Autoverkehr – vor allem Ferienmacher, also RVs, Camptrailers und Motorhomes – unsere speziellen „Freunde“ der Landstraße.

Rechterhand begleiten uns riesige Sanddünen, die meist von hohen Föhrenwäldern bewachsen sind. An der linken Seite setzt sich der Wald zwar fort, er birgt aber immer wieder Seen, zu denen Wege zu Campgrounds oder gar zu Lodges führen. Der Wind ist endlich einmal nicht mehr gegen uns – das hat auch einen sichtbaren und klimabedingten Effekt: Entgegenkommende, also Gegenwind-Radfahrer sind hier an der Küste ganz selten; nach Süden fahrende treffen wir immer wieder, wenn wir sie überholen oder sie an uns vorbeiradeln, während wir gerade eine Rast einlegen. Es ist das erste Mal auf der Transamerika-Tour, dass man das Gefühl erlebt, nicht die einzigen auf derselben Strecke zu sein.

An der Coos Bay kommt die Straße wieder auf Meeresniveau herunter. Nach der Waldpassage im Graben zwischen den Dünen und der Coast Range weitet sich plötzlich der Horizont. Aber es ist noch nicht der Ozean. Ein Aussichtspunkt lädt zum Anhalten ein. Das David Dewitt Veterans Memorial – ein alle Krieger und deren blindes, idiotisches Pflichtbewusstsein verherrlichendes Denkmal ist mitten in dieses Panorama hineinplaziert worden. Ein Stückchen der berühmten Oregon Dunes wird sichtbar, und zwar von der Landseite her, beim Blick über die Schleife, die der Coos River hier macht, kurz bevor er ins offene Meer mündet: An schmale, ausgeschlägerte Schiabfahrtsschneisen in den Alpen erinnern die Fahrstreifen für die beach-bugs und All-Terrain-Vehicles (ATV), die in den Dünenwald meist in der Falllinie gefräst wurden. Alt und Jung tummelt sich, selbstverständlich motorisiert, wie es sich für mobilitätsgelernte Amerikaner geziemt, auf diesen Dünenabschnitten, die auf einen kleinen Teil der Nationalpark- und Erholungsgebiete der „Oregon Dunes“ beschränkt sind. Noch vor der grau-blauen Wolkenwand, die den Strandverlauf markiert, quert eine alte Eisenbahnbrücke den Fluss. Ein Drehelement erlaubt die Schiffsdurchfahrt.

Ein sanfter Anstieg führt den Highway 101 hinauf zum Kopf der alten, stählernen Straßenbrücke über den Coos River. Wieder gibt es eine Warnblinklichtanlage, die wir per Knopfdruck vor dem Befahren der Brücke betätigen. Der Wind macht uns ziemlich zu schaffen und ganz ohne Furcht vor dem Versetztwerden durch einen Windstoß hoch oben bei der Überquerung – ich schätze auf rund 50 m über dem Wasser – geht es nicht ab. Ein Hinüberschieben ist nicht möglich, der Seitenstreifen ist nicht nur zu schmal für unsere breitbeladenen Räder, er ist auch noch wegen Reparaturarbeiten gesperrt. Das Wissen nicht alle Autofahrer, die in einer Kolonne die Brücke anfahren, und eine agiert sogar ziemlich aggressiv: You are not allowed here! It’s illegal! Brüllt die junge Beifahrerin mich beim Überholen auf der Brücke an. Die riesigen Warnlichter bleiben spürbar wirkungslos. Nach ihr kommt aber ein großer Lastwagen. Sein Fahrer wird zum speziellen Schutzpatron für Hanna, die doch etwas langsamer unterwegs ist als ich. Er bleibt ohne den geringsten Überholversuch in respektvollem Abstand hinter ihr, so dass kein anderes Auto mehr vorfahren kann. Ein dankbares Winken von Hanna und mir und ein kurzes Hupsignal des LKW-Fahrers am Ende der rund 1,5 km langen Brücke zeigen die unabgesprochene Kommunikation zwischen den so ungleichen Verkehrsteilnehmenden. Das hat wieder versöhnt. Der Kontrast zur schimpfenden Autofahrerin hätte kaum größer sein können.

Am Hafen von Coos Bay vermuten wir eine weitere Möglichkeit für unser rear wheel dipping Ritual zu finden. Man kommt dort zwar nahe ans Wasser, aber doch nicht ganz heran. Riesige Felsbrocken, die als Wellenbrecher das kleine Hafenbecken schützen, sind unbegehbar, jedenfalls nicht samt Fahrrad passierbar. Wir müssen’s abermals verschieben.

Schon in North Bend hatten wir in der Ortsdurchfahrt die Hauptstrecke am Highway 101 verlassen und die empfohlene Radroute entlang der Küste gewählt. Diese Wahl beschert uns einerseits eine feucht-kühle Nebelfahrt und andererseits Erleichterung und Erholung von der anstrengenden, stressigen Fahrt im dichten Autoverkehr.

Ein wenig erinnert die Bergstrecke an frühere Touren im Waldviertel: Wald, so weit das Auge reicht, links und rechts der Straße abzweigende überbreite Forstwege und immer wieder haushoch zusammengeschobene gefällte, noch nicht entastete Bäume. Doch oben, etliche hunderte Meter über dem Meeresspiegel, am Grat des Küstengebirges entlang holt einen der endlose Horizont, der das Meer erahnen lässt, wieder aus der Welt des Vergleichens zurück in das Hier und Jetzt. Die Straßennamen tragen das Ihre zu der „Rückholung“ in die Gegenwart bei: Seven Devils Road und Whiskey Run. Letztlich müssen wir diese traumhaften, einsamen, kaum befahrenen Straßen jedoch wieder verlassen und auf den Highway zurückkehren.

Die neuerliche Annäherung an die nach wie vor unerreichte Pazifikküste beschert zwar stimmungsvolle Blicke über die Mündung des Coquille River hinaus zur düsteren, grauen Wolkenbank, aber auch klamme Finger und aufkeimende Sehnsucht nach wärmender Dusche. Die Sonne – eigentlich noch lange nicht dem Untergang geweiht – kann sich nicht gegen die undurchdringlichen Wolken durchsetzen. In Bandon kehren wir in die erstbeste Unterkunft ein. Wir hätten uns trotz der klammen Finger ein bisschen mehr Zeit und ein paar hundert Meter weiter im Ort etwas anderes nehmen sollen. Das hätte uns das für unsere Bedürfnisse völlig unnötige riesige Appartement an der lauten 101 erspart.

Auch der Bandon-Morgen beginnt wie die anderen Pazifik-Morgen zuvor: Nebelschwaden und Wolkenbänke wehren sich beharrlich, von der Sonne aufgefressen zu werden. Wieder folgen wir der Radkartenempfehlung und fahren den Beach Loop Drive, eine sogenannte scenic route, entlang, hinaus zum Face Rock Viewpoint. Das ist eine der ganz seltenen Stellen an der Bandon-Küste, wo man einen öffentlichen Zugang und Blick auf das Meer und das steil abfallende Ufer hat. Meist reiht sich hier eine Villa an die nächste, ein nobles Lodge und Restaurant oder ein Golfclub an den nächsten Privathausbesitz. Am öffentlichen Viewpoint trifft man ein paar Leute, die ihre Hunde ausführen. Die Unendlichkeit ist zwar noch nicht zu sehen, aber unsere Annäherungsversuche bringen uns kleinweise an den Ozean. Eine leicht zugängliche Wasserungsstelle ist das hier aber noch nicht.

Die nächste Abzweigung vom scenic drive führt hinaus durch die Dünen an einen wunderschönen wilden, unverbauten Sandstrand. Vom Parkplatz aus kann man zwar das Wasser sehen, am Strand selbst sind jedoch große Flächen abgesperrt. Eine große Naturschutztafel instruiert, wo man sich hier befindet. Ein ehrenamtlicher Ranger erklärt uns, dass es sich hier um ein Schutzgebiet für einen vom Aussterben bedrohten Strandläufervogel handelt. Damit die Menschen nicht mit ihren Hunden dessen im Sand versteckte Eier zertreten oder aufstöbern, versucht man hier durch Abzäunen eine geschützte Zone zu erhalten. Es sei ein Langzeitprojekt, Erfolg oder Misserfolg würden sich erst in ein paar Jahren erweisen. Ob die frei laufenden Hunde das aufgespannte Plastikbandl respektieren, bezweifle ich allerdings – sage aber nichts. Der gute Mann klingt so herzlich engagiert und freut sich, dass er in uns eine so wissbegierige Zuhörerschaft hat.

Der Weg an der Küste hört leider schon bald nach Bandon auf. Wir müssen zurück auf den Highway 101, zurück in den Sommerferien-Autoverkehr. Ohne viel Abwechslung, ohne Ortschaften und vor allem wegen der dichten Bewaldung ohne Ausblicke auf die Küste geht die Straße oberhalb der Dünen an den Abhängen der Coast Range südwärts. In einer Waldlichtung an der Hauptstraße steht ein Häuschen mit einem großen Schild: YOGA. Ich weiß nicht, ob irgendjemandem bei uns beispielsweise im nördlichen Mühlviertel an der böhmischen Grenze so etwas einfallen würde.

Erst bei Port Orfort gibt es plotzlich einen beeindruckenden Blickfang auf die unterhalb des Felsvorsprunges liegende weit geschwungene Bucht. Nun ist auch die Sicht frei von Nebelschwaden und Wolken. Der Kaffee und das Vanilleeis mit ein paar Heidelbeeren drauf im Café redfish ist auch eher etwas für’s Auge, der Gaumengenuss stellt sich nicht entsprechend ein.

Das front-wheel-dipping will auch an diesem langen flachen Strand nicht gelingen – zu tief ist der Sand und der Weg von der Straße zum Wasser ist viel zu weit. Ob wir dieses Ritual je zur Ausführung bringen werden? Am Südende dieses Strandabschnitts ragt der Mount Humbug mit seiner Steilküste ins Meer hinein und zwingt die Straße wieder ins Landesinnere. Der Campground dort in dem kühlen, engen Tal ist nicht sehr einladend, bis Gold Beach sollten wir es schon noch schaffen. Der Berg ist bald umfahren und nach einem langgezogenen Anstieg tut sich auch wieder die Pazifikküste vor unseren Augen so auf, wie es die Postkarten und Fremdenverkehrsprospekte versprochen haben.

Nicht im Prospekt steht aber, dass an der Oregon Coast Fahrradpedale besonders bruchanfällig sind. Die vor kurzem in Florence frisch montierten cleats müssen aus der rechten Schuhsohle wieder herausgeschraubt werden. Die wegen der gebrochenen Feder nur mehr schlapp an der Pedalspindel hängenden eggbeater-Bügel lassen sich mit ein paar Wicklungen mit dem superstarken Kraftklebeband fixieren. Auf den verbleibenden zwanzig Kilometern bis Gold Beach lerne ich auf einbeiniges Treten mit links um. Der rechte Fuß ist hauptsächlich damit beschäftigt, den Kontakt mit dem plattformlosen Pedal zu halten – zu viel Druck könnte die Schuhsohle beschädigen. Auch in Gold Beach überkommen uns schon die Abendkühle und die Freude über ein warmes Quartier. Bis 9 pm ist auch noch der Waschsalon offen, da bleibt für mich noch Zeit, im Supermarkt ein Abendessen und die gesundheitsfördernde, den Elektrolythaushalt wieder auffüllende Ration Flüssigkeit zu besorgen.

Noch ein paar Bilder von der Pazifischen Küste gibt’s bald im Album.

durch Oregons Berge (3) – Cascades und Coast Range

Donnerstag, 22. März 2012

Die in Prineville, in Dad’s Café so eindringlich ausgesprochene Empfehlung, doch die McKenzie Pass Route zu fahren, zeigte Wirkung. Am Morgenhimmel deutete sich keine Änderung des Wetters der letzten Tage an. Fitness war auch keine Frage. Ohne Sisters City noch eine Frühstücksvisite abzustatten, bogen wir also vom Motel aus gleich auf eine Nebenstraße ab, die uns zur Oregon 242 brachte. Dad aus Prineville hatte mehr als recht: Es wurde die schönste Bergetappe der gesamten Transamerica.

von Sisters über den McKenzie Pass (Cascades) nach Blue River
2. September 2011

Die Straße, die Oregon 242, ist, als wäre sie von einer anderen Welt: Der gelbe Mittelstrich – meistens ist er sogar doppelt – teilt sie in zwei viel schmälere Fahrbahnhälften, als wir es bisher gewohnt waren. Manchmal  fehlt er, wenn nämlich die Trasse nicht breit genug ist; in manchen Kurven ist er gar kein Mittelstrich, er ist dann so exzentrisch, dass im schmäleren Straßenstreifen ganz sicher kein Auto der hier üblichen Fahrzeugbreite Platz hat. Auch die Kurven – sie werden nach einer anfänglich ziemlich langen, geraden, nur sanft ansteigenden Waldstrecke zusehends mehr – sind eng, wechseln ihre Radien oft mitten in der Biegung, sind häufig unerklärlich stark überhöht, als würden hier Hochgeschwindigkeitsrennen gefahren werden. Aber es fährt fast niemand. Es ist auffallend still, der trockene hoch aufragende Föhrenwald birgt eine dumpfe Hitze. Immer wieder markieren Wegweiser, wohin es auf noch kleineren Straßen links oder rechts abgeht; meist sind es nur „trailheads“, also Einfahrten, Einstiege zu Wander- und Reitwegen und snow-mobile-Routen. Bei fast jeder Abzweigung hängen Schilder, die das Feuermachen verbieten und auffordern, unkontrollierte Feuer sofort zu melden.

An einer Kreuzung steht eine riesige Tafel mit einem Weiterfahrverbot für Wohnwägen, Wohnmobile und Lastwägen. Natürlich wird auch vor „ganz großen Gefahren“ auf dieser engen Straße gewarnt, die Höchstgeschwindigkeit ist auf 30 mph begrenzt und überhaupt ist die Fahrt über den McKenzie Pass den Großteil des Jahres wegen des Schnees gesperrt. Die wenigen Autos, die sich „diesen angedrohten großen Gefahren“ aussetzen, fahren extrem langsam und vorsichtig. Das beruhigt und schon bald verschwindet die Angst, dass man hier wegen der Enge der Straße besonders von Autos bedroht sei. Es ist eine Bergstrecke, wie wir sie aus Tirol kennen, aus der Zeit unserer Kindheit und Jugend. Nur der Wald ist anders, die Föhren viel höher, die Nadeln viel länger. Bei einer kurzen Rast hebe ich einen schönen Nadelbuschen auf und klemme ihn hinten an die rote Packtasche, quasi als mein Oregon-Maskottchen.

Die Auffahrt mischt die Bilder aus der Gegenwart mit Erinnerungen an Früheres auf wunderschön verträgliche Weise. Leider sind in dem dichten Wald die Ausblicke sehr spärlich; die Sehnsucht, dass die langwierige Kletterei doch ab und zu von einer Aussicht übers Land belohnt werde, bleibt. Erst am Windy Point tut sich ein Fenster auf:

Nein, das hier sind definitiv nicht die Alpen. Eine schwarz-violette Steinwüste mit silbrig-grauen, verästelten Baumstämmchen und ein paar dünnen, grünen, nicht sehr hoch aufragenden Föhren und windzerzausten Fichten tut sich plötzlich vor uns auf. Im diesigen Hintergrund wird die bizarre Kontur des Mount Washington erkennbar. Rechts daneben steigt der Qualm eines Waldbrandes auf, formiert sich zu einer weißlich-grauen Wolke, die ostwärts strebt, dorthin, wo wir herkamen, wo sie sich erstmals als Schleier auf unseren Blick ins John Day Valley gelegt hatte.

Eine lehrreiche Informationstafel erklärt in ein paar Sätzen die Entstehung dieses geologisch sehr jungen Lavafeldes. Der Anblick erinnert natürlich an die Craters of the Moon in Idaho; doch die scharfkantigen Berge und Vulkangipfel ergeben ein ganz anderes Bild als die schier unendlliche Weite der Craters, in die sich die drei Buttes so unverwechselbar hineingesetzt hatten. Und doch ist es auch hier heroben ein Gelände, ein Terrain, das kaum menschen- und lebensfeindlicher, karger sein könnte. Allein die Vorstellung, hier durchgehen zu müssen, schmerzt in den Füßen. Umso erstaunlicher wird der Anblick eines possierlichen Prairie-Hörnchens, das an einem völlig verdorrten, gelbbraunen Grasbüschel knabbert und danach den steinigen Abhang hinunterflitzt und zwischen den Lavabrocken verschwindet.

Bis zur Passhöhe schlängelt sich die schmale Straße durch das Lavafeld. Oben gibt es eine Erweiterung – einen breiten Autoparkplatz und eine seltsam anmutende, begehbare Skulptur aus Lavabrocken mit großen finsteren Löchern, die in dem aufgebauten kegelförmigen Steinhaufen wie Augen eines Krakenkopfes aussehen. Wir sind nicht die ersten, auch nicht die einzigen, die den kleinen Weg zu dem Krakenkopf, dem Dee Wright Observatory, hinaufgehen, um den beeindruckenden Rundblick zu erleben.

Für unsere Energieauftankpause rollen wir ein Stückchen von der Passhöhe hinunter, zweigen an einem einmündenden Waldweg ab und finden sogar einen liegenden Baumstamm zum Hinhocken. Sandig, staubtrocken und im wahrsten Wortsinn brandgefährlich ist hier alles. Der Pacific-Crest-Trail führt an unserem Plätzchen vorbei, eine große Info-Tafel warnt einmal mehr vor offenen Feuern und derzeit wegen der Waldbrände vorbotenen Landstrichen.

Eine Zeit lang schaukelt sich die Straße noch über und durch die feindselige Lavalandschaft, bietet jedoch immer wieder faszinierende Ausblicke auf die imposanten Berge mit ihren Schneeflecken, die die düstere Steinwüste kontrastieren. In zahlreichen Haarnadelkurven, derentwegen diese Straße auf der Westseite des McKenzie Passes noch länger als die Ostauffahrt gesperrt ist, geht die Abfahrt auf einer wunderschönen Strecke durch Wälder und Lichtungen hinunter ins Tal des McKenzie Flusses.

Wie idyllisch die Phase auf dieser hübschen, alten Bergstraße war, wird uns bei McKenzie Bridge schmerzlich bewusst. Hier endet die Oregon 242 und mündet in die highway-mäßig ausgebaute Route 126, die vom Santiam Pass herunterkommt, den wir ursprünglich zu fahren gedacht hatten. Der Straßenlärm umfängt uns wieder. Die Geschwindigkeiten und auch die Vehikel werden größer und erfordern eine Art von Aufmerksamkeit, die wir für eine Weile schon fast verlernt hatten.

Der Laden, der eigentlich den Ort McKenzie Bridge ausmacht, tröstet ein wenig über den ersten Verkehrsschock hinweg: Es gibt hausgemachte Apfelkuchen und andere kleine Mehlspeisen, Kaffee, Coke und nette Sitzmöglichkeiten in einem mit Altwaren und remakes, gläsernen Lampenschirmen und Nippes aller Art angerammelten Verkaufsraum. Wir lassen noch die Passhöhe, die Lavafelder, die heimelige Bergstraße in uns vorüberziehen und beschließen, noch möglichst weit das Tal hinaus zu fahren. Bis Eugene wird es heute zwar nicht mehr reichen – aber das Lodge- bzw. Motel-Angebot hier in McKenzie Bridge finden wir nicht sehr einladend. Die internet-Karte deutet Übernachtungsmöglichkeiten in Rainbow und auch in Blue River an.

Hwy 126 umfährt den Ort Blue River; die Cascades Street führt ins „Zentrum“ – zu einer inaktiven Autowerkstatt und einem nur dürftig bestückten General Store. Ein junger Mann sieht so aus, als würde er in diesem Laden arbeiten. Auf unsere Frage, wo man hier übernachten könne, schüttelt er den Kopf, sagt, er wüsste nichts von einem Motel oder einem campground hier, aber der Mann in der Tankstelle nebenan kenne sich hier besser aus. Einen kurzen Moment lang habe ich den Eindruck, als wäre unsere Frage unpassend und absurd, als wäre es völlig unreell, heutzutage hier überhaupt anzuhalten in diesem Ort, der längst auf dem Weg zum Ghost City Status, aber eben noch nicht dort angelangt ist. Sonst wären vielleicht ein paar Anzeichen von Fremdenverkehrswirtschaft – Infotafeln, ein Büro des Chambers of Commerce oder so etwas – zu sehen. Dem war jedoch ganz und gar nicht so.

Das Tankstellen-Geschäft hatte auch ein paar Regale mit allerlei für uns unbrauchbaren „Lebensmitteln“ – aber auch einen hot-dog-Topf, der in mir einen unerwarteten Appetit auslöste. Der Tankwart sagte, er hätte noch zwei Stück übrig, die können wir haben – for free. Dann verspricht er auch noch, sich um unsere Herbergssuche zu kümmern – er müsse nur seinem Nachbarn vom General Store mit dessen Motorrad kurz helfen. Wir packen inzwischen die warmen Würstln in eine Alu-Folie ein, schleichen abermals an den Regalen vorbei – wieder einmal in der Hoffnung, außer den hot dogs etwas Essbares zu finden. Aber wir werden nur in der Kühlabteilung fündig – eine Dose Coor’s Light und eine Pabst … Flüssignahrung.

Der Tankwart ruft für uns dann den Eigentümer eines Ferienhauses in der alten Ranger Station an, das nur ein paar Schritte von hier entfernt sei. Hanna übernimmt das Telefongespräch – und nach ein paar Instruktionen, wie wir in das Haus hineinkommen würden und was wir zu zahlen hätten, ist auch diese Übernachtungsmöglichkeit organisiert, obwohl das Ferienhaus normalerweise nicht für weniger als drei Tage zu mieten wäre. Wir bekommen den Besitzer nie zu Gesicht, das Haus – eines der Gebäude in der Anlage des McKenzie River Mountain Resorts – war auch nicht abgesperrt, war mit allem ausgestattet, was man hierzulande von einer gut bestückten Ferienwohnung wohl erwartet. Wir konnten das gar nicht ausnutzen, lasen die Hausordnung sorgfältig durch und waren froh, dass wir um so wenig Geld dermaßen luxuriös untergebracht waren. Wir spazierten noch einmal zurück zur Tankstelle, kauften noch ein paar Dosen Bier und bedankten uns beim Tankwart für seine Hilfe. Der freute sich ganz unprätentiös, als wäre es eine selbstverständliche Gastfreundlichkeit, die keiner sonderlichen Erwähnung wert sei. Für mich war das aber erwähnenswert, weil so eine Hilfsbereitschaft in meinem Erfahrungsschatz ganz und gar nicht üblich ist.

von Blue River nach Eugene
3. September 2011

Es ist der Tag der Ausfahrt aus den Cascades. Links und rechts des McKenzie River steigen die dicht bewaldeten Berge recht steil an und formen dem Wasserlauf ein abwechslungsreiches, von Biegung zu Biegung kaum je geradlinig verlaufendes Bett. Das anfangs enge Tal, in dem auch die stark befahrene West-Ost-Route am Nordufer des Flusses ihren Platz beansprucht, wirkt dennoch nicht schroff, sondern zum geruhsamen Verweilen einladend. Immer wieder bleiben wir stehen, genießen Blicke auf das Wasser, das etliche Male überbrückt ist, um zu Bootlandestellen, Zeltplätzen oder einfachen Fischerhütten zu gelangen.

In Nimrod, einem kleinen Nest am Weg, hält Hannas Hinterradreifen plötzlich die Luft nicht mehr. Der Patsch‘n erzwingt einen Halt, justament bei einem Haus mit kläffenden Hunden. Nach einigem Grollen beruhigen sie sich und ersparen uns irgendwelche Konterattacken. Die Reparatur gelingt nicht auf Anhieb, erst im zweiten Anlauf, was den Durst in der Hitze und die Lust auf ein umfassendes Frühstück noch um ein paar Prozentpunkte steigert.

Im Vida Café, das in einem ebenerdigen Holzhäuschen an der Straße untergebracht ist, wo das Tal ein wenig aufgeweitet ist, haben wir Glück, dass gerade zwei Plätze frei geworden sind. Es scheint auf eine längere Strecke hin das einzige Lokal zu sein, wo man etwas zu essen und zu trinken erhalten kann – jedenfalls kommen nach uns immer wieder Leute herein und verlassen das Café wieder, weil die kleine Hütte voll ist. Unser anfängliches Glück über die freien Plätze weicht allmählich einer an den Nerven zährenden Wartestimmung, weil die Küche sogar für dieses kleine Lokal zu klein ist und zu wenig Personal beschäftigt wird. Recht bald zeigt sich, dass mehr als die Hälfte der Gäste auf ihr Essen warten. Eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern auch eingekehrt ist, wird von ihren Kleinen – Geduld gehört nicht zu den typischen Kindereigenschaften – so genervt, dass sie unverrichteter Dinge nach wenigen Minuten wieder hinausgeht. Nach fast einer Stunde bekommen wir endlich unsere hashbrowns und die Eier, Version „over easy“ bzw. medium scrambled. Wieviele coffee-refills wir bis zu diesem Zeitpunkt schon getrunken hatten, weiß ich gar nicht mehr.

Die Durchfahrt durch Springfield und die Einfahrt nach Eugene gehen ineinander über. Wie immer in solchen Situationen der Annäherung an größere Stadtzentren werden die Straßen mehrspurig, der Verkehr hektisch, das Orientieren und rasche Entscheiden anstrengender, besonders wenn ein genau adressiertes Ziel zu erreichen ist: Die Grayhound Station. Es gelingt dieses Mal um einiges besser als in Minneapolis, aber ganz ohne aufwändige Selbst- und Stressbeherrschung und strenge Blicke zueinander geht es nicht ab.

In der Grayhound Station erklärt mir der einzige Beschäftigte am Schalter fast begeisternd, welche Möglichkeiten wir hätten, nach San Francisco mit dem Bus zu gelangen. Nach etwa einer drei Viertel Stunde bin ich über die kostengünstigste Variante und die Unmöglichkeit, hier für die Fahrräder die Gepäckskosten zu bezahlen, informiert, habe zwei tickets in der Hand, von Eureka, California, nach San Francisco, vorsichtshalber und wegen des Vorverkaufrabatts datiert auf den 14. September. Mit dem ticket könnten wir freilich auch schon früher fahren, versichert mir der gute Mann und entlässt mich als glückselig strahlenden Kunden.

Nur wenige Schritte von der Busstation entfernt finden wir unser Quartier für die Nacht. Ein geruhsamer Spaziergang durch die mit vielen Einfamilieenhäusern bebauten Straßengevierte wird gekrönt von einem Besuch im High Street Brewery & Café Home, einem hübschen Gastgartenlokal, in dem die Leute auch das Bier selbst brauen und das Essen endlich schmackhaft und ansehnlich und nahrhaft ist. Der vertröstende Ausspruch meiner Schwester, die unsere Ernährungsmisere schon in New York State kommentiert hatte – „Auf gutes Essen müsst ihr warten, bis ihr im Westen seid“ – bewahrheitet sich.

von Eugene durch die Coast Range nach Florence an den Pazifik
4. September 2011

Einen Sonntag Morgen in einer großen Stadt, so etwas hatten wir schon lange nicht mehr: Downtown ohne Wolkenkratzer, für den Broadway und Teile der Williamette Street eine fußgeherfreundliche Straßenoberfläche, die alle, die sich auf ihr bewegen, zu respektvollem Raum Teilen auffordert, Querstraßen mit mehreren Radstreifen, ausreichend breite Gehsteige, Alleen mit Bäumen, Plätze mit Blumenschmuck – die Stadt scheint ein größeres Budget für den öffentlichen Raum bereitzustellen als viele andere Städte, durch die wir bisher gekommen sind.

Noch sind kaum Autos unterwegs, Menschen noch weniger, nur ein Mann mittleren Alters kreuzt und quert die Straße laut deklamierend – doch fehlt ihm das Publikum und die Polizei lässt ihn auch in seinem tranceartigen Zustand. Wir sind früh dran, weil wir wissen, dass es heute eine 100 km Etappe wird. Die vorab anvisierten Frühstückslokale sind (noch) gar nicht offen. Unser Streifzug durch mehrere Häuserblöcke endet daher in einem ziemlich snobistisch anmutenden Café mit etlichen Tischen auch auf dem boulevardartigen Gehsteig. In Wien wäre es ein typisches BoBo-Lokal. Die für unser heutiges Tagesvorhaben erforderliche Kraftnahrung gibt’s hier nicht, statt dessen kleine Portionen, große Preise und der Tee schaut auch nur nobel aus – ist aber sine nobilitate. Das Hunger-Stillen wird auf 25 bis 35 Kilometer westwärts verschoben.

Der blaue Himmel und die Sonne sind wie gewöhnlich fix über uns montiert. Sie strahlt zwar schon schön, aber wärmt noch nicht. Die schnurgerade Ausfahrt aus Eugene wird je später der Morgen umso mehr von motorisierten Vehikeln befahren. Das um den morgigen Labour Day verlängerte arbeitsfreie Wochenende scheint alle mit Wohnwägen, Motorhomes, Motorrädern, Bootsanhängern an den Ozean zu ziehen. Nicht nur uns. Ja, jetzt ist das Ziehen zum Pazifik schon sehr zu spüren. Und die Augen sind mehr und mehr auf dieses Ziel gerichtet – die Bilder links und rechts der Straße erhalten immer weniger Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sich in den vergangenen Wochen doch in so vielen Fotografien niedergeschlagen hatte.

Die Coast Range ist nach der Durchquerung des hier in der Eugene-Region breiten, flachen Willamette Valleys bald erreicht – das am Ortseingang von Veneta gelegene Dixie’s Café enttäuscht leider auch, nur anders als das snobistische in Eugene. Etliche Wochenende-Urlauber-Autos verlassen hier zwar den Florence-Eugene-Highway, um das Freizeitangebot am Fern Ridge Reservoir zu verbringen, doch macht sich das für uns nicht besonders bemerkbar, zumal die Straße nun auch etwas enger wird und sich durch die Gebirgskette zu winden beginnt. Nach alternativen Wegen durch die Küstenkette hinaus zum Ozean haben wir zwar Ausschau gehalten, die wenigen in der Karte eingezeichneten Straßen konnten jedoch beim Abwägen zwischen mehr Kraftaufwand und vielleicht weniger Verkehr nicht gewinnen.

Immer wieder passieren wir an etwas breiteren Talstellen Haselnussplantagen. An einer Gärtnerei machen wir Halt, weil sie ihr Obst und Gemüse, selbst gemachte Kuchen und auch Kaffee anbietet. Die wunderbar ausgereiften Paradeiser verschiedenster Sorten sind ein Hochgenuss. Der Highway hat das Tal des Siuslaw River verlassen und führt zu einem sanften, sattelartigen Übergang hinauf. Die Höhenangabe auf dem Straßenschild – es wird auf unserer Transkontinentaltour das letzte seiner Art sein – entlockt ein Schmunzeln: 769 ft. Ein enger Straßentunnel macht uns noch ein wenig Sorgen, er ist aber gut ausgeleuchtet und nach dem aufmerksamen Lesen der „instructions“ für Radfahrende drücken wir den Knopf und die Warnlichter über dem Tunnelportal beginnen abwechselnd zu blinken. Sie sollen den Autofahrenden signalisieren, dass „cyclists in tunnel“ unterwegs sind. Wir sind schnell genug durch, so dass uns kein Auto im Tunnel überholt. Der Motorenlärm des Gegenverkehrs war nahezu betäubend, nach der Ausfahrt wurde eine kurze Erholungspause nötig, der Puls musste wieder langsamer werden.

Danach geht’s bergab, wieder hinunter in das Tal, das jetzt aber wie ein Ventil wirkt, durch das die Luft vom Ozean landeinwärts drückt. Es ist, als ob das Meer sich mit allen Mitteln gegen unsere Annäherung zur Wehr setzen würde. Je bannender im vorauseilenden Kopf die Bilder von hohen Wellen, unendlichem Horizont, versinkender Sonne, umso ärger schmerzt die Anstrengung in den Beinen, gegen den immer mächtiger werdenden Wind, gegen jeden weiteren Meter kaputten, grobkörnigen Straßenbelag anzukämpfen. Das leichte Gefälle häuft sogar noch Hohn zur Mühsal, anstatt zu erleichtern, gewinnt dennoch der Wind und der Tachometer zeigt immer kleinere Werte. An einer Ausweichstelle ist es dann so weit, die Wut über den immer weiter sinkenden Kilometerdurchschnitt muss aus mir: Absteigen, Brüllen, Fluchen, hastige Schritte hin und her – schließlich das notwendige „Trotzdem“. Heute, bald, nimmer lang bis zum Pazifik! Noch einen Energiespender vertilgen, Aufputschmittel inklusive, dann wieder antreten. Dass bei Hannas Rad ein paar mal die Kette vom Blatt fällt, wirkt pervertierend beruhigend – nein, nichts mehr wird uns heute vom großen, weiten Wasser abhalten.

In Mapleton präsentiert sich das Siuslaw Valley ganz idyllisch. Der Fluss ist wellenlos glatt, wahrscheinlich irgendwo weiter unten aufgestaut. Es gibt einen kleinen Hafen, eine marina, wie es hier etwas übertreibend heißt. Das Örtchen bietet einfache, unprätentiöse Erholung. Während Frank’s Place unzweifelhaft für Harley Davidson Menschen vorbehalten ist, erfreuen uns ein guter Kaffee und homemade cookies in der Caffeination Station. Vom kleinen Balkon an der straßenabgewandten Seite des Hauses hat meinen beschaulichen Überblick über die Bootsanlegestelle und die marina.

Nach ein paar Biegungen wird das Tal allmählich weiter, die begrenzenden, bewaldeten Hügel immer niedriger. Seit Mapleton begleitet die Bahntrasse den Highway auf der rechten Seite. Der Höhenmesser zeigt schon längst, dass es nicht mehr weiter bergab gehen kann. Linkerhand fließt der Fluss gar nicht mehr – ich vermute, dass die Flut am Höhepunkt ist, weil der Wasserpegelstand schon ganz knapp unter dem Straßenniveau liegt. Die Eisenbahntrasse hat am Talhang etwas an Höhe gewinnen müssen, damit sie die Straße und den Siuslaw River ausreichend hoch überqueren kann. Für die höheren Schiffe, die bei Flut wahrscheinlich stromaufwärts fahren, wird ein Brückenelement auf einem Mittelpfeiler horizontal gedreht – also keine Hebe- oder Zugbrücke hier.

Ganz anders als an all den Tagen zuvor, wenn ich um diese Zeit mein Schirmkapperl unter dem Helm aufsetzen musste, um meine Augen vor dem Gegenlicht der im Westen flacher werdenden Sonne zu beschatten, taucht vor uns – es waren nur noch 2 bis 3 Kilometer vor Florence – am westlichen Hintergrund eine grau-braune Wolkenbank auf. Je näher wir kommen, umso düsterer wird diese Wand. Die Temperatur fällt fast blitzartig, so dass wir stehen bleiben müssen. Die Finger fangen zu frieren an, werden klamm und steif, die Winterhandschuhe liegen in der Schublade in der Wiener Wohnung. Pullover und Anorak, die lange Regenhose werden übergezogen. Nach ein paar Minuten erreichen wir das Ortsschild: welcome to Florence. Wir bibbern vor Kälte und der bis in die Seele hineinkriechenden Nebelfeuchtigkeit. Der Wunsch nach einer warmen Unterkunft mit heißer Dusche verdrängt rasend schnell die idyllischen Phantasien vom Zelt in den Dünen im Licht des langsam untergehenden orangefarbigen Sonnenfeuerballs am pazifischen Ozean ….

Das erste Motel in Florence hat kein Appartement, das zweite hat eines für uns. Wir haben also Glück – es ist ja das verlängerte Labour Day Weekend. Nach der wärmenden Reanimierungsphase spazieren wir noch ein paar hundert Meter zu einem Pizzaladen. Die Bar mit den halben Autokörpern an der Fassade wird nur fotografiert, nicht besucht.

Der Ozean hat dieses Match gewonnen, hat sich uns heute verweigert. Nur heute – schwören wir drohend.

Mehr Trans-Oregon-Bilder im Album!

durch Oregons Berge (2) – am Ochoco Highway zu den Cascades

Mittwoch, 14. März 2012

von John Day über den Keyes Creek Summit nach Mitchell
30. August 2011

Zum Besuch des Kam Wah Chung Museums in John Day fehlte mir die Extraportion Wissbegier. So bleiben unsere Kenntnisse über die chinesische Immigration nach Amerika auf einem rudimentären Wissensniveau, dass nämlich tausende chinesische Immigranten im amerikanischen Westen als Eisenbahnbauarbeiter unter schlimmsten Bedingungen geschuftet haben, dass chinesische Immigranten so wie europäische auch vom Goldrausch besessen waren und dass sie hier, fern von ihrem asiatischen Herkunftsland, Gruppen – communities – mit starkem inneren Zusammenhalt gebildet hatten. In John Day gibt es also keinen diesbezüglichen Wissenszuwachs für mich, keine Niveauanhebung. Das ist auch den vielen Schaufenstern chinesischer Händler in dem Städtchen zuzuschreiben, die so voll von mir unsäglich missfallendem China-Möbel- und Nippesramsch sind, dass jeglicher Anreiz verpuffte, das mit etlichen Schildern beworbene Alltagskulturmuseum der chinesischen Immigrationsgeschichte aufzusuchen. Mag sein, dass ich dem Museum Unrecht tu. Das wird es verkraften. Wir machen uns, weiterhin nur rudimentär gebildet, auf den Weg im John Day Valley.

Die Luft ist heiß, trocken, die Konturen der Berge verschwommen, unscharf, als hätten wir einen dauerhaft trüben Blick. Eine Herde schwarzer Angus-Rinder weckt die Erinnerung wach an deren arme, neurotisierte Artgenossen in den staubigen Gehegen jenes cattle-feeders südlich von Mountain Home. Steaks von diesen  hier im John Day Valley weidenden Tieren würde man – im Vergleich dazu – in der österreichischen AMAG-Werbung das Gütesiegel „Vom glücklichen Angus-Rind“ verpassen.

Dayville – ich habe diesen Ortsnamen sofort anders, nämlich wie Devil ausgesprochen (mein kleines, persönliches Sprachamusement) – ist laut Landkarte die letzte Ortschaft vor der Bergetappe . Also scheint Energievorsorge angebracht: Im DayvilleMerc, einem wirklich alten country store, gibt’s sogar ein winziges rundes Tischchen und zwei Stühle, wo wir uns in der gekühlten Ladenhalle hinsetzen können, um den obligaten, unaussprechlich dünnen Kaffee und ein paar recht seltsame Kekse einzunehmen. Die Lady, die uns an der Kasse das Geld für unsere ratenweise, weil allemal unentschlossen, und quasi testweise getätigten Minieinkäufe abnimmt, scheint keine große Freude mit derartigem Kundenverhalten zu haben: Wir brauchen drei Anläufe durch die Regalgassen dieses Landkaufhauses, um ein paar Kuchelen zu kaufen. Die reelle Nahrungsmittelzufuhr erfolgt letztlich doch aus unserer eigenen „doping“-Tasche …

Fast ein déjà-vu-Erlebnis war der Anblick der Picture Gorge, ein paar Kilometer nach Dayville. So eine Schlucht, die durch Auffaltung der tektonischen Platten entstanden war, hatten wir schon kurz nach Thermopolis zu Gesicht bekommen: Der Wind River Canyon hatte sich ganz ähnlich präsentiert wie jetzt diese Schlucht, die die Lavaschichten für den John Day River vor Millionen von Jahren offen gelassen hatten, so dass das Wasser nach Norden abfließen konnte. Zahlreiche Informationstafeln und Werbeschilder machen auf diese Schlucht, die indianischen Wandzeichnungen an ihren Basaltwänden und auf den John Day Fossile Park aufmerksam. Steine oder Versteinerungen Sammeln war aber keine ernstzunehmende Option für uns. Außerdem haben mich mittlerweile die allzu marktschreierischen Geschichtsbeschwörungen in diesem Land schon etwas abgestumpft.

Mitten in der Schlucht zweigen wir ab Richtung Westen, verlassen das John Day Valley und beginnen die Auffahrt zum Keyes Creek Summit. Im vorbereitenden Streckenstudium hatte ich mich bei diesem Anstieg, vor allem beim Höhenunterschied, ziemlich vertan, weil ich die 300 m Höhenverlust von John Day bis zur Picture Gorge übersehen hatte. So wurde diese Etappe doch zu einer veritablen Bergtour mit 700 Höhenmetern. In vielen Kurven windet sich die Straße durch das enge Tal des Mountain River hinauf, gespickt mit etlichen steilen, giftigen Rampen. Der rauhe Straßenbelag und der starke Gegenwind verschliess noch zusätzlich Kräfte. Endlich oben an der Passhöhe empfängt uns das gelbe Hinweisschild, dass man hier nun die Schneeketten anlegen solle …

So kalt war es zwar nicht, aber die Strahlen der noch immer recht hochstehenden Sonne wärmten am Keyes Creek Summit und vor allem auf der Abfahrt nicht mehr. Rauchwolken, die schon bei der Abfahrt vom Dixie Summit hinunter nach Prairie City den Blick auf das John Day Valley eingetrübt hatten, schoben sich jetzt wie eine Mattglaswand vor die Sonne.

Die Hauptstraße von Mitchell zeigt nicht ohne einen gewissen Stolz seine auf alten „Westernlook“ getrimmten Holzbauten: ein Kaufhaus, einen Arts & Crafts Laden, sogar drei Cafés bzw Bars und das schmucke „Oregon Hotel“ gegenüber den Zapfsäulen der Tankstelle.
„Are you looking for a room? The owner , she is next door, in the bar – I’ll get her for you“, sagt der junge Arbeiter, der just in dem Moment aus dem Hotel herauskommt, als wir uns zur Übernachtungsfrage anschicken. Der Mann sieht so aus, als wäre er, wie etliche andere, die hier beim Straßenbau arbeiten, ein Langzeitbewohner im Hotel. Wir warten ein paar Minuten, dann kommt die etwa 45jährige Frau aus der Bar nebenan heraus und auf uns zu. Ja, sie habe Platz für uns, die Fahrräder könnten wir hinter dem Haus abstellen – „Don’t push them through the lounge“, warnt sie uns eindringlich und zeigt uns den Seiteneingang in der Bretterwand bei der Gebäudeecke, durch die wir unsere Räder schieben können.

Es wird sofort klar, dass das „Oregon Hotel“ in Mitchell ihr ganz persönliches Schmuckkästchen, vielleicht sogar ihr Lebenswerk ist. Wir haben kein Problem, diesem Faktum den gebührenden Respekt zu zollen, und quartieren uns im Oberstock in dem wunderlichen großen Zimmer mit zwei Queen Beds ein. Nachdem die üblichen check-in-Formalitäten absolviert waren, sagt sie noch, dass es nebenan noch etwas zu trinken gäbe.

Das Bierbesorgen gerät dann zu einem etwas skurillen Erlebnis: In der Bar neben dem Hotel, hocken zwar ein paar Leute – darunter auch unsere Hotelbesitzerin – an der Theke, doch gibt mir die Barkeeperin missverständlich zu verstehen, dass ich hier nichts mehr trinken könne, aber ich solle ihr doch sagen, was ich gerne haben möchte. Etwas irritiert folge ich ihr zu einem großen Eiskasten, in dem eine ganze Menge Bierflaschen und -dosen eingekühlt liegen. „How many do you want?“ Ich muss ja nicht alles gleich kapieren, sage, dass ich gerne drei hätte. Sie nimmt sie heraus, packt sie in drei Papiersackerln und reicht sie mir. Ich dachte, die Zeit der Prohibition wäre längst vorbei. Manche Üblichkeiten leben offensichtlich überlang.

Die Erklärungen über die Möglichkeiten des Frühstückens am nächsten Tag versetzen mich ein weiteres Mal in kopfschüttelndes Unverständnis: Es gibt in diesem Nest drei Cafés bzw. Bars, deren Eigentümer sich aber nicht auf konsumentenfreundliche Öffnungszeiten einigen können. Denn sie haben zu völlig undurchschaubaren Tageszeiten geöffnet, scheinen diese auch öfters zu ändern, so dass sie selbst nicht wissen, wer wann aufmachen darf – aber meistens haben sie zu denselben Zeiten geschlossen. Also wird es morgen früh wohl oder übel einmal mehr beim so genannten „continental breakfast“ bleiben, von dem man hungriger weggeht als man hingekommen ist.

von Mitchell über den Ochoco Pass nach Prineville
31. August 2011

Die Morgensonne machte zwar ein Licht, das wieder ein wundervolles Fahrtwetter für den Tag versprach, jedoch war die Luft noch so wenig erwärmt, dass man schon nach ein paar hundert Metern etwas Langärmeliges überziehen musste. Vielleicht rührte die fehlende Körpererwärmung aber daher, dass es von Mitchell zuerst ein gutes Stück lang nur bergab ging – in Fortsetzung der Abfahrt des gestrigen Abends vom Keyes Creek Summit. Die Ausfahrt aus Mitchell hat die Natur ziemlich imposant mit zwei portalbildenden, hoch aufragenden Buttes gestaltet. Ihr Alter hatte ihnen freilich schon recht zugesetzt: „Olles baufällig“, war ich geneigt zu sagen beim Anblick der unzähligen Trümmer und Basaltsteinbrocken, die so aussahen, als hätten sie sich erst vor kurzem von ihrem „Mutterfels“ getrennt und in die Tiefe gestürzt.

Die Auffahrt zum Ochoco Pass war nicht besonders spektakulär, der Landstrich ist sehr dünn besiedelt. Ab und zu sieht man geschotterte Wege, die von der Straße abzweigen und zu irgendwelchen Ranches führen. Der Ochoco Highway windet  sich in weit geschwungenen Bögen die weichen, rundlichen Berge hinauf. Allmählich machen sich auch die wärmer gewordenen Sonnenstrahlen und vor allem das fehlende Frühstück nachteilig bemerkbar, das uns alle drei Cafés in Mitchell vorenthalten hatten. Bananen und Erdnussbutterriegel aus der eigenen mobilen Nahrungsmittelabteilung bewahrten uns aber vor einem gröberen Energieausfall.

Noch lange nach der Passhöhe schlängelt sich die wenig befahrene Straße durch die lockeren, luftig anmutenden Föhrenwäder. Alles ist staubtrocken und die unzähligen Schilder, die das Feuermachen verbieten, überraschen nicht. Wieder denke ich mir, dass ich hier nicht unterwegs sein möchte, wenn’s brennt. Kurz vor dem Erreichen der ebenen Senke zwischen den Ochoco Mountains und den Cascades kommen wir noch am Ochoco Stausee vorbei – ein untrügliches Zeichen für weiträumige landwirtschaftliche Flächennutzung.

Prineville überrascht – es ist ein pulsierendes Städtchen mit schmuckem Rathaus und einer ziemlich großen Menge von Häuserblöcken. Wir bleiben hier, bis Redmond wäre es zu weit und von dort bis Sisters, dem Startort für die Querung der Cascades, zu kurz. So bleibt noch reichlich Zeit für einen beschaulichen Stadtbummel und meinen ersten, einzigen und somit auch letzten Steak-Esstest, den ich in Barney Prine’s Steakhouse absolviere. Die Einzelbewertung ändert gar nichts am bisher gewonnenen Gesamturteil der „cuisine américaine“ …

von Prineville nach Sisters
1. September 2011

Prineville bewahrte uns vor der Wiederholung des gestrigen Mankos: Bei Dad’s Place, einem typischen family restaurant stimmt nicht nur das breakfast-Angebot. Die Plauderei mit der Kellnerin – Kategorie FAQs – wurde im Nu zum Gesprächsthema Nr. 1 bei den Wirtsleuten. Frau Wirtin kam nochmals zu uns an den Tisch und meinte, dass wir doch unbedingt über den McKenzey Pass fahren sollen, anstatt die Route über den Santiam Pass zu nehmen. Dann mischte sich auch noch ihr Mann, der aus der Küche extra herauskam, ein und wischte mit einer lässigen Handbewegung mein Argument weg, dass es über den Santiam Highway um etliche Höhenmeter weniger seien.

You‘ll make that easily. I have done it many times. And it is soooo beautiful on McKenzey’s. You must not miss it! Wir können das ja später entscheiden, in Sisters, sagen wir und nehmen den Tipp herzlich dankend an.

Ein kurzer Anstieg überwindet eine Geländekante, die im Westen den Siedlungsraum von Prineville abschließt. In Redmond haben wir Lust auf einen erfrischenden drink und verfahren uns beinahe. Schließlich finden wir doch in downtown Redmond einen einladenden Platz, den Centennial Park, der  ein lustiges Wasserspiel, Schatten spendende Sonnenschirme und ein kleines Café hat.

Nach dem ruhigen, verkehrsarmen Tag durch den Ochoco National Forest kam nun eine typische „Überbrückungsetappe“: Vom einen Bergland herunter über eine Art Hochebene zum Fuß der nächsten Gebirgskette. Es ist die Senke, durch die jene Pioneers gekommen waren, die sich von Stephen Meek’s cutoff ca. 1845 getrennt hatten, um entlang dem Crooked Creek sicherer nach Norden zu gelangen.

Was damals noch ziemliche Wildnis gewesen war, stellt sich uns jetzt auch noch als „Zwischenland“ dar, das heute allerdings von tausenden Autos, Transportern und pick-ups durchquert wird. Links und rechts der dicht befahrenen Straße gibt es kaum eine Attraktion, die zum Verweilen einlädt. Doch der Verkehrslärm und die Hitze zwingen zu kurzen Erholungspausen im sandigen Abseits und überraschen manchmal mit skurillen Anblicken.

Die Berge im Westen sind die eigentlichen Blickfänger. Sie begrenzen diese von Gräben und welligen Buckeln durchzogene Hochebene vor uns. Es ist eine langsame Annäherung, doch werden die Konturen kaum schärfer. Noch immer trüben die Rauchfahnen der Waldbrände im Westen den Durchblick. Wir sind offenbar nicht die ersten und auch nicht die einzigen, die von diesen kegelförmigen, mit vergletscherten Rinnen durchsetzten Bergen fasziniert sind, die sich – aus der Entfernung betrachtet – fast ansatzlos aus dem Hochplateau erheben.

Die Anziehungskraft dieser Naturkulisse ist gewiss eine wichtige ökonomische Grundlage für das Städtchen Sisters. Die Hauptstraße präsentiert sich – anders als etwa Jackson in Wyoming, das das Rodeo-Cowboy-Image kultiviert und kommerzialisiert – als (Berg)wandererort. Dementsprechend groß und einschlägig ist das Angebot an Unterkünften, Cafés, Bars, Restaurants. Etwas außerhalb des Zentrums finden wir, was wir zum Übernachten und selbstversorgenden Abendessen brauchen. Es entstand nicht die geringste Sehnsucht nach Tourismuskneipen.

 

Mehr Trans-Oregon-Bilder im Album!

durch Oregons Berge (1) – Blue Mountains

Sonntag, 19. Februar 2012

in Ontario, Oregon; 25., 26. August

Hannas Besuch im Zahntechniklabor in Ontario kann ich für einen wunderbar langsamen Haarschnitt beim barber nützen, einem etwa 30jährigen Mann, dem es sichtlich Freude macht, sich um die paar Haare so sorgfältig zu kümmern, als wäre damit noch eine Frisur herbeizuzaubern. Da wird kein Handmaschinenmäher verwendet, um in ein, zwei Minuten alles Haar auf 5 Millimeter stutzen, wie das meine Wiener Frisörin am liebsten tut, weil ich unwiderruflich für sie nie mehr ein frisierbarer Kunde werden würde. Mein Ontario-barber hat mich mitten in seinem Salon auf einen erhöhenden Stuhl gesetzt, mich mit Schere und Kamm umkreist und hunderte Male geschnippselt und immer wieder aufmerksam kontrolliert, ob die Schnitte auch ein ansehnliches, gleichmäßiges Bild ergäben. Ich konnte sein Werken gar nicht überprüfen, weil mir gegenüber kein Spiegel hing.  Mir vis-à-vis ist statt dessen ein älteres, reichlich dickes Ehepaar, das kurz nach mir hereingekommen war und auf der Stuhlreihe Platz genommen hatte. Diese Anordnung der wartenden, der behandelten und der behandelnden Personen im Raum hätte ein schweigendes Nebeneinander gar nicht vertragen; so kam, was kommen musste angesichts meines Fahrrades vor der Eingangstür und der Motorradbilder an den Wänden des barber-shop: bicycling or motor-biking? Die Antworten – es ging unter anderem auch um Präferenzen – waren stark körpergewichtsabhängig.

Die speed-Etappe von Murphy nach Ontario hat mehr Energie aus meinem Körper herausgeholt, als ich ihm zugeführt hatte. Das hat er sich nicht gefallen lassen und am Morgen des übernächsten Tages unerbittlich zusätzliche Gesundschlafstunden eingefordert. Erst nach der dritten Nacht war ein Weiterfahren zumutbar geworden.

von Ontario, OR nach Brogan; 27. August
von Brogan nach Unity Lake State Park; 28. August
von Unity über den Blue Mtn und den Dixie Summit (Blue Mountains) nach John Day; 29. August

Riesige Werbetafeln am Berghang vor Vale zeigen den hier Vorbeifahrenden, dass sie sich auf schwer geschichtsträchtigem Terrain befinden, dem Oregon Trail. Auf dem waren wir zwar schon vorher – zumindest annähernd – auf unserem letzten Idaho-Abschnitt von Grand View bis Marsing bzw. Homedale und auch schon davor, allerdings auf Goodale’s Cutoff in High Prairie. Doch erst hier in Oregon werden wir so augenfällig – mit großen stage-coach-Plakaten – darauf aufmerksam gemacht. Vale präsentiert sich als Stadt, die man,  so empfehlen die Schilder am Ortseingang recht eindringlich, doch unbedingt ansehen soll, weil hier die Geschichte der emigrants, der pioneers am Oregon Trail auf zahlreichen Wandmalereien anschaulich dargestellt sei. Visit Vale and its Murals! Und tatsächlich wird schon gleich bei der Einfahrt in den Ort deutlich, dass hier der Versuch unternommen wird, mit dem Mural-Concept der Oregon Trail Geschichte dem Städtchen eine tourismuswirtschaftliche Attraktion zu verpassen.

Die Bewässerungssysteme auf den Feldern sind alt, primitiv; man sieht Latinos, die die hunderten Wasserwinkelheber händisch so positionieren, dass das Wasser aus dem Graben am Rain über den Ackerrandwulst hinüber in die Furchen rinnt. Im Ort sind alle Aufschriften, Informationen und amtlichen Nachrichten zweisprachig, spanisch und englisch. Die Wandmalereien spiegeln die ethnische Vielfalt der Ortsbewohnerschaft wider. Die unter der Fast-Food-Kette „Dairy Queen“ firmierende Imbissbude wird von Latinas betrieben; es schaut so aus, als wäre die weiße Tünche gerade erst kürzlich auf die Wände, die Decke und die Fenstergesimse aufgebracht worden. Das Essen ist nicht mehr erwähnenswert, alles déjà vu. An den kleinen, fragilen Tischen sitzen junge Arbeiter in Camouflage-Overalls, Mütter mit Kinderwägen, Buben und Mädchen, ein paar Rentner und ein Lehrer mit seiner Frau – eigentlich ein nahezu repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, wie mir scheint. Er sei hier aufgewachsen, erzähltuns der Lehrer vom Nebentisch, mit dem wir ins Reden gekommen sind, nur kurz wäre er weggezogen, aber sehr bald nach Vale zurückgekommen; mit den jungen Menschen in der Schule hier zu arbeiten, hier, wo er sich gut auskennt, wo er etwas weiterzugeben hätte, etwas Wichtiges, hier zu bleiben – das macht für ihn Lebenssinn, erst recht in Zeiten wie den jetzigen und hier, den Jungen trotz allem Kraft und Hoffnung zu geben. Mainstream definiert sich an den Ausnahmen, fällt mir dazu ein. Unsere fish and chips werden aufgerufen. An der Budel neben den Gaskochern und der Friteuse und an diversen Abstellflächen, wo die üblichen Tischutensilien versammelt sind, werken zwei, drei Mädchen im Schulalter, sie gehören wahrscheinlich zu dem Familienbetrieb. Die kleinen Buben blödeln am Pepsi- und Eiswürfelspender.

Schon vorige Woche, in Idaho Falls, hatten wir uns für die Weiterfahrt von Vale westwärts die Strecke über die Berge, auf dem Highway 26, ausgesucht wegen der Hitze in der Wüste, die auf der Route am südlichen Rand der Blue Mountains, dem Highway 20, zu erwarten war. Heute, zurückblickend, weiß ich, dass diese Entscheidung eine gegen Meek’s Cutoff war, der hier in Vale vor über 150 Jahren einen wagon-train von der Hauptroute des Oregon Trail weg südwestwärts fast ins totale Verderben geführt, den Emigranten eine Abkürzung versprochen hatte, einen Weg, auf dem man den Gefahren der Berge ausweichen könne.

Wir verlassen aber nach Vale auch den „normalen“ Oregon Trail, der von hier ziemlich genau nach Norden Richtung Huntington lief, und radeln in das flache Tal des Willow Creek hinein. Da sind nicht mehr die riesigen Farmland-Monokulturen, wie wir sie in North-Illinois und in Wisconsin oder auch schon in Ontario/Canada gesehen hatten. Alles ist vergleichsweise noch ärmlicher als oben in der High Prairie in Idaho. Die Felder sind leicht überschaubar, die Bewässerungskanäle werden händisch gewartet, überall sind kleine Hütten, Behausungen eingestreut, hin und wieder schauen uns Pferde auf kargem Weideland beim Vorbeiradeln nach. Die großen, wie Riesenspinnen aussehenden, metallisch schimmernden Silokomplexe gibt es hier nicht.

An der Main Street von Jamieson wächst das Gras schon fast über die dort zur Verrottung abgestellten Autowracks. Der grocery store neben dem post office hat schon vor wer weiß wievielen Jahren sein Verkaufspult hochgeklappt; der mit Holzlatten verkleidete Laden wird für seine Verwitterung sicher nicht so lange brauchen wie die rostigen pick-ups und vans. Das Postamt, die kleine, graue Betonschachtel, zu der überproportional große Betonrampen mit Geländern hinführen, wird, so erfahren wir später in Brogan,  noch zweimal pro Woche ein paar Stunden bedient.

Grabsteine Lesen ist eine besondere Art, über längst vergangene Zeiten etwas erzählt zu bekommen. Es sind zwar nur ganz kleine Splitter, Stückchen eines Puzzles, das mit dem Teil und seiner Inschrift gar nicht einmal beabsichtigt war. Aber sie animieren – manche stark, andere nur wenig – im Kopf des Betrachters ein Bild daraus zu formen: Died Sept.12, 1899 Aged 1 Y, 1 Mo, 22 D’s. oder ganz häufig vorkommende Namen wie Scott, Kendall, Logan oder der Stein einer 23jährigen, die 1885 gestorben ist, also möglichweise als Mädchen mit ihren Eltern in so einem stage-coach auf dem Oregon Trail … vielleicht geführt von Jonathan Keeney, Died Aug. 15, 1878, Aged 62 Y’s & 13 d’s

In Brogan ist im internet unsere letzte Möglichkeit für’s Zelten mit Trinkwasser und Waschgelegenheit angegeben; der nächste Ort wäre für uns heute unerreichbar weit gewesen. Es ist ein RV-Park, dessen host wir erst mit einiger Mühe ausfindig machen. Trotz seines ziemlich betrunkenen Zustands – vielleicht stecken auch andere berauschende Mittelchen dahinter – ist er für 10 $ perfekt imstande, uns einzuweisen und uns über die grundlegenden Einrichtungen am Platz zu informieren, inklusive den Bereich, wo wir am besten unser Zelt aufstellen könnten. Die Nachbarn scheinen Dauerbewohner eines schon fast „angewachsenen“ mobile homes und eines Wohnwagenanhängers zu sein. Das bestätigt im späteren Gespräch auch der etwa 40jährige Mann, der mit Frau, zwei Kindern und der Mutter schon vor etlichen Monaten hier quasi „sesshaft“ geworden ist. It’s much cheaper out here. Zur Arbeit fährt er täglich fast bis Ontario mit seinem alten japanischen Auto.

Bevor es dunkel zu werden droht, spazieren wir noch die paar Schritte durch den community park – ein paar Quadratmeter Grün mit einer historischen Informationstafel über einen gewissen Dennis Brogan, der vor rund 100 Jahren hierher gekommen war. His dream was to build a brand new agriculturally based city, complete with a hotel, schools, a bank, stores and residences on the middle reaches of Willow Creek. Auch eine Eisenbahn, mit der Agrarprodukte und auch Menschen bis nach Ontario hinaus befördert wurden, war damals gebaut worden – heute ist davon leider nichts mehr zu sehen, auch von dem nur ein paar Jahre blühenden Städtchen seien nur wenige Überbleibsel oben am Berghang zu finden.

Wir schaffen’s noch hinüber, downtown Brogan, zur Tankstelle mit dem alten convenient store. Ein paar Pepsi Colas und irgendwelche abgepackten Küchlein sind der Grundstein zu einem idyllischen, hochsommerlichen Frühabend in der allmählich untergehenden Sonne. Zwei Hähne und eine einsame Henne formieren sich zu ihrer early-evening-show, in der die Prinzessin sich von den beiden Gockeln über einen ideellen Parcours jagen lässt, aber keinem den Sieg schenkt. Sie lege keine Eier, erklärt uns die junge, etwa 25jährige Frau von der Tankstelle, und einer der beiden Hähne, sie wisse aber nicht genau welcher, habe um eine Spur mehr Chancen als der andere. Und was hielte sie hier in Brogan? fragen wir neugierig nach. Sie blickt kurz weg vom Computerbildschirm – hier gibt es nicht einmal internet – und erzählt uns, dass sie sehr glücklich sei, mit ihrer Tochter hier zu leben, das wäre auch viel gesünder und sicherer als in der Stadt. Dreimal pro Woche pendelt sie nach Ontario zum Ausbildungskurs für  Krankenschwestern. Das dauere noch und sie sei froh, diesen job hier im Tankstellenladen zu haben. Aber die Eigentümerin wolle verkaufen, sie habe jedoch bis jetzt keinen Käufer gefunden. That’s good for me! lacht sie. Fast habe ich den Eindruck, dass wir es sind mit unseren zweifelnden und unverständigen Gesichtern, die sie zum Staunen bringen: Was diese Leute – wir – daran, an ihrer Zufriedenheit hier, so sonderbar fänden? mag sie sich vielleicht fragen. Es scheint, dass – im Gegensatz zu mir – es für diese junge Frau überhaupt nicht verwunderlich ist, hier ohne Radio, ohne Fernsehen, ohne internet, ohne irgendwelche Einrichtungen für ein soziales Leben, hier in Brogan, einem Ort mit beinahe „ghost-town“-Status am Rand zwischen Farmland und Wüste, bleiben zu wollen, obwohl sie Vale, ja sogar Ontario, die Stadt, kennt. Malheur County – ist nomen doch kein omen? Die beiden Gockel und die alte Prinzessin kehren von ihrer Spielrunde wieder zurück; wir verlassen die kleine Laube an der Zapfsäule und gehen zurück zu unserem Zelt, vorbei an dem in der letzten Abendsonne leuchtenden Bierschuppen.

Am Rückweg sehen wir die Tankstellenbesitzerin, wie sie in ihr Auto steigt, ein paar Meter hinüber zum RV-Park fährt, dort irgendetwas holt, noch einmal rund 30 Meter fährt, aussteigt, einen Rasensprinkler einschaltet, danach wieder zurückfährt, das Auto abstellt und in ihrem Haus verschwindet. Das waren in Summe vielleicht 150 Meter. Die spinnen, die Amis. Und wiederum verstehen wir nichts.

Die Nacht war durchsetzt von Störungen. Irgendwelche Männer, das war am Klang der Stimmen zu erkennen, haben versucht, mit ihrem Auto ihren entlaufenen Hund zu finden und sind unzählige Male durch den RV-Park gefahren. Jedenfalls habe ich mir aus den paar Wortfetzen, die ich manchmal hören konnte, diese Erklärung zurecht gelegt. Andere Interpretationen wären eher beängstigend gewesen; man muss ja nicht krampfhaft an Easy Rider Szenen festhalten und sich meschugge machen. Unausgeschlafen, ein paar wärmende Morgensonnenstrahlen für’s Frühstück suchend, kommen wir trotz der Unwirtlichkeit des Ortes wieder nicht so früh weg, wie es die zu erwartende Tageshitze eigentlich verlangt hätte. Nach der Tankstelle beginnt gleich der Anstieg.

In großzügigen Kurven schwingt sich die Straße nach Brogan durch die trockenen, kargen Gräben hinauf in die Berge. Die Auffahrt war etwas quälend, weil für den Brogan Summit die Höhenangabe in der miserablen Straßenkarte um rund 1200 Fuß zu niedrig eingetragen ist.

Aber oben, am Übergangspunkt angelangt hat man wieder dieses beflügelnde, erhebende Erlebnis, das einem der Rundblick in die Weite dieses Landes beschert. Dort hinten, in der Ferne, am Ende der vor uns ausgebreiteten Hochebene von Ironside, zwischen diesen Bergen am Horizont muss er sein, der Pass mit dem sehnsüchtig machenden Namen: Eldorado Pass. Dahinter haben wer weiß wieviele tausende Abenteurer, Träumer, Verführte ihr Goldland vermutet. Wir hingegen hatten nur auf eine Bar in Ironside gehofft. Vergebens; die Bude war längst aufgelassen und gerade so ausgetrocknet wie der ganze Creek, der angeblich ein großes Reservoir nordöstlich von dem nur mehr auf der Landkarte existierenden Ort Ironside mit Wasser versorgt.

Auf etwa  1400 m, am Eldorado Pass, informieren zwei Schilder am Straßenrand: Pacific time – set your watch back one hour. Entering Baker County. Es ist das letzte Mal auf unserer transkontinentalen Fahrt, dass wir die Zeitzone wechseln. Und einmal mehr witzeln wir lachend über die Rechenaufgabe, wie spät es wohl jetzt in Wien sei und ob die Sonne dort ab diesem Zonenwechsel eine Stunde früher oder später aufgehe…..

An der Ortseinfahrt von Unity weist ein Schild auf ein tourist information center, dem wir – stets in der Hoffnung auf Information zu Einkaufs- und Übernachtungsmöglichkeiten – natürlich folgen. Die Dame in dem Info-Laden sagt, dass der Supermarkt drinnen im Ort bald schließen würde. Dann ruft sie den Besitzer dort an, er möge noch mit dem Zusperren auf uns warten, wir könnten uns also in aller Ruhe noch hier umsehen. Zum Campground am Lake Unity seien es nur ein paar Meilen, der Weg dorthin sei gut beschildert.

Nach dem inexistenten Ironside überrascht Unity: Das ist ja wirklich ein Ort mit etlichen Häusern; eine Bar gibt’s auch, mit Leuten drinnen, jung und alt, keiner der Männer ohne die obligate Baseball-Mütze am Kopf. Am überbreiten Tresen hocken sie und halten ihre Bierdosen, die in Neoprenüberzüge eingepackt sind, damit sie nicht so schnell auskühlen. Der Plafond des Saloons ist voll mit angenagelten oder angehefteten 1 Dollar Noten. An den hölzernen Wänden hängen Bilder von diversen Cowboy-Helden. Wir bleiben nicht lange, zu bedrückend ist die Atmosphäre.

Die Anlage am Lake Unity ist ziemlich groß. Radfahrer werden auf den bikers‘ camp verwiesen – das ist der miserabelste Zeltplatz, voller Steine, kein schattenspendender Baum, keine Sitzgelegenheit mit Tisch, rundherum Wasser sprühende sprinkler, die den leicht zum ausgewiesenen Platz abfallenden Hang fluten. Die Spitzenplätze sind den RVs (Recreational Vehicles) vorbehalten – in deren Nachbarschaft ist es aber für einfache Zeltleute nicht auszuhalten, weil ihre Klimaaggregate die ganze Nacht surren. Hanna drängt darauf, einen dieser abseits gelegenen RV-Plätze zu besetzen. Der Vize-host, ein freiwilliger Helfer, hat da gar nichts dagegen, sondern sogar volles Verständnis; es täte ihm leid, dass die bike-Plätze so schlecht seien. Diese Nacht war gerettet, zum Glück blieb auch das Gewitter aus, das wir befürchtet hatten – die hoch aufgetürmten Wolken hatten diese Furcht begründet.

Der Blick nach Westen, in der Morgensonne am Lake Unity, lässt die Aussicht auf schattige Abschnitte auf der bevorstehenden Etappe hochkommen. Hinter den ersten noch braunen Gräben und Buckeln werden höhere, bewaldete Berge sichtbar. Die Blue Mountains scheinen ein beliebtes Ausflugsziel zu sein: Am Weg hinauf zum gleichnamigen Pass fährt man an zahlreichen Wegweisern zu Zeltplätzen vorbei, die abseits der Straße versteckt in den hochgewachsenen Föhrenwäldern liegen. Der Waldboden ist staubtrocken. Wenn da ein Feuer ausbricht, möchte ich nicht hier herinnen sein. In mir kriecht ein mulmiges Gefühl hoch, genährt von beängstigenden Vorstellungen, mit dem Fahrrad vor einem Feuer und dem Qualm flüchten zu müssen. Einen Energieriegel verspeisen und noch einen block-shot hintennach in den Mund, dann die kurze Rast im Schatten beenden und lieber rasch weiter radeln. Nach dem Blue Mountain Summit geht’s wieder hauptsächlich bergab, vorbei an großen Forstwirtschaftsgebäuden; an der Abzweigung nach Austin steht eine Tankstelle mit einem Restaurant – Chance für einen weiteren energy-refill; der Dixie Summit liegt ja noch vor uns.

Die Schilder haben wir schon, seit wir durch Amerika radeln, gesehen – jedoch hier in den Blue Mountains sind wir erstmals einem Trupp von Freiwilligen (volunteers) begegnet, der sich im Rahmen des Adopt a Highway Programs um die Reinhaltung eines Straßenabschnittes kümmert. Links und rechts der Straße liegen große gelbe Plastiksäcke – gefüllt mit all dem Zeug, das Autofahrende aus ihren Fenstern werfen; vermutlich sind auch Tierkadaver und Fetzen von zerplatzten Reifen dabei. Dann sehen wir die Leute, wie sie diese Säcke auf einen Pick-up heben und langsam weiterfahren, zum nächsten Sack. Für’s Einsammeln des Abfalls werden sie, ihre Organisation oder auch die Familie, die hier in der Gegend lebt, auf dem Schild am Straßenrand öffentlich sichtbar namentlich aufgeführt. Immer wieder sind auch Schilder zu sehen, die auf Lücken in dem System der freiwilligen, ehrenamtlichen Straßenreinigung deuten: These 2 miles are waiting for you – adopt a highway program!

Kurz nach dem Dixie Summit verweist ein Historical Marker auf eine Eisenbahn, die Sumpter Valley Railroad – das überrascht ziemlich, ist es doch sehr gebirgig und zerklüftet hier. Da man die alte Trasse nur über einen steilen Fußsteig, der den Abhang hinunter führt, erreichen könne, verzichten wir auf diese Extratour. Bald  führt die Straße aus den Wäldern heraus – der Ausblick weitet sich, ist aber ganz diesig; die Konturen der Bergkette auf der gegenüber liegenden Talseite sind trüb und unscharf. Das Tal selbst scheint mit einer hellgrauen Wolke zugedeckt zu sein, auf die wir hinunter fahren. Dieser Eindruck täuscht aber. Der eingetrübte Blick bleibt zwar, aber es ist keine Wolke zu sehen.

Prairie City ist eine quirlig anmutende Kleinstadt mit viel Verkehr, reichlich landwirtschaftlichen Vehikeln – aber auch etlichen Motorrädern und Freizeitautos. Wir beschließen, weil der Tag noch eine Zeit lang hell zu bleiben verspricht, zumindest bis John Day weiter zu fahren. Dort konnten wir sogar unter mehreren Motels auswählen – auch das Bar-Angebot war nicht auf die Einzahl beschränkt.

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durch Idaho (3) – noch einmal im Snake River Valley

Samstag, 11. Februar 2012

von Mountain Home nach Südwesten über den Snake River,
dann nordwärts nach Ontario, Oregon
23. und 24. Augist 2012

von Mountain Home nach Südwesten über den Snake River,
dann nordwärts bis Ontario, Oregon

23. und 24. August 2012

Nicht nur die ganze Nacht hindurch, auch noch am Morgen fluten die Sprinkler den KOA-Campground. Weder der blaue Himmel noch die Sonne machen vergessen, was hier gestern abend passiert ist. Nichts wie weg von diesem Ort ungeheuerlichen Polizistenselbstverständnisses!

In einem kleinen Elektro- und Mobiltelefonladen versuche ich, doch noch einen Stecker-Adapter für Hannas netbook zu finden, nachdem sie ihren in einem der letzten Motels vergessen hatte. Einen Adapter, also einen Zwischenstecker für unsere österreichischen Stecker, gibt’s freilich nicht, aber ich entdecke ich ein Stecker-Kabel, das mit dem Netzgerät kompatibel ist. Das ist zumindest 50% der angestrebten Problemlösung. Bei Tom’s Bicycles bekommen wir noch alle vier Reifen aufgepumpt; nach besseren, radfahrtauglichen Straßenkarten fragen wir schon lange nicht mehr. Dummerweise vergesse ich, das leuchtend orange-farbige Netzleiberl zu kaufen, das an dem Kleiderständer mit den paar Radtrikots und –hosen hängt. Tom war – wie alle Radlgeschäfte, die wir auf unserer Tour besuchen – sehr hilfsbereit und freundlich. Es tut mir immer hintennach leid, wenn ich solchen Leuten nicht wenigstens eine Kleinigkeit abgekauft habe.

Rattlesnake hat Mountain Home früher einmal geheißen, lese ich bei der morgenlichen internet-Recherche (Tagesetappenplanung) noch vor dem Abfahren; das sei kein investitionsförderlicher Name gewesen, hatte irgendwann die politische Oberschicht des Ortes gemeint und beschlossen, eine kapitalfreundliche, „anheimelnde Bezeichnung“ für den Standort zu wählen. Ich denke an „Apex Hides the Hurt“ von Colson Whitehead: The branding of cities oder Etikettenschwindel oder „Des Kaisers neue Kleider“ – alles schon dagewesen. Die Landschaft an der Südausfahrt blieb davon aber unbeeindruckt: Sie scheint das perfekte ambiente für Klapperschlangen zu sein.

Brettleben, tendenziell jedoch, zumeist an kleinen Geländestufen an Höhe verlierend, durchschneidet die beiderseits von Stacheldrahtzäunen begleitete Straße die dürre, versteppte, oft großflächig verbrannte Landschaft. Die Annäherung an die im diesigen Horizont erkennbaren Berge ist lange Zeit kaum zu merken. Plötzlich, in diesem Niemandsland, taucht eine Ampelkreuzung auf, es gabelt sich die Straße, wir halten an. Sowohl nach links als auch nach rechts wird sie als state highway 67 ausgeschildert, auf dem wir aber schon die ganze Zeit südwärts radeln. Wo geht’s hier weiter? Man muss uns die Ratlosigkeit angesichts dieser irritierenden Orientierungshilfen angesehen haben. Obwohl die Ampel auf Grün wechselt, fährt der Wagen aus der von rechts einbiegenden Straße nicht los. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und fragt, wo wir denn hin wollten. Hinter ihm stauen sich schon drei weitere Autos, aber niemand hupt. Wir bekommen von ihm die erlösende Entscheidungshilfe: Links geht’s nur zur Airfield Base – Sackgasse. „Oh, thank you! – You’re welcome“ In Wien, fantasiere ich kurz, hätten wir längst ein anderes Konzert zu hören bekommen.

Nach langem, sturem Kurbeln fällt die Straße unvorhergesehen ab, führt in zwei Kurven über die Geländekante hinunter in die begrünte Talsohle des Snake River. Nun sollte Grand View nimmer weit sein, der Ort, von dem wir ganz stark hoffen, dass wir ein spätes breakfast bekommen. Zuvor bremsen wir uns jedoch noch am Fuß des Abhangs scharf ein: Rechterhand hüpfen hunderte Jungrinder wie von Taranteln gestochen über ein paar kahle Erdhügel, rasen wie in Fieberanfällen aus dem Stand los, um abrupt wieder zu stoppen. Eine schier unüberschaubare Aneinanderreihung von Gehegen wird sichtbar, in die diese Tiere eingepfercht sind – ohne Weide, ohne Schatten, ohne Bäume, ohne Sträucher – in dieser gnadenlosen Hitze auf dem festgestampften, staubtrockenen Wüstenboden. Irgendwo im Hintergrund kann man einen rotierenden Wasserspeiher ausmachen und am Fuß des pflanzenlosen Abhangs eine Batterie von metallen glänzenden Silos. Cattle-feeders sind das, erfahre ich später. Mahlzeit.

In der Y-Bar & Café in Grand View werden wir willkommen geheißen und nach dem Äußern des Essenswunsches gleich in den großen Speisensaal hinübergeleitet. An der langen Theke sitzen aufgereiht ein paar Frauen, eine von ihnen beschäftigt sich intensiv mit dem einzigen Mann im Lokal, hinter der Budel bedienen noch zwei Frauen und der Durchblick in die Küche zeigt ebenfalls nur Frauen. Sie müssen uns den Hunger angesehen haben – das Special, auf das wir uns ausnahmsweise einlassen, ist eine riesige Portion Kartoffeln mit Zwiebeln und Karotten und gebratenem Faschierten, eine Art G’röstl, recht deftig und gerade passend. Eiswürfelwasser und Kaffee (der unter diesem Namen übliche Trunk) wie immer in zahllosen refills.

Bei einer dieser refill-Gelegenheiten frage ich die kräftige Frau, die uns bedient, wie denn die Straße westwärts sei, ob eben oder gebirgig und ob es irgendwo auf dem Weg eine Übernachtungsmöglichkeit und etwas zum Trinken gäbe und ob man über diese Brücke auf die andere Flussseite zum Celebration Park kommen könne – dort hatte ich nämlich eine Campingmöglichkeit ausgemacht. Von einer Eisenbahnbrücke – nona! – wusste niemand etwas zu sagen, aber zum Thema Essen und Trinken: „There is nothing between here and Marsing, absolutely nothing, Sir, if you stay on this side of the river“ sagt die Wirtin mit ihrer sonoren Stimme; das bleibt jedoch nicht ohne Widerspruch. Eine der Frauen an der Theke meint, in Murphy, some 30 miles from here,  da sei doch ein convenient store da hätten schon andere Radler auch übernachtet „he can sure put you up“. Man sollte doch vielleicht dort anrufen – und schon kümmern sich ein paar Frauen um die Telefonnummer, eine andere schlägt vor, dass man beim Sheriff auch campen könne, und greift gleich zum Telefonhörer und kündigt uns dort an. Es ist erfrischend erfreulich, wie sich die ganze Partie hier um uns sorgt – frisches Wasser samt Eiswürfeln für die Trinkflaschen gibt’s zum herzlichen Abschied auch noch, selbstverständlich. Draußen haut uns die Hitze regelrecht um, die Räder waren klugerweise im Schatten geparkt. Ein junger truckdriver wünscht uns noch Gute Fahrt.

Riesige Vieh- und Futtertransporter donnern über die relativ schmale Landstraße. Glücklicherweise gibt es fast jedesmal, wenn uns ein solcher truck überholt, keinen Gegenverkehr. Dann wechseln die Fahrer nämlich stets auf die linke Fahrbahn, wenn sie an uns vorbeifahren, und wir werden nicht von ihrem Luftpolster von der Straße gepustet. Wir kommen an einer Spezialwaschanlage für diese großen Viehtransportanhänger vorbei, einer drive-through-Waschstraße, sehen sie aber nicht in Aktion. Noch nirgendwo sonst ist mir so bewusst vor Augen geführt worden, was für ein irrwitziges Verkehrsaufkommen diese Zerstückelung der Nahrungsmittel- und Viehproduktion und letztendlich die Verteilung und Zulieferung an die Endverbraucher hervorrufen. Auch viele nicht-landwirtschaftliche LKW fahren an uns vorbei – in beiden Richtungen. Ein paar Kilometer nordwestlich von Grand View biegen die jedoch ab bzw. kommen sie auf den State Highway 78 herein: Es ist die Abzweigung zu einer großen Mülldeponie – „ecology program“, wie es auf der großen Tafel beruhigend heißt.

Der State Highway 78 lässt sehr bald die bewässerten Felder rechts in der Talsohle liegen und steigt leicht bergan in völlig verdorrtes, sanft welliges Hügelland. Die Wüste hat uns wieder.

Allmählich kriecht, so wie gestern, die Sehnsucht nach Schatten in die Augen; aber kein einziger dürrer Strauch ist zu erspähen, wie weit man auch schauen mag. An der Einmündung einer kleinen Schotterstraße steht ein Historical Marker – leider so unvorteilhaft, dass er weder als Schattenspender noch als Anlehnbaum für mein Fahrrad nützt. „Don’t go offroad in Idaho, your tires get pinched“ erinnere ich mich wieder an die am Erie Canal erhaltene Warnung und schiebe das Rad nicht von der Schotterpiste ins Abseits. Da rollt auf dieser Nebenstraße ein riesiger truck heran, schwer mit Holzbalken und –tafeln beladen, bleibt stehen; der Fahrer steigt aus und reicht uns zwei Flaschen kaltes Wasser – es ist derselbe, der uns in Grand View Gute Fahrt gewünscht hat. Er tut’s jetzt noch einmal. Frisch aufgetankt kann man sich wieder voll in die faszinierende Weite und Einsamkeit dieses Landes hineinrollen lassen.

Unvermittelt hinter einem Buckel am Ende einer kurzen Abfahrt taucht der von den Y-Bar-Frauen uns versprochene Country Store in Murphy auf. Rechter Hand, parallel zur leicht abfallenden Straße verläuft ein zweites Asphaltband – eine Start-Lande-Piste für Flieger. Außer dem Laden und diesem airstrip ist vom Ort nichts zu sehen. Am Ladeneingang hängt das Schild CLOSED. Doch rechts neben dem Haus werkelt ein Mann im Garten. Er ist Inhaber des Geschäfts – „Don’t worry, come on in – what do you want?“ Zwei Liter Coca Cola und ein Sitzplatz im Schatten seines Vordachs machen uns reichlich glücklich, zumindest für ein Weilchen. Wenn wir beim Sheriff nicht unser Zelt aufstellen können, sollen wir wieder zu ihm zurückkommen, meint der Kaufmann und geht wieder in seinen Vorgarten.

Beim Owyee County Sheriff hat die telefonische Reservierung der Grand View Frauen anscheinend gewirkt – wir können uns einen Platz für unser Zelt auf dem Rasen des Bezirksgerichts aussuchen, wo immer wir wollen. Man zeigt uns die Waschräume in der Polzeiwachstube – they are open all night; der Polzist telefoniert sogar noch mit dem Techniker, der für die Steuerung der Spinkleranlage zuständig ist. Man versichert uns, dass heute Nacht die Beregnung unterbrochen wird – uns zuliebe, nachdem ich von unserem Sprinklertrauma erzählt habe.

So wunderbar der Abend mit der untergehenden Sonne und die sternklare Nacht waren, so unschön war das Gewecktwerden am Morgen: Irgendein Kühlaggregat eines trucks startete schon sehr früh vor dem Sonnenaufgang, auch fuhren bald auf dem Schotterplatz neben unserem Bezirksgerichtsrasen Autos auf, die Reinigungsfrauen hierher zur Arbeit brachten. Wir hätten unser Zelt doch besser vor und nicht hinter dem Gebäude aufstellen sollen. Dennoch bedanken wir uns artig bei der Polizistin, die offenbar den Schalterdienst vom gestrigen cop übernommen hat und radeln hinüber zumMurphy General Store – auf ein ausführliches Frühstück, das uns der storekeeper zubereitet..

Ein Stück weit nordwestlich von Murphy, nach ein paar Buckeln und durchfahrenen Creeks gelangen wir ganz hinunter in die Talsohle des Snake River und auch zu der Abzweigung, die zu jener Eisenbahnbrücke führt, auf der wir wohl den Fluss überqueren hätten müssen, um zum Campground im Celebration Park zu gelangen. Wir lassen einen Besuch dort und die Besichtigung der Brücke aber aus – zu unsicher ist es, wo wir heute letztlich landen würden.

Hin und wieder sind nun Häuser links und rechts der Straße zu sehen, aus der totalen Wüste scheinen wir heraußen zu sein. Rechts von der Straße überraschen plötzlich drei Reihen von Flugzeuggaragen – es muss also irgendwo hier noch so eine Start-Lande-Piste sein wie in Murphy. Noch mehr sticht aber der kleine Park auf der anderen Straßenseite ins Auge: große, alte Bäume und Rasen und Sitzgelegenheiten und ein neugierig machendes Gebäude im Schatten, zu dem ein kleiner Weg führt. Givens Hot Spring Public Bath informiert ein altes, schon etwas verwittertes Schild beim Eingangsweg. Das schlichte, innen mit weißer Ölfarbe getrichene Haus beherbergt ein Schwimmbecken, das über ein shed-Dach viel Tageslicht von oben erhält. Erst nach ein paar Minuten erscheint eine junge Frau, sie macht hier die Administration. Sie schenkt uns ein paar Flaschen kaltes Wasser – “That’s not so easy here, ‘cause we have only warm water in this area; we have to cool it down here in Hot Springs.” Keines der Häuser hier braucht eine Warmwasseraufbereitung oder eine Heizung. Schon die Indianer hätten von diesen heißen Quellen gewusst, erzählt sie mir. Wenn wir das früher gewusst hätten,dann hätten wir uns die letzte und die heutige Etappe vielleicht etwas anders eingeteilt. So wird leider auch aus einem exklusiven Schwimm in dieser hübschen, menschenleeren Badehalle nichts (das Foto ist nicht von uns).

Der morgige Termin im Zahntechniklabor, 2 pm in Ontario, Oregon, bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Radfahrseelen: Bis dorthin ist’s noch ein weiter Weg und es sollte hoffentlich nichts passieren; auch das Wetter sollte einigermaßen halten. Die bisherigen Recherchen haben jedoch keine offzielle Übernachtungsmöglichkeit in einer passablen Distanz zu der Stadt zutage gefördert. Die Hoffnung baut auf der Wahrscheinlichkeit, dass es in einem der nächsten Städtchen doch ein Motel oder einen b&b-Platz gibt, die nicht in google-earth eingezeichnet sind. Also scheint es das Klügste zu sein, so nahe an Ontario heranzukommen, dass am Folgetag nur noch etwa 25 bis 35 km zu fahren wären.

Die Straße kommt nach Givens Hot Springs ein paar mal ganz nahe an den Fluss heran. Kleine Schildchen an abzweigenden Schotterwegen verweisen auf Bootwasserungsstellen. Der Snake River scheint hier fast nicht zu fließen, das meiste Wasser ist sicher abgezweigt und wird auf die Felder verteilt – zusammen mit allerlei Pestiziden und Düngern, die dann wieder den Weg zurück ins Flussbett finden. Wohin wohl der ganze Abfall des cattle-feeders gehen mag? Ob die Fischer hier am Fluss ahnen, was sie hier allenthalben fangen?

Bald sind wir mitten im Agrargebiet angelangt, wieder etwas weg vom Flussufer. Landwirtschaftliche trucks und die alten pick-ups und japanischen PKW der Landarbeiter – meistens Latinos – dominieren das Verkehrsgeschehen. In Marsing zwingt uns der Hunger, widerwillig eine der drei „mexicanischen“ Straßenimbissbuden aufzusuchen – jene, die den kühlsten Schatten zu versprechen schien, erhält den Zuschlag. Wir hinterlassen einen Berg von Plastik- und Styropormüll und nehmen die Einbildung, uns ernährt zu haben, mit auf den Weg. In Wilder – nach der Überquerung des Snake River – ist ein weiterer Zwischenstop fällig: Coca Cola, ice cream und Übernachtungsrecherche. Im Tankstellenshop gibt es alles, inklusive negativer Nächtigungsinformation. Wir beschließen, zumindest bis Parma, Idaho, weiterzufahren und dort noch eine finale Recherche zu tätigen. Der Idaho Highway 95 hat zwar meistens eine shoulder, der Verkehr wird jedoch immer dichter und energiefressender. Einmal mehr gibt es ein typisches big-America-Erlebnis: Nicht endenwollende Hopfenfelder begleiten unseren Weg, ich glaube an die 15 bis 20 Minuten lang, einschließlich einiger Sägewerke, die die Hopfenstangen produzieren! Mir kommt vor, als würden von hier alle Bierbrauereien in Amerika beliefert werden.

Parma hat zwar Motels, aber wir beschließen, bis nach Ontario durchzufahren, also noch rund 30 km; dann hätte der Zahntechniklaborstress schon heute Abend ein Ende und würde sich nicht bis morgen mittags breit machen und so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dass man fast an nichts anderes mehr denkt, als an ein Ziel zu kommen. Lieber wollen wir jetzt noch zwei Stunden unter dem Motto „Augen zu und durch“ alle Kräfte mobilisieren, als uns auf das Rsisiko einlassen, dass morgen vormittag irgendetwas schief gehen könnte. Das Wetter, zum Beispiel, denn vor uns türmen sich über den Bergen ganz mächtige Gewitterwolken auf. Drüben in Oregon, im Westen, sehen wir auch schon Regenschwaden übers Land ziehen. Blitze rattern und zucken in allen Richtungen durch den Himmel. Vor Fruitland wird trotz der zur Eile gemahnenden Wetterfront noch ein kurzer Stop nötig: Energieriegel und Gelshots müssen her, um das Ziel, Ontario, noch vor einem heftigen Regenguss zu erreichen. Die Winde sind ausnahmsweise nicht gegen uns.

Kurz vor neun am Abend fahren wir auf die Brücke über den Snake River und überqueren die Grenze nach Oregon. Im erstbesten Motel checken wir ein. Im Restaurant daneben schenken wir uns ein kräftiges Abendessen. Und ein paar Bier – tapped, of course.

Mehr Bilder zu den Idaho-Etappen gibt’s im Album!

durch Idaho (2) – High Prairie

Donnerstag, 02. Februar 2012

von Carey durch Camas High Prairie nach Fairfield
(21. August)

Der mit Mulch bedeckte Kinderspielplatz war getränkt von der nächtlichen Beregnung, die Luft noch frisch, doch die Pioneer Mountains im Norden waren schon in der grellen Morgensonne, als wir im Carey Community Park mit dem Teekochen für’s Frühstück begannen. Es dauerte ein Weilchen, bis der Rasen taufrei war und das Zelt zum Trocknen auf den Kopf gestellt werden konnte. Auf der anderen Seite des Zufahrtsweges zu unserem Park sind die eingezäunten Boxen noch zu sehen, die am letzten Wochenende im Rahmen der jährlichen Blaire County Fair sicher voll mit Rindern waren. Der Community Park wäre am vergangenen Samstag wohl kaum als Zeltplatz für uns zu nützen gewesen. Der heutige Morgen war still, der Park aufgeräumt, im Mobilklo gab es auch Toilettenpapier. Und der Basketball-Platz wurde auch noch nicht von der Dorfjugend aufgesucht.

Ein Verirren in Carey war kaum möglich, es gibt nur die eine Abzweigung nach Westen. Auf den Pioneer-Guide, Tim Goodale, waren wir glücklicherweise auch nicht angewiesen – es war klar, dass wir zwischen den Bergen über einen niedrigen Pass auf die andere Seite mussten. Wir bleiben weiter auf seiner Route, der Goodale‘s Cutoff, jener Alternative zum Oregon-Trail, die sich heute freilich nur noch kartographisch mit unserer deckt.

Der Anstieg war kurz, die Abfahrt drüben ebenso –dieser Teil der High Prairie liegt hier etwa auf derselben Seehöhe (ca. 1.450 m). Wie immer beim Erreichen von Anhöhen, Bergkuppen und Passübergängen wird man mit blick- und herzerweiternden Aussichten belohnt: Von der Hochebene ist nur ein winziger Teil grün, die Grenzlinien zur braunen, dürren Prairie sind scharf gezirkelt, markieren die Reichweite der kreisförmig rotierenden Sprinkler. Bei Picabo stehen ein paar große Tafeln am Straßenrand, auf denen das Schigebiet Sun Valley beworben wird. Es ist zwar noch lange nicht unsere übliche Nach-Frühstück-Distanz von 20 bis 35 km erradelt, aber wir machen trotzdem in Picabo beim Country Store neben dem Flugfeld Halt – wissend, dass die nächste Gastwirtschaft frühestens nach 60 km sein wird: Prophylaktisches „fuelling“. Vorsorge-Wasserkaffee und ein fladenförmiges Kuchenetwas, das getestet werden musste. Die Tische und Stühle, bzw. Sessel mit Rollen an ihren Füßen hätten jeden contest in der Rubrik „Fancy-Rustic Furniture“ unangefochten gewonnen. Die geschweiften Schwingtürblätter –  ein drittelkörperhoher Sichtteiler zwischen dem Gastareal in dem hangarartigen country store und den restrooms – hätten zusätzlich einen Ehrenpreis für außer Konkurrenz gestartete Blickfänger gewonnen. An den nur teilweise entrindeten Holzbretterwänden hingen alle Insignien, die das Cowboyland-Image ausmachen: Zaumzeug, genietete Patronengurte, Hufeisen, Steigbügel, allerlei Formen von Stiefelsporen, dazwischen ein paar vergilbte Fotos und Plakate von früheren Rodeos.

Die satt-grünen Felder hören bald nach Picabo auf. Rundherum ist nun alles bräunlich, durchsetzt vom stumpf-matten Grün des sagebrush, den dürren nicht sehr hohen Sträuchern, die den Übergang zwischen Prairie und Steppe markieren. Die Straße – schnurgerade, als wäre ein Breitenkreis das Maß aller Dinge, wie man sich über diese Erde fortzubewegen hätte – durchschneidet das Land unbeirrt von Geländemulden, und -buckeln, irrlichternden ausgetrockneten Creeks, mäandernden, versickernden Wasserläufen. Hin und wieder zweigen schmale, einspurige Sandwege ab, die zu irgendwelchen Fischerei- oder sogar Bootlandeplätzen führen. Von einem Magic Reservoir ist auf Werbetafeln am Straßenrand zu lesen – wir riskieren aber keinen Ausflug ins Gelände. Manchmal wird eine Schlucht sichtbar, wenn die Straße in ihrer Geradlinigkeit ganz nahe an so einen zuckenden Riss in der Erdoberfläche herankommt. Diese Touristenattraktion erklärt den ziemlich dichten Autoverkehr, der hier besonders unangenehm ist, weil die Straße keine „shoulder“ hat, auf die diese Motorhomes, Wohnwagenschlepper, Pferdeanhänger uns Radfahrende zu verbannen gewohnt sind. Die riesigen Agrartrucks, mit Spreu oder sonstigen Futterpflanzen beladen, und die Kleingewerbe-pick-ups machen uns das Leben auch nicht leichter.

Land, davon scheint es undendlich viel zu geben. Was man an Gerätschaften nicht mehr braucht, lässt man liegen, hinter sich, während man selbst weiterzieht, auf bessere Landausbeute hoffend; diese Beziehung zum Land – im Gegensatz zu der bei uns in Mitteleuropa bestimmenden Knappheit von Grund und Boden – stamme aus einer alten Pioneer-Mentalität, meinte Schwager Dennis viel später, als ich unser Erstaunen über die „Hinterlassenschaften“ in den verlassenen Landstrichen zu Sprache gebracht habe.

Fairfield besteht zu einem großen Teil aus „Überbleibseln“ vergangener, etwas prosperierenderer Phasen: Früher transportierte die Eisenbahn die Agrarprodukte und wahrscheinlich auch die Menschen hier heroben in Camas High Prairie. Daran erinnert nur mehr ein orangefarbener Wagon der „Union Pacific“, in dem jetzt das „Tourist Information Center“ untergebracht ist.

Der Frühabendspaziergang durch Fairfield geht durch menschenleere, geschotterte Straßen, vorbei an ein paar mehr oder weniger kleinen und großen Kirchen und zwei Bars, die aber nicht in Betrieb sind. Besonders nett ist das „Drive Through Espresso“ – ein kleiner Baucontainer mit einem Giebeldach. Auf der breiten, ebenfalls geschotterten Hauptstraße, der Soldier Road, treffen wir eine etwa 75 Jahre alte Frau, die die an den Laternen hängenden Blumenkörbe mit Wasser versorgt. Früher habe sie das Wasser von der Gemeinde erhalten, jetzt nimmt sie es aus ihrer eigenen Leitung, füllt den container damit, transportiert ihn im Kofferraum ihres PKW von Kandelaber zu Kandelaber. Dieses Ehrenamt macht ihr Freude.

Sie hat ihr ganzes Leben in Fairfield verbracht, war ein einziges Mal kurz in einem anderen Staat. Ihre Kinder sind alle weggezogen, aber der eine Sohn erwägt, mit seiner Frau wieder zurück nach Fairfield zu kommen. Das hängt aber hauptsächlich davon ab, ob er hier eine Arbeit findet. Das Wohnen wäre hier ja günstiger als anderswo. Die Frau erinnert mich an jene von mir mit dem Titel „Madre d’Espana“ ausgezeichnete Alte, in deren finca ich die letzten vier Wochen des Sommers 1972 gewohnt hatte. Auch ihre Kinder, Enkel, Urenkel waren über ganz Iberien verstreut; ein Sohn aus dem nahegelegenen Altea besuchte sie  einmal pro Woche, brachte ihr, was sie so zum Überleben brauchte – ohne Strom, ohne Leitungswasser, ohne Zufahrtsweg, nur ein Eselspfad.

Die Familie, die das Prairie Inn betreibt, hat uns sehr freundlich, auch interessiert am Gespräch mit mir, aufgenommen. Für die Fahrradreinigung – ziemlich viel Staub auf den Ketten –  und das Minimalservice bringt uns der Inhaber noch ein paar Fetzen; er befürchtet anscheinend, dass wir die weißen Frottee-Tücher aus dem Badezimmer dafür missbrauchen würden, und beugt einer solchen Verwendung dadurch vor.

weiter westwärts über die High Prairie und zurück in die Snake River Plain nach Mountain Home
(22. August)

Am westlichen Horizont werden nach der Abfahrt aus Fairfield Ausläufer der Soldier Mountains sichtbar. In der Landkarte sind noch zwei Orte auf unserer Strecke eingezeichnet: Hill City und Corral. Sie schauen fast völlig verlassen aus. In Hill City hält ein alter Mann auf einem kleinen Traktor kurz an und deutet auf ein Haus rechts unterhalb der Straße. Dort könnten wir Trinkwasser holen, sagt er –  so haben wir ihn jedenfalls verstanden. Wir genießen auch den Schatten und die Jause im überdachten Eingangsportal. Es hat den Anschein, als würde die Behausung nicht mehr bewohnt werden. Beim Gebäude gegenüber ist anfangs noch jemand im Vorgarten, an einem Beet werkend, zu sehen – reagiert aber nicht auf unsere Zurufversuche.

Heiß, schattenlos und schier nicht enden wollend bleibt die noch immer fast kurvenlose Straße. Das Wasser in den Trinkflaschen ist schon nach wenigen Minuten warm; aber erstaunlicherweise empfinde ich das gar nicht widerlich. Ganz weit vorne wird etwas großes Weißes sichtbar – das nährt die Hoffnung, hier heroben in Camas High Prairie wenigstens eine Pause im Schatten einlegen zu können. Ein bisschen fantasieren wir auch eine Tankstelle, wo es Wasser … endlich dort ist man ja schon zufrieden, weil dieses hohe weiße Flugdach Schatten spendet.

Das Grundstück – es ist wohl ein Straßenbauhof – ist hoch eingezäunt, die dazu gehörigen „No Trespassing“-Schilder nehmen wir zwar ernst, aber das Schiebetor ist offen; hinter dem zweiten Hangar-ähnlichen Gebäude hören wir Leute, die irgendetwas hämmern. Hanna geht nach hinten, um zu fragen, ob wir uns hier ein Weilchen in den Schatten setzen können. Wir können und machen uns mit ein paar Holzbrettern und –scheitern eine Sitz- und Tischgelegenheit. Nur kurz währt die schattige Idylle. Der junge Typ, den Hanna vorher angesprochen hatte, kommt plötzlich von hinten nach vorne und sagt, wir müssten in fünf Minuten hier weg „we have to move some large equipment“. Das ist ziemlich unfassbar – mitten in der trocken-heißen Wüste vertreibt er uns. Wir verlassen das eingezäunte Areal, stellen uns bei den Rindergehegen auf der anderen Straßenseite in die Sonne und kauen die Paprikastückchen und Peanut-Butterscheibchen und einen Cliff-Riegel. In der Straßenmeisterei tut sich auch nach einer halben Stunde noch nichts, keine Spur von moving vehicles.

Wir sind – vermute ich – schon nahe am Rand der Hochebene; von nun an sollte es also vorwiegend bergab gehen. Das Trinkwasser in unseren Flaschen ist seit dem letzten Nachfüllen in Hill CIty nicht nur schon längst warm geworden, wir haben auch nicht mehr viel.

Noch ist Mountain Home, das rund 600 m tiefer als die High Prairie liegt, nicht zu sehen und die Straße fällt zwar über weite Strecken, um jedoch gleich wieder einen Buckel hinauf zu gehen. Bei einer Abfahrt sehe ich weit vor mir auf einer Straßenerweiterung ein Auto stehen und träume davon, dass die Leute dort ein bissl frisches Wasser haben. Wir kommen dem Halteplatz näher, eine Frau bewegt sich mit erhobenen Armen gestikulierend an den Fahrbahnrand. Nun erkenne ich, dass sie eine Wasserflasche in ihrer Hand hält und unmissverständlich uns damit zuwinkt.

Es ist dreams-come-true-time! Das Pärchen in dem Wagen hat uns vorher oben in High Prairie gesehen und überholt und gedacht, dass wir sehr wahrscheinlich Durst haben. Das war ganz gewiss nicht falsch gedacht. Im Nu sind zwei, drei Flaschen aus der Kühltasche des Autos getrunken. Es ist doch erstaunlich und bemerkenswert, zwei so konträre Erlebnisse in der Prairie binnen so kurzer Zeit zu haben. Diese „Engel“ sind der Ausgleich zu diesem jungen gedankenlosen Vorarbeiter, der vielleicht einen Anschiss von seinem Chef so sehr fürchtete, dass in ihm der letzte Rest von Hausverstand und Mitgefühl von dieser Angst weggewischt wurde.

Die Abfahrt auf der letzten langen Geraden hinunter nach Mountain Home wäre viel erfreulicher gewesen, wenn wir nicht auch noch gegen den Wind treten hätten müssen. In der MacDonald-Kühlbox am Ortseingang recherchieren wir, wie man zum KOA-Campground kommt und machen uns nach kurzer Pause auf den Weg dorhin.

Das Einchecken dort wird zu einem unvergesslichen Erlebnis, das ich in einem Beschwerdeschreiben ausführlich veröffentlicht habe. Der ganze Campground war bis auf wenige Stellen durch die Sprinkleranlage unter Wasser gesetzt. Ein junges Paar aus Canada hat mir geholfen, ein trockenes Plätzchen zu finden, knapp neben ihrem Zelt. Die Frau half etwas später auch noch anderen Neuankömmlingen. Das hatte ihr der Campground-host, eine ziemlich unfreundliche Alte, so übel genommen, dass sie die Polizei rief und das canadische Paar vom Zeltplatz hinauseskortiert wurde. „If she (the host) is afraid that these people cause trouble on her grounds we have to do what she wants. And she wants them to leave.“ Bei uns würde in so einem Fall die Polizei gar nicht auf den Plan treten. Hier kamen sie mit zwei Einsatzwägen und vier Mann hoch. In Flint tauchen sie hingegen nicht einmal auf, wenn sie der Nachbar, dessen Haus gerade angezündet wird, um Hilfe ruft…..

Mehr Bilder zum Thema Idaho – Farmland, Wüste, High Prairie im Album!