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am Pazifik (2) – Finale

Freitag, 30. März 2012

von Gold Beach nach Brookings, 8. September 2011

Hunde, die im Fahrradanhänger mitfahren, bekommt man ja schon des öfteren zu Gesicht; auch Schoßhündchen in Lenker- oder Sattelkörbchen sind auf schweren Fahrrädern vom Typ Hollandrad in Wien keine Seltenheit mehr. Was uns jedoch unsere Nachbarn im Motel in Gold Beach bei ihren Abfahrtsvorbereitungen samt anschließendem, dröhnendem Abgang vorführten, war mir sofort die Bitte um eine Foto-shooting-Erlaubnis bei den beiden Protagonisten wert. Die erhielt ich auch bereitwilligst inklusive geschmeicheltem Gesichtsausdruck und sonnenbebrilltem Geschau von Mama- und Tochterhündchen im weich gepolsterten, selbstverständlich stilecht mit schwarzem Leder bezogenen Hundesitz auf den beiden Harleys.

There is no bicycle shop in Gold Beach, the next one could be in Brooking. Sagt mir die Motelbesitzerin. Ihre Info deckt sich leider mit den Ergebnissen meiner internet-Recherche. Also noch mindestens rund 50 km mit asymmetrischer Kurbelbelastung treten, begleitet von der Hoffnung, dass der Laden in Brookings Ersatzpedale hat und dass meine rechte Schuhsohle bis dorthin nicht zerbröselt ist.

Der Highway 101 führt an den Abhängen des Küstengebirges immer höher hinauf , er bleibt aber an der Ozeanseite der Coast Range. Nur manchmal fällt die Straße wieder auf das Strandniveau. Immer wieder halten wir Ausschau nach einer passenden Stelle, wo wir unsere Fahrräder pazifisch „weihen“ können. Die Wellen, die hier tausende Meilen lang von Asien ungehindert gegen diese Westküste laufen, werden sichtlich größer, wilder, machen mächtig Eindruck mit ihrer Naturgewalt. Es bietet sich nirgends eine passable Möglichkeit für’s Wassern, jedenfalls keine, die nicht mit großem Ab- und Aufpackaufwand und Tragepassagen verbunden wäre.

Die Berge ragen oft so steil und ohne Stufen an ihren Abhängen aus dem Meer, dass die Straßenbauer gezwungen waren, die Trasse von der Küste weg in  einmündende Seitentäler hinein zu verlegen. Zwischen Straße und Steilküste bleiben dann mancherorts markante Bergkuppen, Felsvorsprünge, Aussichtsplätze: Cape Sebastian z.B., zu dem eine extrem steile Nebenstraße von der 101er abzweigend hinaufführt und für die mit einem „atemberaubenden Ausblick“ geworben wird. Wir lassen uns anwerben, stellen die schwer bepackten Räder ins Unterholz, wo schon ein anderes Fahrrad versteckt lehnt, ein „Surly“, eine Art amerikanische Kultmarke unter Touren- und Botenradlern. Der Ausblick ist jedoch keiner, zu hoch sind die Bäume rund um den Parkplatz oben. Das Bergabgehen zurück ist reichlich anstrengend, doch bin ich froh, dass ich diesen Weg meinen Felgenbremsen erspart habe. Vermutllich wären sie sogar zu schwach gewesen, das schwere Rad in diesem Gefälle zu kontrollieren.

Bald nach der Cape Sebastian Umfahrung geht’s wieder auf Meeresniveau hinunter. Meyer’s Creek Beach präsentiert sich in beeindruckender Belichtung samt Wellengang und Nebelschwaden.

Der Anblick der aus dem Sandstrand herausragenden Felsen – sea stacks -, an denen die Wellen mit pompösem Getöse und hoch aufspritzender Gischt zerschellen, hat sicherlich Generationen von Menschen in längst vergangener Zeit zu den wunderlichsten Sagen über die Entstehung dieser Küstenlandschaft angeregt. Parallelen aus Tirol drängen sich auf: Frau Hitt, König Serles oder König Laurins Rosengarten fallen mir als altbekannte steinerne Gebirgsformationen ein, um die sich auch immer weiter überlieferte Sagen ranken. Diese South Oregon Coast hier ist nicht minder animierend, erschaudernd, zum Träumen und Davonschweben einladend.

„That is what I always wanted to do in my life“, höre ich plötzlich eine männliche Stimme schräg von hinten in mein Ohr sagen, “but I never managed so far”. Herausgerissen aus meinem soeben begonnenen unirdischen Höhenflug wende ich mich der Stimme zu. Sie kommt aus einem Dunkelgrauen-Anzug-mit-Krawatte-und-weißem-Hemd-Menschen, kurzem, aber frisierbarem Haar auf dem etwa 30jährigen Kopf mit glatt rasiertem Gesicht. „It sure is amazing to experience all this here on bicycles …“ fast gelingt es dem smarten Mann, mich in ein Gespräch mit ihm einzulassen, als mir knapp unterhalb des Stecktuchtäschchens an seinem Sakko ein dezentes, mattaluminiumsilbern schimmerndes Schildchen, wie man es von Angestellten in Hotelrezeptionen kennt, ins Auge sticht. Irgendetwas wie „7th Advent …“ lese ich buchstabierend, bin blitzartig wieder auf dem Boden unter meinen eigenen Füßen gelandet und sage meinem freundlich, einladend mich anblickenden vis-a-vis that I shall have to carry on with this amazing experience here, straight away. Im Weggehen schiele ich noch zurück auf den Aussichtsplatz und sehe, wie „mein“ erfolgloser Missionar zu einer kleinen Gruppe ebensolcherart Eingekleideter geht, die bei einem teuer aussehenden schwarzen Kleinbus beisammenstehen. Christian fundraising vor einer imposanten, Ehrfurcht gebietenden (?), jedenfalls entrückenden Kulisse. Nicht unschlau, diese Missionare, denke ich mir.

Nur wenige Meilen nach Meyer‘s Creek Beach klettert der Highway wieder hinauf in die Berge und wir sehen den pazifischen Wolkenteppich bald wieder von oben. An einem ruhigen Rastplatz – leider ohne von uns ersehnte Sitzgelegenheit und ohne Tisch -, umgeben von hochgewachsenen Bäumen ist eine Stärkung nötig, ein paar Happen Brot mit noch nicht erwärmtem Topfen, eine Hand voll Nüsse und Rosinen und ein Energieriegel. Ein kleiner Gedenkstein informiert über einen gewissen Samuel Boardman, der sich unermüdlich für die Gestaltung und Markierung des Oregon Coast Trails in diesem Küstenabschnitt eingesetzt hatte. Von dem schmalen Rastplatz zweigt ein enger Steig ab. Er soll laut Wegweiser zu den Natural Bridges führen. Ein Stück weit gehen wir den steilen Pfad hinunter – durch den Nebel schimmern ein paar Felsen und schäumende Wellen, die tief unten an das Ufer klatschen.

Zurück auf der Straße verwöhnt die Strecke das Auge mit zahllosen Aus- und Überblicken auf den Ozean und die schroff abfallenden Berghänge. Flüsse aus der Coast Range werden an ihrer Mündung von hochliegenden Stahlbrücken – wie etwa jene über den Thomas Creek – überquert, die jedoch so schmal und ohne Fußgehweg sind, dass wir die Fahrräder nach dem Brückenkopf abstellen und zu Fuß zurücklaufen müssen, um den Blick in die Tiefe zu erleben.

Ein gutes Stück vor Brookings wagt es die Highway-Trasse doch noch einmal, hoch über dem Meeresspiegel in den Abhang des Küstengebirges hineinzuschneiden – wer weiß, wie oft diese Passage schon durch Rutschungen und Felsstürze unterbrochen war. Wir kommen ohne solche durch – dann schwenkt die Straße weg von der Küste, nähert sich dem Meer jedoch unmittelbar vor der Ortseinfahrt von Brookings. Das ist ein überraschend großes Städtchen, die mehrspurige Main Street ist dicht befahren – aber nicht nur befahren: Mitten in der Stadt springt von rechts ganz knapp vor Hanna ein junges Reh auf die Straße, versucht zig-zagging die Fahrbahnen zu queren. Einige Autofahrer sind, so scheint es, erschreckt wie wir und verlangsamen ihre Fahrt, um das irritierte Tier nicht weiter zu verunsichern. Nach ein paar Irrläufen mit etlichen Fahrspurwechseln erreicht das Reh den anderen Gehsteig und springt mit riesigen Hüpfern zwischen den Häusern den Hang hinauf in den dahinter liegenden Wald.

Nach dem tierischen Schrecken wollen wir das Fahrradgeschäft finden – das gelingt erst im zweiten Anlauf, nach einem Tipp eines  Einheimischen, der dort von mir angesprochen wird, wo nach meiner Recherche der Laden eigentlich sein sollte, aber eben nicht ist, ja sogar nie war. Die zweite Option ist ein fun-sport-Geschäft und meine Zweifel, dort pedalfündig zu werden, stellen sich als nicht gänzlich unbegründet heraus. Die jungen Verkäufer sind – gelinde gesagt – nicht auf Fahrradteile spezialisiert. Unter der Glasplatte des Verkaufstisches sind jedoch zwei Pedalmodelle ausgestellt, von denen mir eines einigermaßen passabel vorkommt. Ich frage um die dazu gehörigen cleats und ernte einen entgeisterten Blick im Gesicht des Verkäufers. Er muss unkundig passen und holt einen Kollegen aus der Werkstatt, der wenigstens versteht, was ich meine. Er findet jedoch keine cleats, worauf ich etwas entnervt anmerke, dass sie ja dann solche Pedale gar nicht anbieten sollten, weil man ohne …. Das kriegt offenbar der Geschäftsinhaber mit, mischt sich dazu und erklärt unverfroren, dass die cleats fehlen, sei „a typical case of shop-lifting“. Ich widerspreche ihm nicht, glaube ihm freilich auch nicht. In der Vitrine liegt noch ein original verpacktes Pedalpaar. Das ist meine letzte Chance – die passenden cleats sind noch in der Packung. Draußen vor dem Laden montiere ich gleich alles um. Das gebrochene eggbeater-Pedal packe ich als Souvenir ganz tief in die Tasche. Erleichtert über die gelungene Reparatur genehmigen wir uns ein wunderbares Fischgericht zum Abendessen.

von Brookings, OR, nach Klamath, California, 9. September 2011

Bis zur Grenze dauerte es nicht lange. Die sehr detaillierte Road & Recreation Map für Oregon und Northern California ermöglichte zahlreiche Abweichungen vom Highway 101 und bringt uns durch Gartenbaugebiete in dem südlich von Brookings nicht mehr so schmalen Küstenstreifen. Immer häufiger sind Radfahrerinnen und Radfahrer zu sehen – sowohl auf Tour als auch in trainierenden Radrenngruppen. Der Grenzübergang ist bald erreicht, durch keinerlei topografische Markierung gekennzeichnet. Nur das Welcome to California Schild hat einen leicht magischen Nimbus, ist materieller Namensträger für allerlei Lebensträume und Fantasien. Für das eigene fotografische Festhalten dieses Augenblicks müssen wir noch etwas warten – andere, Motorradler, sind vor uns schon hier und posieren noch für ihr foto-shooting. Erst nach ihnen sind wir an der Reihe mit dem making of memories.

Fast doppelt so groß wie das Willkommensschild ist die Tafel mit den Informationen über Waren und insbesondere jene landwirtschaftliche Produkte, die nach California Einreisende nicht mitbringen dürfen. Der einzelne grüne Paprika und das Reststück vom Gurkerl und der Paradeiser im Tupperware gehen als „just for private use“ bei der Grenzpolizistin durch. Große Stroh- und Heuballen haben wir glaubhaft nicht in unserem Reisegepäck. Have good day – und wir sind drin im Golden State.

Eine Beach-Boys-California-Stimmung kommt nicht auf beim Radeln durch die Felder auf der County Road nach Crescent City. Das lag aber nicht daran, dass ich mir einen Vorderradpatschn zugezogen habe, als ich unvorsichtigerweise das Fahrrad an einen Zaunpfahl anlehnen musste. Die Glasscherben auf dem geschotterten Parkplatz hatte ich zu spät gesichtet. Dem Vergleich mit den bizarren, die Fantasien unendlich anregenden Küstenformationen in Oregon kann die California-Küste nicht standhalten, zumindest jetzt noch nicht.

In Crescent City gab’s ein déjà-vu-Erlebnis zum Thema Ortskenntnisse und Heimatkunde unter den Einheimischen: Sie kennen sich nicht aus. Was nicht an ihrem Auto-Weg zwischen Zuhause und ihrem Arbeitsplatz liegt, ist unbekanntes Territorium, bzw. gibt es gar nicht. Unsere Suche nach einer Verpflegungsstation – einem Café oder einem Family Restaurant – addiert zum Hunger noch reichlich Frustration. Im Vertrauen auf die dürftigen Auskünfte, dass es weiter südwärts nichts mehr gäbe – was sich anschließend als totale Falschmeldung herausstellt –  steigen wir, die Not befürchtend, in einer Fast-food-Kette ab. Warum glauben wir den Leuten noch immer!?

Der lange, groß geschwungene Sandstrand, dessen Form angeblich namensgebende Funktion für Crescent City hatte, bekommt wegen seiner Dünen und seiner Breite, wie schon etliche Stellen vor ihm, auch nicht den Zuschlag für die Austragung des noch immer überfälligen Rituals. Dann steigt der Highway wieder an, entfernt sich und uns von der Küste, um einmal mehr eine Steilufer bildende Bergkette landeinwärts zu umfahren. Wir kommen ins Land der Riesensequoias, der Mammutbäume, der Redwood National Parks. Die Coast Range – hier in North California viel breiter und auch mächtiger als an jener Stelle in Oregon, wo wir von Eugene kommend sie durchquert hatten – richtet sich zu einem beeindruckenden, die Radwanderer klein machenden Gebirgsmassiv auf. Die Bergstrecke hätte sich mindestens so viel Respekt im voraus verdient wie jene Bergketten, die auf kartierten Pässen zu queren waren. Diese Achtlosigkeit rächt sich ein wenig: Weil die Voreinstellung fehlt, unterlaufen einem Kräfteeinteilungsfehler. Aber irgendwann beginnt es doch wieder, bergab zu gehen. Der Redwood Highway schwenkt endlich hinaus zur Steilküste, eröffnet von hoch oben Ausblicke über den Ozean, wie sie unerwarteter und atemberaubender kaum sein können. Und vor uns, dort unten liegt endlich die perfekt passende Stelle.

Ohne Abpacken der Räder geht es wohl nirgends mehr, wenn  man das Versinken im Sand vermeiden will. Das ist eine der Lehren, die aus den bisherigen Standortbegutachtungen und Versuchen gezogen wurden. Eine andere, viel wichtigere ist aber diese: Das synchrone Einstimmen, die gemeinsame, gleichzeitige Freude auf dieses front-wheel-dipping muss da sein; Streit, Unstimmigkeit, Uneinigkeit über frühere nicht realisierte Ortsauswahlen müssen vergessen sein, zumindest für diese kurze Zeit des Rituals. Und hier, an der Wilson Creek Beach mit dem False Klamath Rock als Kulissenblickfang, hier stimmte endlich alles. Wann also sollten wir es tun, wenn nicht hier und jetzt? Die hereinrollenden Wellen des Ozeans spielten auch mit, dröhnen laut rauschend, aber nicht niederschmetternd, unser Näherkommen eher provozierend, herausfordernd, neckend.

Auch wenn wir nun schon mehrere Tage an jenem  Ozean an der anderen Seite des Kontinents entlang gefahren sind, also einen unserer Tour ihren Namen verleihenden Wunsch längst verwirklicht hatten, so setzt dieses „Pazifik-Hineinradeln“ ein markantes, zufrieden machendes Erlebnis als Abschluss hinter ein erreichtes Ziel unserer Fahrt. Ich bin auch jetzt noch, viele Monate später, froh und freudig darüber, dass wir den vielen Widrigkeiten zum Trotz diese Fahrradwasserung doch gemacht haben.

Die Strecke am Strand war nur kurz. Der nächste Berg stellte sich der Küstenstraße in den Weg und wir müssen auf ihr landeinwärts fahren. Es ist eine enge Schlucht, durch die sich der Redwood Highway Richtung Klamath zwängt. Die Sonnenstrahlen, schon recht flach vom Westen kommend, werden von dem Bergrücken an der Küste daran gehindert, die Talsohle noch zu wärmen. Nebelschwaden hängen in der kalten Luft. Der von uns anvisierte Campground im Prairie Creek Redwoods State Park ist unter diesen Umständen bei Tageslicht nicht mehr zu erreichen. Bei der Brücke über den Klamath River kehren wir um, hoffen, in dem Motel, das wir fünf Kilometer vorher linkerhand gesehen hatten, noch ein Quartier zu kriegen. Wir haben Glück, im Ravenwood Motel bekommen wir das letzte freie Zimmer. Und einmal mehr sind wir recht froh über die wärmende Dusche. In der einzigen Bar im Hauptort der Indian Reservation macht der Koch uns sogar noch zwei große Portionen fish & chips, das Bier zapft uns der Barkeeper auf der anderen Seite des Saloons. Die Bude ist gerammelt voll, ein Geburtstagsfest ist im Gange und die Protagonistin schwärmt uns mindestens ein halbes Dutzend mal an, wie glücklich sie ist, dass wir an ihrem Festtag hier sind und mit ihr feiern und trinken und tanzen. Schade, dass das „Feuerwasser“, das die bösen Weißen zu den edlen Indians nicht ohne Hinterlist gebracht haben – oder habe ich da den Karl May in falscher Erinnerung? – , solche freudvollen Äußerungen spätestens nach der dritten Wiederholung in ihr Gegenteil verkehren..

von Klamath nach Eureka, CA, 10. September 2011

Dass wir gestern abend umgekehrt sind und im Ravenwood in Klamath das letzte Bett bekommen haben, erweist sich heute ein zweites mal als eine glückliche Fügung: Nicht nur der Redwood Highway, sondern auch die von ihm abzweigende, in den State Park hineinführende Straße geht konstant bergauf. Dieser Newton B. Drury Scenic Parkway wird immer schmäler und einer klassischen alten Alpenpassstraße ähnlicher. Die Bäume beiderseits machen jedoch unmissverständlich klar, dass wir hier nicht die Brenner- oder Reschenpassstraße hinaufkurbeln. Immer höher ragen die Mammutbäume auf, immer dichter wird’s im Unterholz und auch mitten am Tag dringt bald nur mehr so wenig Licht zu uns Zwergen herunter, dass die Fotoapparate schon das Blitzlicht auslösen.

Gestern Abend hätten wir nichts mehr von diesen Giganten erschauen können, hätten uns nicht über die Sonnenstrahlen freuen können, wie sie sich abmühen, durch die Baumkronen und das dichte Geäst auf den Waldboden herunter zu scheinen. Finster wäre es gewesen und kalt und ein ebenes Schlafplätzchen hätten wir im Dunkeln auch nicht gefunden. Also doppeltes Glück!

Bei den Sequoias wird das Amerika-Gefühl, das den kleinen Europäer wie mich auf dieser Fahrt schon so oft  überkommen hat, in höchstem Maße verdichtet: Hier in Amerika ist alles einfach riesig und macht dich selbst so winzig. Daraus folgt vielleicht, dass man hierzulande selbst auch nur als Riese – als big one – jemand ist? Wie auch immer, das Riesige, das so übermenschlich Große, das zu still, wortlos machendem Schweigen Beeindruckende, das so schwer zu Verstehende, kaum zu Erklärende – all dieses Megadimensionale, von dem es hier so viel gibt, ist vielleicht doch ein besonders fruchtbarer Boden für Glauben und Gottesakzeptanz …

… und dem Wahn, gottgleich werden zu wollen, egal auf welchem Niveau und in welcher Sache (Essen ausgenommen).

Nach den Mammutbaumwäldern im Prairie Creek Redwoods State Park kommt der Park Way Drive wieder herunter, nahezu auf Meersspiegel, und führt hinaus an die Küste. Der Highway 101 schlängelt sich in vielen Kurven am steilen Ufer entlang, in denen die Motorhomes zur gefährlichen Plage werden, oder er verläuft auf Nehrungen, wo uns der Wind ganz schön zusetzt. Jedes mal, wenn man eine Flussmündung quert oder die Straße von der Höhe der Coast Range herunterkommt, ist am Straßenrand die Information auf Schildern zu lesen, dass man sich nun in der Tsunami-Zone befände und diesen Landstrich im Falle der Warnung verlassen müsse. Nach der Big Lagoon klettert die Straße wieder bergan und der Blick auf den Ozean ist nur mehr erinnerbar.

Einen solistischen Radler, der schon in North Oregon gestartet war, treffen wir immer wieder – er hat fast die gleiche Reisegeschwindigkeit wie wir und scheint ebenfalls bei jedem Exit vom Highway abzuwägen, ob es nicht doch irgendeine alternative Route draußen an der Küste gibt. Auch ein Pärchen sehen wir immer wieder. Die beiden fahren jedoch um einiges langsamer als wir, machen jedoch anscheinend kürzere Pausen oder weniger Stopps. Da diese Begegnungen – eigentlich ist es ja ein aneinander Vorbeifahren –  sich schon seit Tagen wiederholen, kommt es jedes mal zu einem breiten Lächeln und ein paar freundlichen Wortwechseln. Für Gespräche sind solche Treffen aber doch zu flüchtig.

Bei Trinidad, ein paar hundert Meter über dem Meer, verlassen wir die 101. Die Detailkarte zeigt eine scenic road – es ist tatsächlich ein Stück des alten Highway Number 1, der Panamericana, jener Traumstraße, die ich schon als Jugendlicher fahren wollte. Und nun steht auch Californias Pazifikküste jener in Oregon an atemberaubenden Anblicken und mächtigem Tosen um nichts mehr nach.

Wenn man jetzt die Augen zumacht und ziemlich genau schaut, dann sieht man’s ganz scharf: Dort hinten geht’s nach Wladiwostok. Aber das ist eine andere Geschichte.  So wie unsere transam 2011-Lektüre nun hier für die interessierte, exclusive Leserinnenschaft endet, ….

 …. wird diese noch nicht geschriebene transpacific-Geschichte in jener nebenstehend abgebildeten, sich dialektisch unübertreffbar präsentierenden Örtlichkeit, dem palm-reading-house  in Eureka, auch nur einem handverlesenen (sic!) Publikum  zugänglich sein, vermutet ….

Peter

…. und sagt: Danke für’s Mitlesen.

Mehr Bilder von der Pazifischen Küste gibt’s im Album.

 

Kleiner Nachtrag:

Etwas mehr als 10 Jahre vor uns hatten sich die beiden Brüder Stefan und Tobias Micke aus Wien in Boston auch mit Fahrrädern (allerdings von TREK gesponserten) auf einen Weg nach Westen gemacht, der unserem streckenweise gleicht:

Zwei ungleiche Brüder setzen sich eines Tages in den Kopf, auf Fahrrädern den amerikanischen Kontinent zu bezwingen. Anstatt im Zelt oder in Motelräumen zu übernachten, setzen sie ganz auf die Amerikanische Gastfreundschaft und erleben so ein Amerika, das selbst vielen Amerikanern unbekannt ist. Mit Ausrüstungstipps und Fotogalerie! (Eigenwerbetext für das Buch „Biker’s Barbecue – die Wiederentdeckung Amerikas“)

Als Hanna und ich losführen, waren wir rund 40 Jahre älter als die beiden bei ihrem Start, was ein wenig die unterschiedlichen Augen erklärt, mit denen die „Americas“ gesehen werden. Ich fand’s u.a. auch gerade deshalb amusant zu lesen – nach unserem transam 11 ….

 

 

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