Skip to content

durch Oregons Berge (2) – am Ochoco Highway zu den Cascades

Mittwoch, 14. März 2012

von John Day über den Keyes Creek Summit nach Mitchell
30. August 2011

Zum Besuch des Kam Wah Chung Museums in John Day fehlte mir die Extraportion Wissbegier. So bleiben unsere Kenntnisse über die chinesische Immigration nach Amerika auf einem rudimentären Wissensniveau, dass nämlich tausende chinesische Immigranten im amerikanischen Westen als Eisenbahnbauarbeiter unter schlimmsten Bedingungen geschuftet haben, dass chinesische Immigranten so wie europäische auch vom Goldrausch besessen waren und dass sie hier, fern von ihrem asiatischen Herkunftsland, Gruppen – communities – mit starkem inneren Zusammenhalt gebildet hatten. In John Day gibt es also keinen diesbezüglichen Wissenszuwachs für mich, keine Niveauanhebung. Das ist auch den vielen Schaufenstern chinesischer Händler in dem Städtchen zuzuschreiben, die so voll von mir unsäglich missfallendem China-Möbel- und Nippesramsch sind, dass jeglicher Anreiz verpuffte, das mit etlichen Schildern beworbene Alltagskulturmuseum der chinesischen Immigrationsgeschichte aufzusuchen. Mag sein, dass ich dem Museum Unrecht tu. Das wird es verkraften. Wir machen uns, weiterhin nur rudimentär gebildet, auf den Weg im John Day Valley.

Die Luft ist heiß, trocken, die Konturen der Berge verschwommen, unscharf, als hätten wir einen dauerhaft trüben Blick. Eine Herde schwarzer Angus-Rinder weckt die Erinnerung wach an deren arme, neurotisierte Artgenossen in den staubigen Gehegen jenes cattle-feeders südlich von Mountain Home. Steaks von diesen  hier im John Day Valley weidenden Tieren würde man – im Vergleich dazu – in der österreichischen AMAG-Werbung das Gütesiegel „Vom glücklichen Angus-Rind“ verpassen.

Dayville – ich habe diesen Ortsnamen sofort anders, nämlich wie Devil ausgesprochen (mein kleines, persönliches Sprachamusement) – ist laut Landkarte die letzte Ortschaft vor der Bergetappe . Also scheint Energievorsorge angebracht: Im DayvilleMerc, einem wirklich alten country store, gibt’s sogar ein winziges rundes Tischchen und zwei Stühle, wo wir uns in der gekühlten Ladenhalle hinsetzen können, um den obligaten, unaussprechlich dünnen Kaffee und ein paar recht seltsame Kekse einzunehmen. Die Lady, die uns an der Kasse das Geld für unsere ratenweise, weil allemal unentschlossen, und quasi testweise getätigten Minieinkäufe abnimmt, scheint keine große Freude mit derartigem Kundenverhalten zu haben: Wir brauchen drei Anläufe durch die Regalgassen dieses Landkaufhauses, um ein paar Kuchelen zu kaufen. Die reelle Nahrungsmittelzufuhr erfolgt letztlich doch aus unserer eigenen „doping“-Tasche …

Fast ein déjà-vu-Erlebnis war der Anblick der Picture Gorge, ein paar Kilometer nach Dayville. So eine Schlucht, die durch Auffaltung der tektonischen Platten entstanden war, hatten wir schon kurz nach Thermopolis zu Gesicht bekommen: Der Wind River Canyon hatte sich ganz ähnlich präsentiert wie jetzt diese Schlucht, die die Lavaschichten für den John Day River vor Millionen von Jahren offen gelassen hatten, so dass das Wasser nach Norden abfließen konnte. Zahlreiche Informationstafeln und Werbeschilder machen auf diese Schlucht, die indianischen Wandzeichnungen an ihren Basaltwänden und auf den John Day Fossile Park aufmerksam. Steine oder Versteinerungen Sammeln war aber keine ernstzunehmende Option für uns. Außerdem haben mich mittlerweile die allzu marktschreierischen Geschichtsbeschwörungen in diesem Land schon etwas abgestumpft.

Mitten in der Schlucht zweigen wir ab Richtung Westen, verlassen das John Day Valley und beginnen die Auffahrt zum Keyes Creek Summit. Im vorbereitenden Streckenstudium hatte ich mich bei diesem Anstieg, vor allem beim Höhenunterschied, ziemlich vertan, weil ich die 300 m Höhenverlust von John Day bis zur Picture Gorge übersehen hatte. So wurde diese Etappe doch zu einer veritablen Bergtour mit 700 Höhenmetern. In vielen Kurven windet sich die Straße durch das enge Tal des Mountain River hinauf, gespickt mit etlichen steilen, giftigen Rampen. Der rauhe Straßenbelag und der starke Gegenwind verschliess noch zusätzlich Kräfte. Endlich oben an der Passhöhe empfängt uns das gelbe Hinweisschild, dass man hier nun die Schneeketten anlegen solle …

So kalt war es zwar nicht, aber die Strahlen der noch immer recht hochstehenden Sonne wärmten am Keyes Creek Summit und vor allem auf der Abfahrt nicht mehr. Rauchwolken, die schon bei der Abfahrt vom Dixie Summit hinunter nach Prairie City den Blick auf das John Day Valley eingetrübt hatten, schoben sich jetzt wie eine Mattglaswand vor die Sonne.

Die Hauptstraße von Mitchell zeigt nicht ohne einen gewissen Stolz seine auf alten „Westernlook“ getrimmten Holzbauten: ein Kaufhaus, einen Arts & Crafts Laden, sogar drei Cafés bzw Bars und das schmucke „Oregon Hotel“ gegenüber den Zapfsäulen der Tankstelle.
„Are you looking for a room? The owner , she is next door, in the bar – I’ll get her for you“, sagt der junge Arbeiter, der just in dem Moment aus dem Hotel herauskommt, als wir uns zur Übernachtungsfrage anschicken. Der Mann sieht so aus, als wäre er, wie etliche andere, die hier beim Straßenbau arbeiten, ein Langzeitbewohner im Hotel. Wir warten ein paar Minuten, dann kommt die etwa 45jährige Frau aus der Bar nebenan heraus und auf uns zu. Ja, sie habe Platz für uns, die Fahrräder könnten wir hinter dem Haus abstellen – „Don’t push them through the lounge“, warnt sie uns eindringlich und zeigt uns den Seiteneingang in der Bretterwand bei der Gebäudeecke, durch die wir unsere Räder schieben können.

Es wird sofort klar, dass das „Oregon Hotel“ in Mitchell ihr ganz persönliches Schmuckkästchen, vielleicht sogar ihr Lebenswerk ist. Wir haben kein Problem, diesem Faktum den gebührenden Respekt zu zollen, und quartieren uns im Oberstock in dem wunderlichen großen Zimmer mit zwei Queen Beds ein. Nachdem die üblichen check-in-Formalitäten absolviert waren, sagt sie noch, dass es nebenan noch etwas zu trinken gäbe.

Das Bierbesorgen gerät dann zu einem etwas skurillen Erlebnis: In der Bar neben dem Hotel, hocken zwar ein paar Leute – darunter auch unsere Hotelbesitzerin – an der Theke, doch gibt mir die Barkeeperin missverständlich zu verstehen, dass ich hier nichts mehr trinken könne, aber ich solle ihr doch sagen, was ich gerne haben möchte. Etwas irritiert folge ich ihr zu einem großen Eiskasten, in dem eine ganze Menge Bierflaschen und -dosen eingekühlt liegen. „How many do you want?“ Ich muss ja nicht alles gleich kapieren, sage, dass ich gerne drei hätte. Sie nimmt sie heraus, packt sie in drei Papiersackerln und reicht sie mir. Ich dachte, die Zeit der Prohibition wäre längst vorbei. Manche Üblichkeiten leben offensichtlich überlang.

Die Erklärungen über die Möglichkeiten des Frühstückens am nächsten Tag versetzen mich ein weiteres Mal in kopfschüttelndes Unverständnis: Es gibt in diesem Nest drei Cafés bzw. Bars, deren Eigentümer sich aber nicht auf konsumentenfreundliche Öffnungszeiten einigen können. Denn sie haben zu völlig undurchschaubaren Tageszeiten geöffnet, scheinen diese auch öfters zu ändern, so dass sie selbst nicht wissen, wer wann aufmachen darf – aber meistens haben sie zu denselben Zeiten geschlossen. Also wird es morgen früh wohl oder übel einmal mehr beim so genannten „continental breakfast“ bleiben, von dem man hungriger weggeht als man hingekommen ist.

von Mitchell über den Ochoco Pass nach Prineville
31. August 2011

Die Morgensonne machte zwar ein Licht, das wieder ein wundervolles Fahrtwetter für den Tag versprach, jedoch war die Luft noch so wenig erwärmt, dass man schon nach ein paar hundert Metern etwas Langärmeliges überziehen musste. Vielleicht rührte die fehlende Körpererwärmung aber daher, dass es von Mitchell zuerst ein gutes Stück lang nur bergab ging – in Fortsetzung der Abfahrt des gestrigen Abends vom Keyes Creek Summit. Die Ausfahrt aus Mitchell hat die Natur ziemlich imposant mit zwei portalbildenden, hoch aufragenden Buttes gestaltet. Ihr Alter hatte ihnen freilich schon recht zugesetzt: „Olles baufällig“, war ich geneigt zu sagen beim Anblick der unzähligen Trümmer und Basaltsteinbrocken, die so aussahen, als hätten sie sich erst vor kurzem von ihrem „Mutterfels“ getrennt und in die Tiefe gestürzt.

Die Auffahrt zum Ochoco Pass war nicht besonders spektakulär, der Landstrich ist sehr dünn besiedelt. Ab und zu sieht man geschotterte Wege, die von der Straße abzweigen und zu irgendwelchen Ranches führen. Der Ochoco Highway windet  sich in weit geschwungenen Bögen die weichen, rundlichen Berge hinauf. Allmählich machen sich auch die wärmer gewordenen Sonnenstrahlen und vor allem das fehlende Frühstück nachteilig bemerkbar, das uns alle drei Cafés in Mitchell vorenthalten hatten. Bananen und Erdnussbutterriegel aus der eigenen mobilen Nahrungsmittelabteilung bewahrten uns aber vor einem gröberen Energieausfall.

Noch lange nach der Passhöhe schlängelt sich die wenig befahrene Straße durch die lockeren, luftig anmutenden Föhrenwäder. Alles ist staubtrocken und die unzähligen Schilder, die das Feuermachen verbieten, überraschen nicht. Wieder denke ich mir, dass ich hier nicht unterwegs sein möchte, wenn’s brennt. Kurz vor dem Erreichen der ebenen Senke zwischen den Ochoco Mountains und den Cascades kommen wir noch am Ochoco Stausee vorbei – ein untrügliches Zeichen für weiträumige landwirtschaftliche Flächennutzung.

Prineville überrascht – es ist ein pulsierendes Städtchen mit schmuckem Rathaus und einer ziemlich großen Menge von Häuserblöcken. Wir bleiben hier, bis Redmond wäre es zu weit und von dort bis Sisters, dem Startort für die Querung der Cascades, zu kurz. So bleibt noch reichlich Zeit für einen beschaulichen Stadtbummel und meinen ersten, einzigen und somit auch letzten Steak-Esstest, den ich in Barney Prine’s Steakhouse absolviere. Die Einzelbewertung ändert gar nichts am bisher gewonnenen Gesamturteil der „cuisine américaine“ …

von Prineville nach Sisters
1. September 2011

Prineville bewahrte uns vor der Wiederholung des gestrigen Mankos: Bei Dad’s Place, einem typischen family restaurant stimmt nicht nur das breakfast-Angebot. Die Plauderei mit der Kellnerin – Kategorie FAQs – wurde im Nu zum Gesprächsthema Nr. 1 bei den Wirtsleuten. Frau Wirtin kam nochmals zu uns an den Tisch und meinte, dass wir doch unbedingt über den McKenzey Pass fahren sollen, anstatt die Route über den Santiam Pass zu nehmen. Dann mischte sich auch noch ihr Mann, der aus der Küche extra herauskam, ein und wischte mit einer lässigen Handbewegung mein Argument weg, dass es über den Santiam Highway um etliche Höhenmeter weniger seien.

You‘ll make that easily. I have done it many times. And it is soooo beautiful on McKenzey’s. You must not miss it! Wir können das ja später entscheiden, in Sisters, sagen wir und nehmen den Tipp herzlich dankend an.

Ein kurzer Anstieg überwindet eine Geländekante, die im Westen den Siedlungsraum von Prineville abschließt. In Redmond haben wir Lust auf einen erfrischenden drink und verfahren uns beinahe. Schließlich finden wir doch in downtown Redmond einen einladenden Platz, den Centennial Park, der  ein lustiges Wasserspiel, Schatten spendende Sonnenschirme und ein kleines Café hat.

Nach dem ruhigen, verkehrsarmen Tag durch den Ochoco National Forest kam nun eine typische „Überbrückungsetappe“: Vom einen Bergland herunter über eine Art Hochebene zum Fuß der nächsten Gebirgskette. Es ist die Senke, durch die jene Pioneers gekommen waren, die sich von Stephen Meek’s cutoff ca. 1845 getrennt hatten, um entlang dem Crooked Creek sicherer nach Norden zu gelangen.

Was damals noch ziemliche Wildnis gewesen war, stellt sich uns jetzt auch noch als „Zwischenland“ dar, das heute allerdings von tausenden Autos, Transportern und pick-ups durchquert wird. Links und rechts der dicht befahrenen Straße gibt es kaum eine Attraktion, die zum Verweilen einlädt. Doch der Verkehrslärm und die Hitze zwingen zu kurzen Erholungspausen im sandigen Abseits und überraschen manchmal mit skurillen Anblicken.

Die Berge im Westen sind die eigentlichen Blickfänger. Sie begrenzen diese von Gräben und welligen Buckeln durchzogene Hochebene vor uns. Es ist eine langsame Annäherung, doch werden die Konturen kaum schärfer. Noch immer trüben die Rauchfahnen der Waldbrände im Westen den Durchblick. Wir sind offenbar nicht die ersten und auch nicht die einzigen, die von diesen kegelförmigen, mit vergletscherten Rinnen durchsetzten Bergen fasziniert sind, die sich – aus der Entfernung betrachtet – fast ansatzlos aus dem Hochplateau erheben.

Die Anziehungskraft dieser Naturkulisse ist gewiss eine wichtige ökonomische Grundlage für das Städtchen Sisters. Die Hauptstraße präsentiert sich – anders als etwa Jackson in Wyoming, das das Rodeo-Cowboy-Image kultiviert und kommerzialisiert – als (Berg)wandererort. Dementsprechend groß und einschlägig ist das Angebot an Unterkünften, Cafés, Bars, Restaurants. Etwas außerhalb des Zentrums finden wir, was wir zum Übernachten und selbstversorgenden Abendessen brauchen. Es entstand nicht die geringste Sehnsucht nach Tourismuskneipen.

 

Mehr Trans-Oregon-Bilder im Album!

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: