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X-ing the Rockies (1)

Sonntag, 08. Januar 2012

von Dubois, Wyoming, über den Togwotee Pass
Sonntag, 14. August 2011

transam11route_Dubois-Togwotee-JacksonDie Betriebstemperatur war zwar optimal, aber der starke Gegenwind mit sehr giftigen Böen hat nach Dubois die ersten Stunden der Anfahrt zum Pass sehr erschwert. Das Kraftfrühstück im Family-Restaurant neben dem Motel war eigentlich nicht als Windopfer sondern als Brennstoff für die Höhenmeter gedacht. Aber Steigungen kamen (noch) lange nicht unter die Räder. Und wieder kriecht die einschüchternde Vorstellung eines übermächtig langen und steilen Schlussanstiegs von den Beinen hinauf  in den Kopf und wieder zurück.

Etwa 30km nach Dubois lädt das Lavamountain Lodge zum „Nachtanken“.  Vom Balkon des  grauenhaft rustikalen, menschenleeren Restaurantsaales gibt’s zwar einen Blick über das Wind River Tal hinüber zu den Lavamountains, der aber abgelenkt wird von den unten stehenden Grizzly Cabins. Die treiben die ästhetische Vergewaltigung, für die das Interieur des Restaurants schon sorgt, auf einen weiteren Tiefpunkt.

Hinter dem Speisensaal setzt sich die tourismuskulturelle Hochleistung in dem mit unbeschreiblichem Berglerramsch vollgestopften Souvenirgeschäft fort. Eine einzige Beschäftigte schupft die Barkeeper-, die Bedienungs- und die Küchenarbeit, kümmert sich aufmerksam um uns und freut sich auch noch über das Gespräch.

Die breite Schneise, die für diese relativ neue Straßentrasse durch den Wald geschlagen worden war – auch hier unter dem fragwürdigen Motto „Bringing America back to work“ -, gibt nicht einmal den größten Bäumen, so sehr sie sich auch in die Höhe strecken, eine Chance, in der Sonne bergauf Radelnden ein paar Meter Schatten zu spenden. Aber auch wenn sie näher am Straßenrand stünden, wäre von ihrem Schatten nur wenig zu spüren – zu kaputt (grau, ohne Nadeln) ist ein Großteil des Waldes hier. Das Stehenbleiben – zwecks Sitzlüftung und Normalisierung der Durchblutung – vermiesen sehr aggressive, beißende Pferdebremsen und sonstige insektöse Flugobjekte. Mehr Fahrtwind ist die einzige Möglichkeit, diesen Biestern die Landung auf der schwitzenden Haut zu erschweren. Alle Kraft und mentale Konzentration galt daher dem schnellstmöglichen Hinaufkommen zum Gebirgssattel. Ich glaube, ich habe mich noch nie eine so lange Strecke bergauf so im Wiegetritt gehetzt wie hier. Irgendwann war eine weiche Kuppe erreicht; es war wohl die Passhöhe, unspektakulär: Da war kein Schild, auch kein Ausblick, der die atemraubende Flucht hinauf belohnt hätte. Ohne Halt rolle ich über den Sattel, Hanna ist wegen meiner Hetzerei ausnahmsweise etwas später oben. Erst nach einer längeren Abfahrt verschwinden die Zweifel, dass das tatsächlich der Togwotee-Pass war, die Respekt heischende Querung der Rocky Mountains. Dass die Angst vor Pferdebremsenbissen mich bis knapp vor dem Umfallen wegen Erschöpfung den Berg hinauf jagen würde, wäre ich vorher nie gekommen. Die Abfahrt war wie eine Ganzkörperlabsal.

Die fetten, reich aussehenden Autos vor dem Togwotee Mountain Lodge, etwa 300 Höhenmeter unterhalb der Passhöhe, wirkten eher abschreckend als einladend. Der Motelinhaber in Dubois hatte von einer etwa 6 Meilen langen Baustellenpassage nach dem Pass gesprochen, die uns möglicherweise Schwierigkeiten bereiten könnte – das sprach trotz des hohen Nächtigungspreises schließlich doch für’s Bleiben. Im Red Fox Saloon waren auch noch verschiedene offene Biere zu testen …

Kurz nach der Abfahrt am nächsten Morgen war die Baustelle erreicht. Das Durchfahren wurde uns nicht erlaubt; wir würden mit dem Pilot-Car transportiert werden, sagte einer der Bauarbeiter, von dem ich mir gleich einen Tipp geben ließ, was denn die Straßenarbeiter in dieser von blutrünstigen Insekten wimmelnden Waldregion gegen das Ausgesaugt-Werden täten. „Deep Woods“ sei das einzige Mittel, das hilft, sagt der Mann, der es ja aus eigener Erfahrung wohl wissen müsste. „There’s no way to get along without“. Auf der Ladefläche des kleinen Pilot-Car waren wir trotz der ungedämpften, nicht abgefederten Holperei sehr froh, diese Passage nicht auf unseren Rädern fahren zu müssen. Eine kleine Zusatzfreude bescherte auch der Blick auf die hinter uns aufgefädelten Autos und Motorräder, die nicht überholen durften.

Blick zurück ins Buffalo Valley

Blick zurück zum Togwotee Pass

Schon während der Pilot-Car-Fahrt waren manchmal Teile der Teton-Bergkette zu sehen. Ihre ganze Pracht entfalteten diese Berge aber erst kurz nachdem wir wieder weiterradeln durften. Wie ein Scherenschnitt präsentierte sich plötzlich die imposante Kulisse der Teton Mountain Range im Sonnengegenlicht.

Blick auf Teton Mountain Range

der Weg zu John Wayne

durch den Grand Teton Nationalpark nach Jackson
Montag, 15. August

Der entscheidende Grund, im Sommer nicht durch den Yellowstone National Park zu radeln, war dessen leicht im voraus zu erahnende touristische Überfüllung. Darin dürften wir uns nicht getäuscht haben. Mit der Annahme, dass so ein massiver Auflauf für den Grand Teton National Park nicht zutreffen würde, haben wir uns aber getäuscht. Beim Passieren der für beide Parks gemeinsamen Eintrittskartenstelle kurz nach Moran Junction lebte noch ein Weilchen lang die Hoffnung, dass die Autos sich bei der nächsten Straßengabelung wie die Lemminge einheitlich nordwärts – also Richtung Yellowstone – weiterbewegen würden. Das geschah ebenso wenig wie der erwünschte sonnige Empfang des Großen Teton, der sich von der Ferne so faszinierend imposant präsentiert hatte.

Mit Gewitter, Blitz, Donner und peitschendem Regen und Graupeln wurden wir kurz vor dem Jackson Lake begrüßt, und zwar so plötzlich, dass weder ein Unterstand zu erreichen noch das Auspacken des wärmeren Gewands zu machen gewesen wäre. Nach wenigen Minuten bibbern wir unter dem nur mehr eingebildeten Schutz des Laubs von ein paar zarten Birkenbäumchen am Rand eines Parkplatzes. Von Süden treibt der Wind noch etliche Wolken gegen die Bergkette, die mit ihren scharfen Zacken diese aufzuschlitzen schien. Außer Schnee werden uns alle Wetterspiele fast im Zeitraffer geboten, auch kurze Sonnenfenster, die schnell zum Auspacken und Anziehen der Regenkleidung genutzt werden. Klar, dass bei der nächsten, also nicht erst der  nächstbesten Herberge zur partiellen Trockenlegung und innerlichen Wiederaufwärmung eingekehrt werden muss. Mit dem Einkehrbedürfnis sind wir keineswegs allein, mit der nassen Körperempfindung jedoch schon. Nach ein paar Regenschauern, die wir trotzig unterm Vordach auf der hölzernen Terrasse des riesigen Souvenir-Kaffee-Restaurant-Selbstbedieungsladens vorüberziehen lassen, steigen wir wieder in die Pedale. Das wärmt allemal besser als die dünnen coffee-refills.

Am Jennylake-Information-Center rät uns eine Nationalpark-Rangerin davon ab, die Route über Teton Village und Wilson zu nehmen – da ist eine recht lange nicht asphaltierte, grob-schotterige Passage drin, die sicher auch unter den Gewittern der letzten Tage zusätzlich gelitten haben wird. Auch die von mir nachgefragte Querung über den Teton Pass hinüber nach Idaho empfiehlt sie, nicht zu nehmen – die sei sehr lang und hat über 10 % steile Rampen. Sie ist alle diese Strecken hier selbst geradelt – ohne Gepäck, mit MTB oder Rennrad. Ihr Rat ist akzeptiert, mit Dank.


Bis Moose schlängelt sich die „Scenic Road“ durch Jackson Hole, das mit seiner brett-ebenen Flachheit das Schroffe, Abwehrende, Herausfordernde der Teton-Kette im Westen erst richtig wirksam werden lässt. Gegenüber, im Osten, erinnern die sanften Wellen der Ausläufer der Gros Ventre Wilderness ein wenig an das nördliche Alpenvorland. Doch die schiere Weite dieser Jackson Hole Ebene lässt keine sonstigen Landschaftsvergleiche mit alpinen Gegenden zu; das Karwendelgebirge ragt auch sehr steil aus dem Unterinntal empor – dieses erlebt man aber als enges Tal, das an keiner Stelle seiner Sohle jene Entfernung zur Bergkette ermöglicht, die diese als unendlich lange Riesenmauer erfahren lässt. Wieder einmal mehr ist er da, dieser Amerika-Eindruck: everything here is bigger, greater, higher, longer….

…. and crazier: Dass der kürzeste Radweg Wiens – in der äußeren Mariahilferstraße, Ecke Sperrgasse – in seiner schildbürgerartigen Unsinnigkeit je irgendwo auf der Welt übertroffen werden könnte, hatte ich bis kurz vor der Einfahrt nach Jackson, WY, nicht für möglich gehalten. Hier fiel dem Radwegplaner oder der -planerin doch tatsächlich ein, unmittelbar nach dem Anfang bzw. der Einmündung des Radweges in einen von der Hauptfahrbahn abgeteilten Parkstreifen eine Kreisverkehrsregelung für die Radfahrenden nicht nur zu verordnen, sondern auch mit Pfeilen und Trennlinien zu markieren und noch dazu mit einer etwa 7 cm hohen, runden, rosarot eingefärbten Betonflade mitten am Radweg zu erzwingen! Die nach und von Jackson herein- und hinausströmenden Radfahrermassen werden an dieser denkwürdigen Stelle sicher eine Ehrenrunde um das rote Felgenkillerlaberl drehen; ich hab’s schon vorgemacht – speichen- und felgenschonend, versteht sich.

Jackson – here we come! Die unzähligen Motels und Hotels, die Dichte des Autoverkehrs und die vielen ampelgeregelten Kreuzungen irritieren, sie stören den Eindruck, den man in Jackson bekommen könnte: Die Häuser hier sind keine Kulissenbauten für billige Westernfilme. Nein, hier verkaufen reale Menschen eine „Wild-West-Stimmung“ an ebensolche reale Menschen, die genau deswegen – und zwar offensichtlich massenhaft – hierher kommen, um in diese in vordigitalen Zeiten industriell erzeugte Imitatwelt einzutauchen. Da ist keine Spur von Ironie zu finden, Selbstironie schon gar nicht. Man erinnert sich an die Begrüßungstafel: Howdy stranger – yonder is Jackson Hole, the last of the old West.


Es ist die Real-Life-Bühne, die im alpinen Bereich (nicht nur in Tirol) aus Schi- und Musikantenstadel, aus Jagateeheferln und Kuhglocken made in Taiwan, aus Mistgabeldekor und kariert-bedruckten Dirndlschürzen errichtet wird. Erinnerungen an die eigene temporäre Studienfinanzierungsökonomie als Schilehrer legen solche Vergleiche nahe. Der Inhaber des Sundance-Inn kann mit der Geschichte von dem aus Lienz/Osttirol stammenden Olympiasieger Pepi Stiegler, der unweit von Jackson, in Teton Village, sein Schigeschäft aufgezogen hat, auch nicht wirklich überraschen. Das passt schon alles zusammen. Nicht nur in Jackson, auch in den St. Johanns und St. Antons.

Mehr Bildchen aus der Cowboy-Region in den Rocky Mountains im Album!

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One Comment leave one →
  1. Gerhard Weiss permalink
    Montag, 09. Januar 2012 12:36

    Howdy! Vielleicht war die Stelle vom heutigen „Kreisverkehr“ einmal high noon-Schieß-Platz?:))
    Gute, anschauliche Schilderung auch von dieser Etappe, Peter. Bei der Kritik am Einrichtungs- und Souvenir-Kitsch in der „Cowboy-Region“ war der Vergleich mit der heimischen Entsprechung mehr als angebracht. Aber, für welches Design müsste/könnte man sich denn entscheiden, wenn man weiterhin Besucher in diese Gegend locken will?
    LG Gerhard

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