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durch Idaho (2) – High Prairie

Donnerstag, 02. Februar 2012

von Carey durch Camas High Prairie nach Fairfield
(21. August)

Der mit Mulch bedeckte Kinderspielplatz war getränkt von der nächtlichen Beregnung, die Luft noch frisch, doch die Pioneer Mountains im Norden waren schon in der grellen Morgensonne, als wir im Carey Community Park mit dem Teekochen für’s Frühstück begannen. Es dauerte ein Weilchen, bis der Rasen taufrei war und das Zelt zum Trocknen auf den Kopf gestellt werden konnte. Auf der anderen Seite des Zufahrtsweges zu unserem Park sind die eingezäunten Boxen noch zu sehen, die am letzten Wochenende im Rahmen der jährlichen Blaire County Fair sicher voll mit Rindern waren. Der Community Park wäre am vergangenen Samstag wohl kaum als Zeltplatz für uns zu nützen gewesen. Der heutige Morgen war still, der Park aufgeräumt, im Mobilklo gab es auch Toilettenpapier. Und der Basketball-Platz wurde auch noch nicht von der Dorfjugend aufgesucht.

Ein Verirren in Carey war kaum möglich, es gibt nur die eine Abzweigung nach Westen. Auf den Pioneer-Guide, Tim Goodale, waren wir glücklicherweise auch nicht angewiesen – es war klar, dass wir zwischen den Bergen über einen niedrigen Pass auf die andere Seite mussten. Wir bleiben weiter auf seiner Route, der Goodale‘s Cutoff, jener Alternative zum Oregon-Trail, die sich heute freilich nur noch kartographisch mit unserer deckt.

Der Anstieg war kurz, die Abfahrt drüben ebenso –dieser Teil der High Prairie liegt hier etwa auf derselben Seehöhe (ca. 1.450 m). Wie immer beim Erreichen von Anhöhen, Bergkuppen und Passübergängen wird man mit blick- und herzerweiternden Aussichten belohnt: Von der Hochebene ist nur ein winziger Teil grün, die Grenzlinien zur braunen, dürren Prairie sind scharf gezirkelt, markieren die Reichweite der kreisförmig rotierenden Sprinkler. Bei Picabo stehen ein paar große Tafeln am Straßenrand, auf denen das Schigebiet Sun Valley beworben wird. Es ist zwar noch lange nicht unsere übliche Nach-Frühstück-Distanz von 20 bis 35 km erradelt, aber wir machen trotzdem in Picabo beim Country Store neben dem Flugfeld Halt – wissend, dass die nächste Gastwirtschaft frühestens nach 60 km sein wird: Prophylaktisches „fuelling“. Vorsorge-Wasserkaffee und ein fladenförmiges Kuchenetwas, das getestet werden musste. Die Tische und Stühle, bzw. Sessel mit Rollen an ihren Füßen hätten jeden contest in der Rubrik „Fancy-Rustic Furniture“ unangefochten gewonnen. Die geschweiften Schwingtürblätter –  ein drittelkörperhoher Sichtteiler zwischen dem Gastareal in dem hangarartigen country store und den restrooms – hätten zusätzlich einen Ehrenpreis für außer Konkurrenz gestartete Blickfänger gewonnen. An den nur teilweise entrindeten Holzbretterwänden hingen alle Insignien, die das Cowboyland-Image ausmachen: Zaumzeug, genietete Patronengurte, Hufeisen, Steigbügel, allerlei Formen von Stiefelsporen, dazwischen ein paar vergilbte Fotos und Plakate von früheren Rodeos.

Die satt-grünen Felder hören bald nach Picabo auf. Rundherum ist nun alles bräunlich, durchsetzt vom stumpf-matten Grün des sagebrush, den dürren nicht sehr hohen Sträuchern, die den Übergang zwischen Prairie und Steppe markieren. Die Straße – schnurgerade, als wäre ein Breitenkreis das Maß aller Dinge, wie man sich über diese Erde fortzubewegen hätte – durchschneidet das Land unbeirrt von Geländemulden, und -buckeln, irrlichternden ausgetrockneten Creeks, mäandernden, versickernden Wasserläufen. Hin und wieder zweigen schmale, einspurige Sandwege ab, die zu irgendwelchen Fischerei- oder sogar Bootlandeplätzen führen. Von einem Magic Reservoir ist auf Werbetafeln am Straßenrand zu lesen – wir riskieren aber keinen Ausflug ins Gelände. Manchmal wird eine Schlucht sichtbar, wenn die Straße in ihrer Geradlinigkeit ganz nahe an so einen zuckenden Riss in der Erdoberfläche herankommt. Diese Touristenattraktion erklärt den ziemlich dichten Autoverkehr, der hier besonders unangenehm ist, weil die Straße keine „shoulder“ hat, auf die diese Motorhomes, Wohnwagenschlepper, Pferdeanhänger uns Radfahrende zu verbannen gewohnt sind. Die riesigen Agrartrucks, mit Spreu oder sonstigen Futterpflanzen beladen, und die Kleingewerbe-pick-ups machen uns das Leben auch nicht leichter.

Land, davon scheint es undendlich viel zu geben. Was man an Gerätschaften nicht mehr braucht, lässt man liegen, hinter sich, während man selbst weiterzieht, auf bessere Landausbeute hoffend; diese Beziehung zum Land – im Gegensatz zu der bei uns in Mitteleuropa bestimmenden Knappheit von Grund und Boden – stamme aus einer alten Pioneer-Mentalität, meinte Schwager Dennis viel später, als ich unser Erstaunen über die „Hinterlassenschaften“ in den verlassenen Landstrichen zu Sprache gebracht habe.

Fairfield besteht zu einem großen Teil aus „Überbleibseln“ vergangener, etwas prosperierenderer Phasen: Früher transportierte die Eisenbahn die Agrarprodukte und wahrscheinlich auch die Menschen hier heroben in Camas High Prairie. Daran erinnert nur mehr ein orangefarbener Wagon der „Union Pacific“, in dem jetzt das „Tourist Information Center“ untergebracht ist.

Der Frühabendspaziergang durch Fairfield geht durch menschenleere, geschotterte Straßen, vorbei an ein paar mehr oder weniger kleinen und großen Kirchen und zwei Bars, die aber nicht in Betrieb sind. Besonders nett ist das „Drive Through Espresso“ – ein kleiner Baucontainer mit einem Giebeldach. Auf der breiten, ebenfalls geschotterten Hauptstraße, der Soldier Road, treffen wir eine etwa 75 Jahre alte Frau, die die an den Laternen hängenden Blumenkörbe mit Wasser versorgt. Früher habe sie das Wasser von der Gemeinde erhalten, jetzt nimmt sie es aus ihrer eigenen Leitung, füllt den container damit, transportiert ihn im Kofferraum ihres PKW von Kandelaber zu Kandelaber. Dieses Ehrenamt macht ihr Freude.

Sie hat ihr ganzes Leben in Fairfield verbracht, war ein einziges Mal kurz in einem anderen Staat. Ihre Kinder sind alle weggezogen, aber der eine Sohn erwägt, mit seiner Frau wieder zurück nach Fairfield zu kommen. Das hängt aber hauptsächlich davon ab, ob er hier eine Arbeit findet. Das Wohnen wäre hier ja günstiger als anderswo. Die Frau erinnert mich an jene von mir mit dem Titel „Madre d’Espana“ ausgezeichnete Alte, in deren finca ich die letzten vier Wochen des Sommers 1972 gewohnt hatte. Auch ihre Kinder, Enkel, Urenkel waren über ganz Iberien verstreut; ein Sohn aus dem nahegelegenen Altea besuchte sie  einmal pro Woche, brachte ihr, was sie so zum Überleben brauchte – ohne Strom, ohne Leitungswasser, ohne Zufahrtsweg, nur ein Eselspfad.

Die Familie, die das Prairie Inn betreibt, hat uns sehr freundlich, auch interessiert am Gespräch mit mir, aufgenommen. Für die Fahrradreinigung – ziemlich viel Staub auf den Ketten –  und das Minimalservice bringt uns der Inhaber noch ein paar Fetzen; er befürchtet anscheinend, dass wir die weißen Frottee-Tücher aus dem Badezimmer dafür missbrauchen würden, und beugt einer solchen Verwendung dadurch vor.

weiter westwärts über die High Prairie und zurück in die Snake River Plain nach Mountain Home
(22. August)

Am westlichen Horizont werden nach der Abfahrt aus Fairfield Ausläufer der Soldier Mountains sichtbar. In der Landkarte sind noch zwei Orte auf unserer Strecke eingezeichnet: Hill City und Corral. Sie schauen fast völlig verlassen aus. In Hill City hält ein alter Mann auf einem kleinen Traktor kurz an und deutet auf ein Haus rechts unterhalb der Straße. Dort könnten wir Trinkwasser holen, sagt er –  so haben wir ihn jedenfalls verstanden. Wir genießen auch den Schatten und die Jause im überdachten Eingangsportal. Es hat den Anschein, als würde die Behausung nicht mehr bewohnt werden. Beim Gebäude gegenüber ist anfangs noch jemand im Vorgarten, an einem Beet werkend, zu sehen – reagiert aber nicht auf unsere Zurufversuche.

Heiß, schattenlos und schier nicht enden wollend bleibt die noch immer fast kurvenlose Straße. Das Wasser in den Trinkflaschen ist schon nach wenigen Minuten warm; aber erstaunlicherweise empfinde ich das gar nicht widerlich. Ganz weit vorne wird etwas großes Weißes sichtbar – das nährt die Hoffnung, hier heroben in Camas High Prairie wenigstens eine Pause im Schatten einlegen zu können. Ein bisschen fantasieren wir auch eine Tankstelle, wo es Wasser … endlich dort ist man ja schon zufrieden, weil dieses hohe weiße Flugdach Schatten spendet.

Das Grundstück – es ist wohl ein Straßenbauhof – ist hoch eingezäunt, die dazu gehörigen „No Trespassing“-Schilder nehmen wir zwar ernst, aber das Schiebetor ist offen; hinter dem zweiten Hangar-ähnlichen Gebäude hören wir Leute, die irgendetwas hämmern. Hanna geht nach hinten, um zu fragen, ob wir uns hier ein Weilchen in den Schatten setzen können. Wir können und machen uns mit ein paar Holzbrettern und –scheitern eine Sitz- und Tischgelegenheit. Nur kurz währt die schattige Idylle. Der junge Typ, den Hanna vorher angesprochen hatte, kommt plötzlich von hinten nach vorne und sagt, wir müssten in fünf Minuten hier weg „we have to move some large equipment“. Das ist ziemlich unfassbar – mitten in der trocken-heißen Wüste vertreibt er uns. Wir verlassen das eingezäunte Areal, stellen uns bei den Rindergehegen auf der anderen Straßenseite in die Sonne und kauen die Paprikastückchen und Peanut-Butterscheibchen und einen Cliff-Riegel. In der Straßenmeisterei tut sich auch nach einer halben Stunde noch nichts, keine Spur von moving vehicles.

Wir sind – vermute ich – schon nahe am Rand der Hochebene; von nun an sollte es also vorwiegend bergab gehen. Das Trinkwasser in unseren Flaschen ist seit dem letzten Nachfüllen in Hill CIty nicht nur schon längst warm geworden, wir haben auch nicht mehr viel.

Noch ist Mountain Home, das rund 600 m tiefer als die High Prairie liegt, nicht zu sehen und die Straße fällt zwar über weite Strecken, um jedoch gleich wieder einen Buckel hinauf zu gehen. Bei einer Abfahrt sehe ich weit vor mir auf einer Straßenerweiterung ein Auto stehen und träume davon, dass die Leute dort ein bissl frisches Wasser haben. Wir kommen dem Halteplatz näher, eine Frau bewegt sich mit erhobenen Armen gestikulierend an den Fahrbahnrand. Nun erkenne ich, dass sie eine Wasserflasche in ihrer Hand hält und unmissverständlich uns damit zuwinkt.

Es ist dreams-come-true-time! Das Pärchen in dem Wagen hat uns vorher oben in High Prairie gesehen und überholt und gedacht, dass wir sehr wahrscheinlich Durst haben. Das war ganz gewiss nicht falsch gedacht. Im Nu sind zwei, drei Flaschen aus der Kühltasche des Autos getrunken. Es ist doch erstaunlich und bemerkenswert, zwei so konträre Erlebnisse in der Prairie binnen so kurzer Zeit zu haben. Diese „Engel“ sind der Ausgleich zu diesem jungen gedankenlosen Vorarbeiter, der vielleicht einen Anschiss von seinem Chef so sehr fürchtete, dass in ihm der letzte Rest von Hausverstand und Mitgefühl von dieser Angst weggewischt wurde.

Die Abfahrt auf der letzten langen Geraden hinunter nach Mountain Home wäre viel erfreulicher gewesen, wenn wir nicht auch noch gegen den Wind treten hätten müssen. In der MacDonald-Kühlbox am Ortseingang recherchieren wir, wie man zum KOA-Campground kommt und machen uns nach kurzer Pause auf den Weg dorhin.

Das Einchecken dort wird zu einem unvergesslichen Erlebnis, das ich in einem Beschwerdeschreiben ausführlich veröffentlicht habe. Der ganze Campground war bis auf wenige Stellen durch die Sprinkleranlage unter Wasser gesetzt. Ein junges Paar aus Canada hat mir geholfen, ein trockenes Plätzchen zu finden, knapp neben ihrem Zelt. Die Frau half etwas später auch noch anderen Neuankömmlingen. Das hatte ihr der Campground-host, eine ziemlich unfreundliche Alte, so übel genommen, dass sie die Polizei rief und das canadische Paar vom Zeltplatz hinauseskortiert wurde. „If she (the host) is afraid that these people cause trouble on her grounds we have to do what she wants. And she wants them to leave.“ Bei uns würde in so einem Fall die Polizei gar nicht auf den Plan treten. Hier kamen sie mit zwei Einsatzwägen und vier Mann hoch. In Flint tauchen sie hingegen nicht einmal auf, wenn sie der Nachbar, dessen Haus gerade angezündet wird, um Hilfe ruft…..

Mehr Bilder zum Thema Idaho – Farmland, Wüste, High Prairie im Album!

2 Kommentare leave one →
  1. Angelika permalink
    Samstag, 03. März 2012 15:50

    Ineressant zu Lesen

    • Samstag, 03. März 2012 19:18

      Diese Anmerkung freut mich – besonders, weil es mir seit dem Abschluss der Radtour im September 2011 jetzt schon recht schwer fällt, dieses “Reisetagebuch” aus der allmählich verblassenden, lückenhaft werdenden Erinnerung fertigzuschreiben. Ein paar Etappen fehlen noch – die sollten aber in den nächsten zwei Wochen online gehen …

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