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X-ing the Rockies (2)

Sonntag, 08. Januar 2012

durch das Snake River Valley von Jackson, Wyoming nach Idaho Falls
16. – 18. August 2011

Es war nicht das Märzen vom „Siebenstern“ – auch wenn die Snake River Brewery in Jackson das Snake River Lager mit This is an amber colored Vienna style lager so verführerisch beschreibt. Danach wurde es doch wieder das nach Zitronensaft schmeckende Snake River Pale Ale. Da war wenigstens keine 7-sternige Erwartung aufgekommen und infolgedessen auch keine Enttäuschung zu befürchten gewesen – mittlerweile hatte ich ja schon ein paar Erfahrungen in American Micro-Breweries gesammelt.

Der Sundance Inn Inhaber – selbst in der dritten Generation aus Deutschland eingewandert, jedoch nichts von den Sprachkenntnissen seiner Vorfahren ererbt-erworben – hatte uns den Brauwirtschaftstipp – I’m going there myself – gegeben; na ja, war nicht so schwer, uns den Durst anzusehen; trotzdem sei ihm Dank ausgesprochen. Die Räder, hatte er angeboten, können wir in der Hotel-Lounge einstellen, weil in unserem „Appartment“ nicht ausreichend Platz sei. Damit hatte er Recht. Es war wirklich winzig.

Der Morgenspaziergang auf den hölzernen Gehsteigen unter den Galerien von Jackson hätte sicher noch viel mehr Skurillitäten und bestaunenswerten Tand und Zeug geboten, die den Jackson-Touristen als Erinnerungskrücken an ihre phantastische Reise ins Cowboyland verkauft werden. Doch war auch diese Faszination an schwer verständlicher Kitschmasse enden wollend und der Weg aus den Rockies hinaus durch das Snake River Valley barg etliche Unwägbarkeiten: Hitze? Gewitter? Straßenbaustellen? Versorgungs- und Nächtigungsplätze? Die Vorabinformationen waren dürftig gewesen – also Absage des Kuriositätenbummels und zurück zum Pedalieren.

transam11route_Jackson - Idaho Falls

Die Ausfahrt aus der Stadt machte mit ihren Gewerbebetrieben, Autohändlern, Kleinindustrieanlagen deutlich, dass es hier nicht nur Tourismuswirtschaft geben dürfte. Noch weiter draußen, zwischen Straße und Fluss waren die dazu gehörigen einfachen Arbeiterunterkünfte angesiedelt: längst nicht mehr umstandslos bewegliche, schon mit niedrigen Zäunchen und manchem Pflanzenzierrat umstellte Mobil-Homes, zu Dutzenden aufgefädelt entlang einem schotterigen Erschließungsweg, ein paar alte Autos japanischer Herkunft, ab und zu ein Kinderspielgerät. Auf der anderen Straßenseite lösten kleine Viehzuchtbetriebe, Ranches, allmählich die Kleinbetriebe ab. Die Gegend hatte etwas Halb-Kultiviertes und Halb-Natürliches, Steppenartiges an sich, nur zum Durchfahren einladend. Bald wurde das Tal eng, es begann der Snake River Canyon.

Riesige Schilder informieren über eine Straßenbaustelle, die in ein paar Meilen erreicht würde, und drohen die Verdoppelung der Strafe bei Geschwindigkeitsüberschreitung im Baubereich an. Zu diesem kommt man aber nicht, jedenfalls nicht in der angegebenen Entfernung; auch nicht nach mehrfacher Wiederholung der Ankündigung. Der heimische Verkehr hat sich an die Vergesslichkeit der Baufirmen offenbar längst gewöhnt. Die Warnungen bewirken keine Veränderung des Fahrverhaltens mehr und die Planierraupen und Schottertransporter bei Hoback Junction sieht man sowieso rechtzeitig, schon von weitem.

Der Hoback Supermarket gehört nicht zu einer der großen Ketten. Das macht sich sehr positiv bemerkbar: in den Regalen gibt’s nahrhafte, „g’sunde“ Energieriegel, brauchbares Obst und wunderbare Fladenkuchen einer Bäckerei aus der Region, Kaffee an der Selbstbedienungs-Kaffeebar und vorm Haus ein paar Tische und Stühle in der schattigen Galerie. Ein ziemlich übergewichtiger Radfahrer auf einer alten Rennmaschine weiß diese zu einer Pause einladende Situation so wie wir zu schätzen. Er kam von unten herauf – „No, there is no more road works“ beruhigt er mich; eine neuerliche Pilot-car-Fahrt ist also nicht zu befürchten.

Im Canyon werden Hinweisschilder zu boat-landing Plätzen, Werbungen für rafting und Kayakausflüge, „viewpoints“ an der Straße häufiger. Hin und wieder sind auch bunte Boote und Fischer im Fluß zu sehen. Auf „Whitewater Adventure Tours“ umgefärbte Schulbusse transportieren Leute und Boote wieder talaufwärts zurück. Bis Alpine zieht sich die Strecke, der Canyon scheint kein Ende zu nehmen. Die Wunden, die der mit großen Maschinen betriebene Straßenbau in die Talflanken schlägt, wird sich der Berg, so denke ich mir, nicht überall gefallen lassen: Felsstürze und Hangrutschungen werden seine Rache sein – aber vielleicht ist mein Auge doch nicht ausreichend tiefbaugeschult und macht sich meine Hochachtung alpiner Straßenbaukunst in der Geringschätzung der amerikanischen bemerkbar?

Keine pessimistischen Vorahnungen braucht man beim Anblick der Wälder. Da gibt es ganze Berge mit komplett abgestorbenem, ergrauten Baumbestand – der Nachbarberg hingegen ist grün, der übernächste wieder tot. Wir rästeln über Ursachen, spekulieren mit Windseiten oder unterschiedlichen Aufforstungsbemühungen als Erklärungsthesen. Viel später lese ich in einer Zeitung, dass die Waldwirtschaft in den Rocky Mountains mit einem Baumschädling zu kämpfen hat – nicht nur mit Waldbränden.

Recht plötzlich wird es heller, mehr Himmel wird sichtbar, das Flusswasser sprudelt nicht mehr über Steine und Felsen im Bachbett, die Schlucht endet. Der Übergang in die weit ausgebreitete Ebene ist abrupt. Tankstellen, Diners, ein Supermarkt sind beiderseits der überbrückten Einmündung des Snake River in das Palisades Reservoir verstreut. Alpine heißen sie den Ort hier. Ein kleiner Einkauf, eine Routenbesprechung im Straßenrandrestaurant, refills der Wasserflaschen, Eiswürfel inklusive. Dass der Gegenwind aus dem Süden ab jetzt, wo wir selbst die Richtung auf Nordwest ändern, sich zu unseren Gunsten drehen müsse, wird allen Erfahrungen zum Trotz hoffnungsvoll beschworen.

Nach ein paar Kilometern heißt uns Idaho auf einem Schild am Straßenrand willkommen: ganz buchstäblich, puristisch, ohne Schnörksel und Staatsmaskottchen oder Logo. Die Uferstraße am Stausee entlang ist hügeliger und braucht daher doch länger als angenommen. Bis zum Seeende, wo neben dem Staudamm ein Campground kartiert ist, wird es sich wohl nimmer ausgehen – kurz vor dem Dunkelwerden rettet uns ein kleiner, primitiver Campground mit Selbstbedienungs-office, Wasserpumpe, Plumpsklo. Der Zeltplatz hoch oberhalb des Ufers gehört zu den schönsten bisher – Postkartenausblick über den See, sternklarer Nachthimmel, Lagerfeuer. Nur das Stromaggregat des RV am benachbarten Platz stört mit seinem Summen in der Stille der Nacht.

Der Campground-Host taucht doch noch auf – in einem pick-up-car, begleitet von seiner Hündin, bewaffnet mit einem Gewehr. „The bear don’t come ‘cross here; they stay up in the mountains. And if he comes I shoot’em.” Lacht der kurz gewachsene Mann, wünscht uns gute Nacht und fährt weiter  zu einem der anderen drei Plätze, die er auch “betreut” und vor den Bären schützt.

Bis zum Staudamm hätten wir es gestern tatsächlich nicht mehr geschafft. Der Blick vom Damm talauswärts kann außerdem ästhetisch mit unserem Zeltplatz ganz und gar nicht mithalten.

Von der Dammkrone fällt die Straße auf das Niveau der Talsohle des Snake River hinunter. Rückenwind  – was für ein völlig neues Radfahrgefühl! – trägt uns durch das Tal hinaus, zumindest ein großes Stück weit, vorbei an kleinteilig verstreuten Häusern, Scheunen, Viehzäunen. Bis zu einer unerwarteten Geländestufe, vor der nur der Fluss, aber nicht die Straße ausweicht, ist es nicht merkenswerte Durchfahrgegend. Nur der Wind von hinten, der für die selten erlebte Leichtigkeit des Pedalierens hier verantwortlich ist, sorgt bei jedem Blick auf den Radcomputer für lässiges Grinsen in die vergessene Umgebung: die Geschwindigkeitsanzeige pendelt über lange Strecken zwischen 25 und knapp über 30 kmh. Das war noch nie zu erleben auf dieser Transamerikatour, nur als unkonkret formulierter Wunsch, wenn uns am Erie-Canal-Trail oder am Mississippi Langstrecken-Radlerinnen oder -Radler entegegengekommen sind – mit ihrem Lächeln im Gesicht, dem fast senkrecht aufgerichteten Rücken und ihrem lockeren Begrüßungswinken. Endlich waren wir einmal damit selbst dran – bis zur Geländekante.

Der abrupte Anstieg tut nicht nur in den Beinen weh. Oben angekommen empfangen uns der schon vergessene Gegenwind, die Eintönigkeit der Weite künstlich bewässerter Agrarflächen und eine sich nur im Unendlichen vielleicht verbiegende Straßengerade.

Langsam, nur ganz langsam wird das Verlassen der Rocky Mountains spürbar. So lange „der Weg das Ziel“ ist, denke ich mir, kann er unendlich lange sein; das befriegende Erleben geschieht unterwegs. Hier nicht, diese Philosophie greift hier nicht mehr, jedenfalls heute nicht. Jetzt geht’s nur mehr darum, nach Idaho Falls zu gelangen, den Weg zum Ziel zu bewältigen. Es ist fast wie Warten. Nur die langen Geraden, plötzlich auftauchende Verkehrsampeln, dichter und hektisch werdender Autoverkehr, je näher wir der Stadt kommen, zerbrechen die Radfahrmeditation. Jeder Fahrstreifenwechsel von der rechten – „right lane must turn right“ – zur linken Fahrspur ist ein Hazard: Werden unsere Manöver von den Autos rechtzeitig wahrgenommen und auch respektiert? Ist es klar, dass wir geradeaus weiter wollen und deshalb plötzlich in der Mitte der Straße ins Visier der trucks, der pick-ups, der motor-cycles, der motor-homes gelangen?

Irgendwie, nicht ohne stressbedingtes Ausrasten wie immer bei Annäherungen an Städte, schaffen wir die Stadtein- und auch die Stadtdurchfahrt. Das anvisierte Motel ist erst nach dem „downtown-Teil“ und nach der Überquerung des Snake River bei den Falls zu finden, die den Namensgebern der Siedlung damals, vor langer Zeit, hier in Idaho ihren job ohne große kreative Anstrengung leicht gemacht haben dürften.

Idaho Falls – das Städtchen hat kaum einen unverwechselbaren Wiedererkennungswert. Die Straßen jener Häuserblöcke, in denen die früheren Insignien eines Bewohnerinnen und Bewohner anziehenden Stadtzentrums stehen, sind menschenleer, leblos, verlassen, gerade noch sauber, gepflegt. In und vor den Coffeeshops sitzt auch niemand, nicht einmal window-shopping ist angesagt. Durch die Tore der Amtshäuser, der Bank, der US-Postal-Services gehen keine Menschen, weder ein noch aus. Am Rand von downtown Idaho Falls dränge ich in eine Starbucks Filiale. Auch dort sind kaum Leute. Der iced coffee sollte die Stimmung heben.

In dieser Stadt bleiben wir einen Tag länger – die Entscheidung, wie wir weiterfahren, braucht eben Zeit.

Ergänzende Bilder bitte im Album schauen!

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