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durch Oregons Berge (3) – Cascades und Coast Range

Donnerstag, 22. März 2012

Die in Prineville, in Dad’s Café so eindringlich ausgesprochene Empfehlung, doch die McKenzie Pass Route zu fahren, zeigte Wirkung. Am Morgenhimmel deutete sich keine Änderung des Wetters der letzten Tage an. Fitness war auch keine Frage. Ohne Sisters City noch eine Frühstücksvisite abzustatten, bogen wir also vom Motel aus gleich auf eine Nebenstraße ab, die uns zur Oregon 242 brachte. Dad aus Prineville hatte mehr als recht: Es wurde die schönste Bergetappe der gesamten Transamerica.

von Sisters über den McKenzie Pass (Cascades) nach Blue River
2. September 2011

Die Straße, die Oregon 242, ist, als wäre sie von einer anderen Welt: Der gelbe Mittelstrich – meistens ist er sogar doppelt – teilt sie in zwei viel schmälere Fahrbahnhälften, als wir es bisher gewohnt waren. Manchmal  fehlt er, wenn nämlich die Trasse nicht breit genug ist; in manchen Kurven ist er gar kein Mittelstrich, er ist dann so exzentrisch, dass im schmäleren Straßenstreifen ganz sicher kein Auto der hier üblichen Fahrzeugbreite Platz hat. Auch die Kurven – sie werden nach einer anfänglich ziemlich langen, geraden, nur sanft ansteigenden Waldstrecke zusehends mehr – sind eng, wechseln ihre Radien oft mitten in der Biegung, sind häufig unerklärlich stark überhöht, als würden hier Hochgeschwindigkeitsrennen gefahren werden. Aber es fährt fast niemand. Es ist auffallend still, der trockene hoch aufragende Föhrenwald birgt eine dumpfe Hitze. Immer wieder markieren Wegweiser, wohin es auf noch kleineren Straßen links oder rechts abgeht; meist sind es nur „trailheads“, also Einfahrten, Einstiege zu Wander- und Reitwegen und snow-mobile-Routen. Bei fast jeder Abzweigung hängen Schilder, die das Feuermachen verbieten und auffordern, unkontrollierte Feuer sofort zu melden.

An einer Kreuzung steht eine riesige Tafel mit einem Weiterfahrverbot für Wohnwägen, Wohnmobile und Lastwägen. Natürlich wird auch vor „ganz großen Gefahren“ auf dieser engen Straße gewarnt, die Höchstgeschwindigkeit ist auf 30 mph begrenzt und überhaupt ist die Fahrt über den McKenzie Pass den Großteil des Jahres wegen des Schnees gesperrt. Die wenigen Autos, die sich „diesen angedrohten großen Gefahren“ aussetzen, fahren extrem langsam und vorsichtig. Das beruhigt und schon bald verschwindet die Angst, dass man hier wegen der Enge der Straße besonders von Autos bedroht sei. Es ist eine Bergstrecke, wie wir sie aus Tirol kennen, aus der Zeit unserer Kindheit und Jugend. Nur der Wald ist anders, die Föhren viel höher, die Nadeln viel länger. Bei einer kurzen Rast hebe ich einen schönen Nadelbuschen auf und klemme ihn hinten an die rote Packtasche, quasi als mein Oregon-Maskottchen.

Die Auffahrt mischt die Bilder aus der Gegenwart mit Erinnerungen an Früheres auf wunderschön verträgliche Weise. Leider sind in dem dichten Wald die Ausblicke sehr spärlich; die Sehnsucht, dass die langwierige Kletterei doch ab und zu von einer Aussicht übers Land belohnt werde, bleibt. Erst am Windy Point tut sich ein Fenster auf:

Nein, das hier sind definitiv nicht die Alpen. Eine schwarz-violette Steinwüste mit silbrig-grauen, verästelten Baumstämmchen und ein paar dünnen, grünen, nicht sehr hoch aufragenden Föhren und windzerzausten Fichten tut sich plötzlich vor uns auf. Im diesigen Hintergrund wird die bizarre Kontur des Mount Washington erkennbar. Rechts daneben steigt der Qualm eines Waldbrandes auf, formiert sich zu einer weißlich-grauen Wolke, die ostwärts strebt, dorthin, wo wir herkamen, wo sie sich erstmals als Schleier auf unseren Blick ins John Day Valley gelegt hatte.

Eine lehrreiche Informationstafel erklärt in ein paar Sätzen die Entstehung dieses geologisch sehr jungen Lavafeldes. Der Anblick erinnert natürlich an die Craters of the Moon in Idaho; doch die scharfkantigen Berge und Vulkangipfel ergeben ein ganz anderes Bild als die schier unendlliche Weite der Craters, in die sich die drei Buttes so unverwechselbar hineingesetzt hatten. Und doch ist es auch hier heroben ein Gelände, ein Terrain, das kaum menschen- und lebensfeindlicher, karger sein könnte. Allein die Vorstellung, hier durchgehen zu müssen, schmerzt in den Füßen. Umso erstaunlicher wird der Anblick eines possierlichen Prairie-Hörnchens, das an einem völlig verdorrten, gelbbraunen Grasbüschel knabbert und danach den steinigen Abhang hinunterflitzt und zwischen den Lavabrocken verschwindet.

Bis zur Passhöhe schlängelt sich die schmale Straße durch das Lavafeld. Oben gibt es eine Erweiterung – einen breiten Autoparkplatz und eine seltsam anmutende, begehbare Skulptur aus Lavabrocken mit großen finsteren Löchern, die in dem aufgebauten kegelförmigen Steinhaufen wie Augen eines Krakenkopfes aussehen. Wir sind nicht die ersten, auch nicht die einzigen, die den kleinen Weg zu dem Krakenkopf, dem Dee Wright Observatory, hinaufgehen, um den beeindruckenden Rundblick zu erleben.

Für unsere Energieauftankpause rollen wir ein Stückchen von der Passhöhe hinunter, zweigen an einem einmündenden Waldweg ab und finden sogar einen liegenden Baumstamm zum Hinhocken. Sandig, staubtrocken und im wahrsten Wortsinn brandgefährlich ist hier alles. Der Pacific-Crest-Trail führt an unserem Plätzchen vorbei, eine große Info-Tafel warnt einmal mehr vor offenen Feuern und derzeit wegen der Waldbrände vorbotenen Landstrichen.

Eine Zeit lang schaukelt sich die Straße noch über und durch die feindselige Lavalandschaft, bietet jedoch immer wieder faszinierende Ausblicke auf die imposanten Berge mit ihren Schneeflecken, die die düstere Steinwüste kontrastieren. In zahlreichen Haarnadelkurven, derentwegen diese Straße auf der Westseite des McKenzie Passes noch länger als die Ostauffahrt gesperrt ist, geht die Abfahrt auf einer wunderschönen Strecke durch Wälder und Lichtungen hinunter ins Tal des McKenzie Flusses.

Wie idyllisch die Phase auf dieser hübschen, alten Bergstraße war, wird uns bei McKenzie Bridge schmerzlich bewusst. Hier endet die Oregon 242 und mündet in die highway-mäßig ausgebaute Route 126, die vom Santiam Pass herunterkommt, den wir ursprünglich zu fahren gedacht hatten. Der Straßenlärm umfängt uns wieder. Die Geschwindigkeiten und auch die Vehikel werden größer und erfordern eine Art von Aufmerksamkeit, die wir für eine Weile schon fast verlernt hatten.

Der Laden, der eigentlich den Ort McKenzie Bridge ausmacht, tröstet ein wenig über den ersten Verkehrsschock hinweg: Es gibt hausgemachte Apfelkuchen und andere kleine Mehlspeisen, Kaffee, Coke und nette Sitzmöglichkeiten in einem mit Altwaren und remakes, gläsernen Lampenschirmen und Nippes aller Art angerammelten Verkaufsraum. Wir lassen noch die Passhöhe, die Lavafelder, die heimelige Bergstraße in uns vorüberziehen und beschließen, noch möglichst weit das Tal hinaus zu fahren. Bis Eugene wird es heute zwar nicht mehr reichen – aber das Lodge- bzw. Motel-Angebot hier in McKenzie Bridge finden wir nicht sehr einladend. Die internet-Karte deutet Übernachtungsmöglichkeiten in Rainbow und auch in Blue River an.

Hwy 126 umfährt den Ort Blue River; die Cascades Street führt ins „Zentrum“ – zu einer inaktiven Autowerkstatt und einem nur dürftig bestückten General Store. Ein junger Mann sieht so aus, als würde er in diesem Laden arbeiten. Auf unsere Frage, wo man hier übernachten könne, schüttelt er den Kopf, sagt, er wüsste nichts von einem Motel oder einem campground hier, aber der Mann in der Tankstelle nebenan kenne sich hier besser aus. Einen kurzen Moment lang habe ich den Eindruck, als wäre unsere Frage unpassend und absurd, als wäre es völlig unreell, heutzutage hier überhaupt anzuhalten in diesem Ort, der längst auf dem Weg zum Ghost City Status, aber eben noch nicht dort angelangt ist. Sonst wären vielleicht ein paar Anzeichen von Fremdenverkehrswirtschaft – Infotafeln, ein Büro des Chambers of Commerce oder so etwas – zu sehen. Dem war jedoch ganz und gar nicht so.

Das Tankstellen-Geschäft hatte auch ein paar Regale mit allerlei für uns unbrauchbaren „Lebensmitteln“ – aber auch einen hot-dog-Topf, der in mir einen unerwarteten Appetit auslöste. Der Tankwart sagte, er hätte noch zwei Stück übrig, die können wir haben – for free. Dann verspricht er auch noch, sich um unsere Herbergssuche zu kümmern – er müsse nur seinem Nachbarn vom General Store mit dessen Motorrad kurz helfen. Wir packen inzwischen die warmen Würstln in eine Alu-Folie ein, schleichen abermals an den Regalen vorbei – wieder einmal in der Hoffnung, außer den hot dogs etwas Essbares zu finden. Aber wir werden nur in der Kühlabteilung fündig – eine Dose Coor’s Light und eine Pabst … Flüssignahrung.

Der Tankwart ruft für uns dann den Eigentümer eines Ferienhauses in der alten Ranger Station an, das nur ein paar Schritte von hier entfernt sei. Hanna übernimmt das Telefongespräch – und nach ein paar Instruktionen, wie wir in das Haus hineinkommen würden und was wir zu zahlen hätten, ist auch diese Übernachtungsmöglichkeit organisiert, obwohl das Ferienhaus normalerweise nicht für weniger als drei Tage zu mieten wäre. Wir bekommen den Besitzer nie zu Gesicht, das Haus – eines der Gebäude in der Anlage des McKenzie River Mountain Resorts – war auch nicht abgesperrt, war mit allem ausgestattet, was man hierzulande von einer gut bestückten Ferienwohnung wohl erwartet. Wir konnten das gar nicht ausnutzen, lasen die Hausordnung sorgfältig durch und waren froh, dass wir um so wenig Geld dermaßen luxuriös untergebracht waren. Wir spazierten noch einmal zurück zur Tankstelle, kauften noch ein paar Dosen Bier und bedankten uns beim Tankwart für seine Hilfe. Der freute sich ganz unprätentiös, als wäre es eine selbstverständliche Gastfreundlichkeit, die keiner sonderlichen Erwähnung wert sei. Für mich war das aber erwähnenswert, weil so eine Hilfsbereitschaft in meinem Erfahrungsschatz ganz und gar nicht üblich ist.

von Blue River nach Eugene
3. September 2011

Es ist der Tag der Ausfahrt aus den Cascades. Links und rechts des McKenzie River steigen die dicht bewaldeten Berge recht steil an und formen dem Wasserlauf ein abwechslungsreiches, von Biegung zu Biegung kaum je geradlinig verlaufendes Bett. Das anfangs enge Tal, in dem auch die stark befahrene West-Ost-Route am Nordufer des Flusses ihren Platz beansprucht, wirkt dennoch nicht schroff, sondern zum geruhsamen Verweilen einladend. Immer wieder bleiben wir stehen, genießen Blicke auf das Wasser, das etliche Male überbrückt ist, um zu Bootlandestellen, Zeltplätzen oder einfachen Fischerhütten zu gelangen.

In Nimrod, einem kleinen Nest am Weg, hält Hannas Hinterradreifen plötzlich die Luft nicht mehr. Der Patsch‘n erzwingt einen Halt, justament bei einem Haus mit kläffenden Hunden. Nach einigem Grollen beruhigen sie sich und ersparen uns irgendwelche Konterattacken. Die Reparatur gelingt nicht auf Anhieb, erst im zweiten Anlauf, was den Durst in der Hitze und die Lust auf ein umfassendes Frühstück noch um ein paar Prozentpunkte steigert.

Im Vida Café, das in einem ebenerdigen Holzhäuschen an der Straße untergebracht ist, wo das Tal ein wenig aufgeweitet ist, haben wir Glück, dass gerade zwei Plätze frei geworden sind. Es scheint auf eine längere Strecke hin das einzige Lokal zu sein, wo man etwas zu essen und zu trinken erhalten kann – jedenfalls kommen nach uns immer wieder Leute herein und verlassen das Café wieder, weil die kleine Hütte voll ist. Unser anfängliches Glück über die freien Plätze weicht allmählich einer an den Nerven zährenden Wartestimmung, weil die Küche sogar für dieses kleine Lokal zu klein ist und zu wenig Personal beschäftigt wird. Recht bald zeigt sich, dass mehr als die Hälfte der Gäste auf ihr Essen warten. Eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern auch eingekehrt ist, wird von ihren Kleinen – Geduld gehört nicht zu den typischen Kindereigenschaften – so genervt, dass sie unverrichteter Dinge nach wenigen Minuten wieder hinausgeht. Nach fast einer Stunde bekommen wir endlich unsere hashbrowns und die Eier, Version „over easy“ bzw. medium scrambled. Wieviele coffee-refills wir bis zu diesem Zeitpunkt schon getrunken hatten, weiß ich gar nicht mehr.

Die Durchfahrt durch Springfield und die Einfahrt nach Eugene gehen ineinander über. Wie immer in solchen Situationen der Annäherung an größere Stadtzentren werden die Straßen mehrspurig, der Verkehr hektisch, das Orientieren und rasche Entscheiden anstrengender, besonders wenn ein genau adressiertes Ziel zu erreichen ist: Die Grayhound Station. Es gelingt dieses Mal um einiges besser als in Minneapolis, aber ganz ohne aufwändige Selbst- und Stressbeherrschung und strenge Blicke zueinander geht es nicht ab.

In der Grayhound Station erklärt mir der einzige Beschäftigte am Schalter fast begeisternd, welche Möglichkeiten wir hätten, nach San Francisco mit dem Bus zu gelangen. Nach etwa einer drei Viertel Stunde bin ich über die kostengünstigste Variante und die Unmöglichkeit, hier für die Fahrräder die Gepäckskosten zu bezahlen, informiert, habe zwei tickets in der Hand, von Eureka, California, nach San Francisco, vorsichtshalber und wegen des Vorverkaufrabatts datiert auf den 14. September. Mit dem ticket könnten wir freilich auch schon früher fahren, versichert mir der gute Mann und entlässt mich als glückselig strahlenden Kunden.

Nur wenige Schritte von der Busstation entfernt finden wir unser Quartier für die Nacht. Ein geruhsamer Spaziergang durch die mit vielen Einfamilieenhäusern bebauten Straßengevierte wird gekrönt von einem Besuch im High Street Brewery & Café Home, einem hübschen Gastgartenlokal, in dem die Leute auch das Bier selbst brauen und das Essen endlich schmackhaft und ansehnlich und nahrhaft ist. Der vertröstende Ausspruch meiner Schwester, die unsere Ernährungsmisere schon in New York State kommentiert hatte – „Auf gutes Essen müsst ihr warten, bis ihr im Westen seid“ – bewahrheitet sich.

von Eugene durch die Coast Range nach Florence an den Pazifik
4. September 2011

Einen Sonntag Morgen in einer großen Stadt, so etwas hatten wir schon lange nicht mehr: Downtown ohne Wolkenkratzer, für den Broadway und Teile der Williamette Street eine fußgeherfreundliche Straßenoberfläche, die alle, die sich auf ihr bewegen, zu respektvollem Raum Teilen auffordert, Querstraßen mit mehreren Radstreifen, ausreichend breite Gehsteige, Alleen mit Bäumen, Plätze mit Blumenschmuck – die Stadt scheint ein größeres Budget für den öffentlichen Raum bereitzustellen als viele andere Städte, durch die wir bisher gekommen sind.

Noch sind kaum Autos unterwegs, Menschen noch weniger, nur ein Mann mittleren Alters kreuzt und quert die Straße laut deklamierend – doch fehlt ihm das Publikum und die Polizei lässt ihn auch in seinem tranceartigen Zustand. Wir sind früh dran, weil wir wissen, dass es heute eine 100 km Etappe wird. Die vorab anvisierten Frühstückslokale sind (noch) gar nicht offen. Unser Streifzug durch mehrere Häuserblöcke endet daher in einem ziemlich snobistisch anmutenden Café mit etlichen Tischen auch auf dem boulevardartigen Gehsteig. In Wien wäre es ein typisches BoBo-Lokal. Die für unser heutiges Tagesvorhaben erforderliche Kraftnahrung gibt’s hier nicht, statt dessen kleine Portionen, große Preise und der Tee schaut auch nur nobel aus – ist aber sine nobilitate. Das Hunger-Stillen wird auf 25 bis 35 Kilometer westwärts verschoben.

Der blaue Himmel und die Sonne sind wie gewöhnlich fix über uns montiert. Sie strahlt zwar schon schön, aber wärmt noch nicht. Die schnurgerade Ausfahrt aus Eugene wird je später der Morgen umso mehr von motorisierten Vehikeln befahren. Das um den morgigen Labour Day verlängerte arbeitsfreie Wochenende scheint alle mit Wohnwägen, Motorhomes, Motorrädern, Bootsanhängern an den Ozean zu ziehen. Nicht nur uns. Ja, jetzt ist das Ziehen zum Pazifik schon sehr zu spüren. Und die Augen sind mehr und mehr auf dieses Ziel gerichtet – die Bilder links und rechts der Straße erhalten immer weniger Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sich in den vergangenen Wochen doch in so vielen Fotografien niedergeschlagen hatte.

Die Coast Range ist nach der Durchquerung des hier in der Eugene-Region breiten, flachen Willamette Valleys bald erreicht – das am Ortseingang von Veneta gelegene Dixie’s Café enttäuscht leider auch, nur anders als das snobistische in Eugene. Etliche Wochenende-Urlauber-Autos verlassen hier zwar den Florence-Eugene-Highway, um das Freizeitangebot am Fern Ridge Reservoir zu verbringen, doch macht sich das für uns nicht besonders bemerkbar, zumal die Straße nun auch etwas enger wird und sich durch die Gebirgskette zu winden beginnt. Nach alternativen Wegen durch die Küstenkette hinaus zum Ozean haben wir zwar Ausschau gehalten, die wenigen in der Karte eingezeichneten Straßen konnten jedoch beim Abwägen zwischen mehr Kraftaufwand und vielleicht weniger Verkehr nicht gewinnen.

Immer wieder passieren wir an etwas breiteren Talstellen Haselnussplantagen. An einer Gärtnerei machen wir Halt, weil sie ihr Obst und Gemüse, selbst gemachte Kuchen und auch Kaffee anbietet. Die wunderbar ausgereiften Paradeiser verschiedenster Sorten sind ein Hochgenuss. Der Highway hat das Tal des Siuslaw River verlassen und führt zu einem sanften, sattelartigen Übergang hinauf. Die Höhenangabe auf dem Straßenschild – es wird auf unserer Transkontinentaltour das letzte seiner Art sein – entlockt ein Schmunzeln: 769 ft. Ein enger Straßentunnel macht uns noch ein wenig Sorgen, er ist aber gut ausgeleuchtet und nach dem aufmerksamen Lesen der „instructions“ für Radfahrende drücken wir den Knopf und die Warnlichter über dem Tunnelportal beginnen abwechselnd zu blinken. Sie sollen den Autofahrenden signalisieren, dass „cyclists in tunnel“ unterwegs sind. Wir sind schnell genug durch, so dass uns kein Auto im Tunnel überholt. Der Motorenlärm des Gegenverkehrs war nahezu betäubend, nach der Ausfahrt wurde eine kurze Erholungspause nötig, der Puls musste wieder langsamer werden.

Danach geht’s bergab, wieder hinunter in das Tal, das jetzt aber wie ein Ventil wirkt, durch das die Luft vom Ozean landeinwärts drückt. Es ist, als ob das Meer sich mit allen Mitteln gegen unsere Annäherung zur Wehr setzen würde. Je bannender im vorauseilenden Kopf die Bilder von hohen Wellen, unendlichem Horizont, versinkender Sonne, umso ärger schmerzt die Anstrengung in den Beinen, gegen den immer mächtiger werdenden Wind, gegen jeden weiteren Meter kaputten, grobkörnigen Straßenbelag anzukämpfen. Das leichte Gefälle häuft sogar noch Hohn zur Mühsal, anstatt zu erleichtern, gewinnt dennoch der Wind und der Tachometer zeigt immer kleinere Werte. An einer Ausweichstelle ist es dann so weit, die Wut über den immer weiter sinkenden Kilometerdurchschnitt muss aus mir: Absteigen, Brüllen, Fluchen, hastige Schritte hin und her – schließlich das notwendige „Trotzdem“. Heute, bald, nimmer lang bis zum Pazifik! Noch einen Energiespender vertilgen, Aufputschmittel inklusive, dann wieder antreten. Dass bei Hannas Rad ein paar mal die Kette vom Blatt fällt, wirkt pervertierend beruhigend – nein, nichts mehr wird uns heute vom großen, weiten Wasser abhalten.

In Mapleton präsentiert sich das Siuslaw Valley ganz idyllisch. Der Fluss ist wellenlos glatt, wahrscheinlich irgendwo weiter unten aufgestaut. Es gibt einen kleinen Hafen, eine marina, wie es hier etwas übertreibend heißt. Das Örtchen bietet einfache, unprätentiöse Erholung. Während Frank’s Place unzweifelhaft für Harley Davidson Menschen vorbehalten ist, erfreuen uns ein guter Kaffee und homemade cookies in der Caffeination Station. Vom kleinen Balkon an der straßenabgewandten Seite des Hauses hat meinen beschaulichen Überblick über die Bootsanlegestelle und die marina.

Nach ein paar Biegungen wird das Tal allmählich weiter, die begrenzenden, bewaldeten Hügel immer niedriger. Seit Mapleton begleitet die Bahntrasse den Highway auf der rechten Seite. Der Höhenmesser zeigt schon längst, dass es nicht mehr weiter bergab gehen kann. Linkerhand fließt der Fluss gar nicht mehr – ich vermute, dass die Flut am Höhepunkt ist, weil der Wasserpegelstand schon ganz knapp unter dem Straßenniveau liegt. Die Eisenbahntrasse hat am Talhang etwas an Höhe gewinnen müssen, damit sie die Straße und den Siuslaw River ausreichend hoch überqueren kann. Für die höheren Schiffe, die bei Flut wahrscheinlich stromaufwärts fahren, wird ein Brückenelement auf einem Mittelpfeiler horizontal gedreht – also keine Hebe- oder Zugbrücke hier.

Ganz anders als an all den Tagen zuvor, wenn ich um diese Zeit mein Schirmkapperl unter dem Helm aufsetzen musste, um meine Augen vor dem Gegenlicht der im Westen flacher werdenden Sonne zu beschatten, taucht vor uns – es waren nur noch 2 bis 3 Kilometer vor Florence – am westlichen Hintergrund eine grau-braune Wolkenbank auf. Je näher wir kommen, umso düsterer wird diese Wand. Die Temperatur fällt fast blitzartig, so dass wir stehen bleiben müssen. Die Finger fangen zu frieren an, werden klamm und steif, die Winterhandschuhe liegen in der Schublade in der Wiener Wohnung. Pullover und Anorak, die lange Regenhose werden übergezogen. Nach ein paar Minuten erreichen wir das Ortsschild: welcome to Florence. Wir bibbern vor Kälte und der bis in die Seele hineinkriechenden Nebelfeuchtigkeit. Der Wunsch nach einer warmen Unterkunft mit heißer Dusche verdrängt rasend schnell die idyllischen Phantasien vom Zelt in den Dünen im Licht des langsam untergehenden orangefarbigen Sonnenfeuerballs am pazifischen Ozean ….

Das erste Motel in Florence hat kein Appartement, das zweite hat eines für uns. Wir haben also Glück – es ist ja das verlängerte Labour Day Weekend. Nach der wärmenden Reanimierungsphase spazieren wir noch ein paar hundert Meter zu einem Pizzaladen. Die Bar mit den halben Autokörpern an der Fassade wird nur fotografiert, nicht besucht.

Der Ozean hat dieses Match gewonnen, hat sich uns heute verweigert. Nur heute – schwören wir drohend.

Mehr Trans-Oregon-Bilder im Album!

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One Comment leave one →
  1. Gerhard Weiss permalink
    Donnerstag, 22. März 2012 20:47

    Boah! Die Strecke hat euch lesbar ein bissl was abverlangt;) Mich würd ja interessieren, ob mit oder nach diesen vielen Meilen vielleicht ein Gewöhnungs- und Automatismus-Effekt eintritt, der alles ein wenig leichter macht. Scheint aber nicht der Fall zu sein.
    Jedenfalls: Interessant geschrieben und gut fotografiert. Wieder eine Passage zu miterleben.

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