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thru the Big-Horn- and Wind-River-Basin (1)

Samstag, 17. Dezember 2011

von Ten Sleep nach Worland, 10.  August
über Thermopolis nach Shoshoni und Riverton, 11.  August

transam11_Tensleep-Thermopolis-Riverton

 

Heraußen aus dem Canyon war es heiß geworden. Am schattigen Balkon des 2nd Street Bakery & Coffeehouse in Ten Sleep hätte man noch genüsslich länger sitzen und die Bewältigung der Big Horn Mountains revuepassieren lassen können. Auf die Straße heizte die Sonne und es schaute nach wenig Schatten, kaum Wind aber unvermindert viel Verkehr aus. Bis Worland, ergaben die google-map-Recherchen, sollte es aber leicht zu schaffen sein; seit dem Meadowlark Lake war es ja bis Ten Sleep nur bergab gegangen.

Bald löste sich die Tallandschaft auf, ein paar ziegelrote Buttes deuteten vage an, wo eventuell ein Flussbett noch Restwasser transportierte, das von den Pumpen der künstlichen Bewässerungsanlagen übriggelassen wurde.

Das bewässerte Grün wird abrupt von dürrer Prairie- und Wüstenvegetation attackiert, die sich unbehindert über Mulden, Buckel, Hügel, Gräben und Erosionsrinnen legt. Bald gibt es Grünes nur mehr an vereinzelten Wasserstellen, die sich die Rinder oder Pferde wohl selbst suchen müssen. Weit und breit keine Spur von Cowboy-Aktivitäten, Ställen oder irgendwelchen Viehunterständen; nur heiß und trocken, dürre und stachelige Gräser. Ein Rudel Hirsche, gute 80 m rechts vom Straßenrand, wird von uns Radfahrenden irritiert, verharrt kurz wie versteinert, startet plötzlich eine eilige Flucht über Stock und Stein, durch Disteln und sagebrush, über Gräben und Kanten. An Autos und trucks ist dieses Wild offenbar gewöhnt, die haben nicht so eine Wirkung wie stille kurbelnde Radfahrende.

Die Big Horn Mountains im Osten entfernen sich langsam. Nach Westen tut sich fast unbegrenzte Weite auf, nur schemenhaft schimmern schwach die Rocky Mountains, kaum Konturen zeichnend, in dem heißen Dunst. Anders als sonst, diese Horizontlosigkeit war nicht erhebend, nicht beflügelnd; da war kein Wohlfühlen, nur ein Durch-Müssen. Hier hatte niemand je irgendeine Kultivierung versucht – oder vielleicht doch, vor ganz langer Zeit? Nur die über das amorphe, unwirtliche, schroffe Gelände in einer mir nicht erklärlichen Art verteilt platzierten Erdölbohrmaschinen bezeugen: Sogar hier sind Menschen am Werk.

Worland  überrascht: es ist größer, lebendiger als erwartet, hat die üblichen Representativbauten – Townhall, Public Library, Schools, churches, Post Office – in Eindruck heischender Gestalt.. „Eat beef“ – einmal in den USA musste ich so ein Steak kosten, das 12 oz Stück medium hat gereicht inklusive der üblichen „Beilagen“ und dips in etlichen Plastikschälchen. Lange war es im Steakhouse eh nicht auszuhalten, es gab keinen Platz, der nicht mit kalter Luft angeblasen war. Und das Staunen über unbeschreiblich dicke Leute klingt mittlerweile auch allmählich ab, nur war es hier um eine Facette reicher: Wie kam jenes Pärchen auf die schmale Sitzbank in der engen Tischkoje, die nicht verschiebbar ist? Und warum zwängen sich die beiden, die jeder für sich allein schon mindestens zwei Sitzplätze belegen, auch noch neben einander auf die kurze Bank?

Dem Worland Tourist Information Center statten wir den routinemäßigen Besuch ab, um vielleicht ein paar Informationen über die für uns essentielle Infrastruktur auf der Tagesetappe zu erhalten. Wie so oft versehen auch hier ältere Menschen – in diesem Fall zwei Damen, sicher über 60 – ehrenamtlichen Dienst; leider ist gleichzeitig ein noch nicht so alter Mann, offenkundig ein politischer Funktionär, in dem kleinen Büro anwesend, der viel weniger Interesse hat, uns mit brauchbarer Information weiter zu helfen, als sich selbst (und als Worland-Werbeträger) in Szene zu setzen. Die beiden Frauen kommen gar nicht zu Wort; ich glaube, sie wären mehr auf unser Anliegen eingegangen. Letztlich waren aber alle herzlich erfreut über unseren Besuch. Draußen neben dem Büroeingang füllen wir am Trinkwasserbrunnen unsere Flaschen auf. Das Wasser wird aber nicht lange so kühl bleiben.

Das Big Horn River Valley scheint eine stark frequentierte Verkehrsachse zu sein: Neben dem leider intensiv genutzten State Highway 16 ist auch noch eine Eisenbahntrasse in Betrieb. An der Kargheit des Landes hat sich seit gestern kaum etwas geändert; grüne Flecken sind rar, großflächige Bewässerungstechnologie wie wir sie in North Illinois oder SW-Wisconsin bestaunten, ist hier nicht zu sehen. Alles flimmert in der Hitze. Die einzige Ortschaft, Kirby, auf dem Weg nach Thermopolis liegt etwas abseits des Highway. Die paar Gebäude sind wie Spielzeugbauklötzchen um den Bahnhof und die Bahn-Straßenkreuzung gruppiert. Der Schotter der Main Street ist so radreifenfeindlich wie ein Bahngeleiseunterbau. Ganz anders jedoch der Besitzer der Bar- und des Restaurants, das sich in dem Holzbretterhaus mit dem schattenspendenden Vordach befindet: der freut sich über uns und bringt alle Geduld und nötigen Erklärungswillen auf, um unsere noch immer langwierige Essenswahl einer umsetzbaren Entscheidung zuzuführen. Leider gibt’s nur Pepsi, aber es ist kalt und refills sind zahllos.

Thermopolis – der Name hatte mich schon in Wien bei den ersten virtuellen Fahrten auf den
digitalen Landkarten fasziniert. Die Hot Springs wollte ich unbedingt sehen – vielleicht war dieser Wunsch von Erinnerungen an wohliges Suhlen und Baden unter den sprudelnden, warmen Wässern in den Cascaden von Saturnia nächst Montemerano in der Provinz Grosseto/Toscana ausgelöst worden? Auch Bilder von Bagno Vignoni hatten sich in meinem Gedächtnis eingebrannt: jener Felsen, an dem das heiße, schwefelhaltige Wasser über unzählige Klippen und Zwischenbecken herunterrinnt, wo ich in der gleißenden Toscanasonne eine stille Radfahrpause eingelegt hatte, vor etwa 30 Jahren … diese alten Bilder nährten die Neugier auf Thermopolis.

Solche Vorbildungen rächen sich meistens, und die verstümmelten Hot Springs von Thermopolis hatten keine Chance, meiner Enttäuschung zu entkommen: Da fließt kein heißes, schwefeliges Wasser mehr über die felsige, versinterte Uferkante in den Big Horn River. Das bisschen warmes Wasser verdunstet oberhalb in einem flachen pool in der sengenden Sonne, um den man auf einem hölzernen Steg herumgehen kann („Do not step off the path!“). Schon an der Quelle wird fast alles Wasser abgezweigt in die drei privatisierten wellness-spa-Betriebe und in das State Bathhouse. Das Jahrhunderte alte Naturschauspiel – das Sprudeln und Dampfen des heißen Wassers in natürlich gewachsenen, kleinen Felswannen, die Versinterung der Klippen – ist zu einer Kulisse, einem „commercial“ für die lokale Tourismuswirtschaft erstarrt worden, leblos, wächst nicht mehr weiter.

Die am oberen Teil des rot schimmernden Berghanges mit weißen Steinen gelegten riesigen Lettern „The world’s largest mineral hot springs“ samt auf die unten liegende Quelle zeigendem Pfeil bedient nur die Sucht nach Superlativen („I was there“). Über die Tristesse der getöteten Natur täuscht das nicht hinweg.

Der touristische Rummel hier ist eher ausladend, aber am nordwestlichen Himmel drohen Gewitterwolken. „It’s been like this all the time these days; it never rained“, meint der alte Mann am Parkplatz vor dem McDonald-Imbiss, „but you never know“. Wir beschließen, doch noch die rund 50 km bis Shoshoni zum nächsten Motel zu fahren. Es ist zwar schon fast 18 Uhr, aber falls wir’s nicht bis dorthin schaffen, könnten wir ja das Zelt an einem der beiden Campgrounds am Boysen Reservoir im National Park aufstellen.

Wir fahren südwärts, den Gewitterwolken davon. Hinter einem kleinen Buckel, kaum außerhalb des Städtchens, tut sich ein neugierig machendes Landschaftsbild auf: Die von Nordosten auslaufenden Big Horn Mountains (Bridger Mountains) und die von Nordwesten kommenden Ausläufer der Rocky Mountains (Absaroka Range, Owl Creek Mtns) begrenzen markant das Big Horn River Basin. Doch da ist ein mächtiger Riss,  klafft eine Schlucht, die die beiden Bergrücken trennt, als wären sie kurz vor unserer Ankunft noch einer gewesen.  Das wird er wohl sein, der Wind River Canyon, durch den wir hindurch und zur dahinter liegenden Hochebene hinauf müssen.

Wind River Canyon – nördliches Ende

Wind River Canyon – Blick zurück nach Norden

So wie die Straße steigt auf der anderen Seite des Flusses die Eisenbahntrasse ebenfalls kaum an. Meine Furcht vor einem heftigen Schlussanstieg am Ende des Canyons wächst zusehends. Shoshoni ist weit, der Tag nicht ewig hell. Auf den Gleisschwellen spaziert ein Hirsch – er kennt wahrscheinlich den Zugfahrplan. Am Pannenstreifen, „unserem Radweg“,  steht ein Auto – es ist eher selten, dass uns jemand „on the shoulder“ blockiert. Der Wagen hat aber keine Panne, der Fahrer beobachtet mit einem Feldstecher oben in den Felsen herumkletternde Big Horn Mountain Sheep, sagt er. Die sehen aus wie Steinböcke. Hin und wieder paddeln ein paar Kajakfahrer flussabwärts. Der Wildbach rattert mal über unzählige kleine Stromschnellen, mal schlängelt er sich sanft um große Gesteins-brocken, die irgendwann von den steilen, oft lotrecht aufragenden Felsen heruntergefallen sein mögen. Nur wenige Häuschen, meist eher armselige, stehen im Canyon, der zur Gänze Land der Wind River Indian Reservation ist.

Erst als der Staudamm sichtbar wird, beginnt die Straße zu steigen, aber harmlos; kurz nach einem Tunnel, durch den wir uns hindurchbeeilen, kommen wir aus dem schattigen Canyon heraus und gelangen endlich wieder an die Sonne und in ein bezauberndes Lichtspiel aller Erdfarben, lange gewordener Schatten, einer blassblauen riesigen Wasserfläche; und über allem ein vom Grau-Blau in ein diesiges Weiß gleitender Himmel. Der blasse Mond ist schon hoch oben, die orangene Sonnenkugel wird nimmer lange unseren Weg beleuchten.

Shoshoni ist bald zu sehen; als wir endlich in den Ort einfahren, ist es längst finster. An der westlichen Ortsausfahrt erreichen wir das Desert Inn Motel: NO VACANCIES – ich will es nicht glauben. Aber es stimmt; auch wenn wir vorher angerufen hätten, könnte er uns nichts anbieten, weil er alle Unterkünfte dauerhaft an Arbeiter vermietet, die in der Umgebung auf diversen größeren Baustellen einen Job haben. In Riverton, rund 35 km weiter südlich, da gibt es etliche Hotels und Motels, er würde uns hinfahren, das mache ihm nichts aus, meint der Inhaber des Desert Inn Motel zu uns, die wir ziemlich ratlos, verschwitzt, erschöpft und verzweifelt in seinem Motelbüro stehen. Nach ein paar Telefonaten von seinem Büro ist in Riverton eine Unterkunft für uns reserviert, sind die Packtaschen von unseren Rädern heruntergenommen, die Räder in den Kofferraum seines alten PKW, geschützt mit einer dicken Decke, unter den Kofferraumdeckel geklemmt – „Don’t worry, that’s no problem at all, they’ll be o.k.“, bemüht er sich, meine Ängste um unsere Fahrräder zu zerstreuen. Er gibt seiner kleinen Tochter noch ein Küsschen, seine wohlbeleibte Frau versichert uns auch noch, dass das ganz in Ordnung so sei, auch für sie.

Ich glaube, Hanna hat dieses spontane Angebot des Desert Inn Motel Inhabers dermaßen überrascht, es hat ihr die Sprache so blitzartig verschlagen,  dass sie gar nicht mehr dazukam, es abzulehnen, obwohl die Annahme sie doch in schier untilgbare Schuld(gefühle) stößt. Die waren nun das Zusatzgepäck – der gute Mann brachte uns nächtens nach Riverton, erzählte mir unterwegs noch, dass er das Motel erst vor knapp einem Jahr übernommen hatte, es für ihn und seine Familie eine deutliche Verbesserung sei, weil er nun nicht mehr täglich hunderte Meilen mit dem Auto zwischen Wohnung und Arbeit pendeln müsse. Als dann noch die Firma der Straßenbaustelle bei ihm wegen der Unterbringung ihrer Arbeiter anfragte, hätten er und seine Frau auch gleich eingewilligt – das waren sichere Einnahmen und viel weniger Arbeit. Motel ist es halt keines mehr, dachte ich mir, sprach es aber nicht aus. Wir saßen ja im Auto unserer „Glücksfee“ – einer männlichen Glücksfee, der nur ein paar „bucks for the gas“ haben wollte für seine mir unvergessliche und auch unvergleichliche Hilfe.

Mehr Bilder im Fotoalbum  Big Horn und Wind River Basin.

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2 Kommentare leave one →
  1. Gerhard Weiss permalink
    Sonntag, 18. Dezember 2011 16:41

    Hallo Peter, es ist, als ob man mit euch unterwegs wäre – eine im Sinn des Wortes sehr `anschauliche´ Routen- und Erlebnisschilderung. Zur Ehrenrettung der Thermopolis-Wannen mit ihrer Wassernot: Auch bei Saturnia sind die einst wildromantischen Planschplätze in der toskanischen Landschaft rar und mittlerweile mit Zaun und Parkplatz `infrastrukturiert´. Am Schluss dieses Abschnitts eurer bemerkenswerten Tour sehe ich in der überraschenden Wendung irgendwie auch den Sinn des Vorhabens über die optischen Erlebnisse hinaus… Dass es, auch wenn alles einmal schief zu gehen scheint, auf einmal wieder hell wird und man auf Menschen trifft, die bedingungslos weiterhelfen. Das ist ja doch eine jener wunderbaren Erfahrungen, für die man sich gerne einmal abstrampelt.

    • Sonntag, 18. Dezember 2011 23:57

      Damals, wie gesagt vor über 30 Jahren, war jener kleine, felsige Abhang, über den die aus der Saturnia-Therme ausfließenden, noch immer angenehm warmen Wässer hinunterfielen, ganz leicht von der knapp daneben vorbeiführenden Landstraße zugänglich – ohne „infrastrukturelle“ Hindernisse.
      Ja, derartige Begegnungen mit hilfsbereiten Menschen gab es einige auf der Amerika-Querung, nicht immer waren sie von solch rettender Bedeutung wie in Shoshoni (oder auch in Princeton/Massachusetts), aber doch stets wunderbare Erlebnisse; sie überraschten jedesmal aufs Neue, sind nicht vorab kalkulierbar. Dass sie auf einer „Meta-Ebene“ gleichsam sinnstiftend fürs Abstrampeln interpretiert werden können, ist mir bislang noch nicht als Gedanke gekommen, beschert mir nun eine zusätzliche Überraschung und die Frage, wie man so einen Zusammenhang ersehen kann: Vielleicht ist der von dir angesprochene Belohnungseffekt leichter denkbar für jemanden, für den/die das Radtourfahren in weit größerem Maße als für mich den Aspekt eines mühsamen Abstrampelns an sich hat?

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