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across the Big Horn Mountains

Samstag, 10. Dezember 2011

von Buffalo, Wyoming, über den Powder River Pass nach Tensleep
8. , 9. und 10. August 2011

transam11route_Buffalo-Tensleep

Die Wetterprognose für die Berge ließ auf einige Abwechslung im Vergleich zu den beständig trockenen Tagen der letzten Zeit schließen. Das verstärkte den Respekt vor der Bergtour noch mehr und trug mit dazu bei, dass sich das Abfahren aus Buffalo immer wieder verzögerte.

Buffalo South Main Street

Es gab ein paar ganz praktische Gründe für den späten Start: Die Räder mussten erst wieder aus ihren Transportkartons befreit und zusammengebaut werden, ein seit Sombra/Canada angewachsener Stapel „verbrauchter“ Landkarten und Prospekte sollte per Post nach Wien geschickt werden, Informationen über möglicherweise benötigte Schlafplätze entlang des Weges über die Berge waren einzuholen und – nicht zu vergessen – es musste auch noch der Körper mit Brennstoff gestärkt werden. Letzteres kostete über eine Stunde Wartezeit, weil das Personal im „Busy Bee Café“, das im südlichen Gebäudeeck des berühmten Occidental Hotel untergebracht ist,  offenbar dem Lokalnamen mehr als gerecht wurde und diesen als Dauerentschuldigung (oder Vorwarnung?) für die Überbeanspruchung der Geduld seiner Gäste strapazierte. Die frischgemachten Sandwiches versöhnten am Ende doch.

Busy Bee Cafe

Draußen hatte es aus blitzblauem, sonnigem Himmel plötzlich begonnen, riesige Wassertropfen zu regnen. Die waren – nach augenscheinlicher persönlicher Überprüfung – nicht aus irgendwelchen Sprinklern oder Gießkannen. Da aber auch keine einzige Wolke sichtbar war, bleiben diese Regentropfen als das Buffalo-Wunder in Erinnerung.  Zum unverzüglichen Bergetappenstart haben sie nicht animiert. Sie hatten aber auch ihren Anteil an unserem Spätstart heute. Im Sportgeschäft, das Wandern, Fischen und Radfahren im Big Horn National Forest bewarb, gab es einmal mehr keine für unsere Zwecke wirklich gute Landkarte. Mittlerweile war es längst schon halbdrei am Nachmittag geworden, als wir uns auf die Ausfahrt aus Buffalo, westwärts bergaufmachten. Der Antritt war noch nicht einmal richtig vollzogen – der Wyoming State Highway 16 beginnt schon im Ortszentrum zu steigen -, als die Nahrungsmittelvorsorge den beherzten Start wieder einbremste: Auf den nächsten ca. 70 Meilen gibt es nach Auskunft des Verkäufers im Sportgeschäft keine Einkaufsmöglichkeit: „There is nothing before Ten Sleep“. Also musste mein Lebensmittelfach in der vorderen rechten Packtasche entsprechend gefüllt werden. Supermarktaufenthalte hatten sich stets als absolut verlässliche Frustrationsspender und Lebenszeitstehler in der Tourerfahrungssammlung etabliert.

Rückblickend vermute ich dennoch, dass – trotz all dieser „rationalen, pragmatischen“ Gründe – eine gehörige Portion Angst vor einem Scheitern in den Bergen hauptverantwortlich für das zögerliche Abfahren aus Buffalo waren. Die „vernünftigen Erfordernisse“ hatten das uneingestandene, unbewusste Hinausschieben des Etappenbeginns zugedeckt, letztlich überwand aber doch die Vorstellung der Freude über das Bewältigen dieser Hürde alle innerlichen Hindernisse. Und schon bald nach der Ausfahrt aus Buffalo gab’s jene Art von Belohnung, deretwegen man u.a. Bergtouren macht.

Der Wyoming HW 16 heißt hier Cloud Peak Skyway – das wussten wir vorher nicht; der nomen ist omen! Kaum waren wir im Tal zwischen den Bergen, rollten Wolken über den westlichen Bergkamm und demonstrierten eindrucksvoll, woraus sie bestehen. Die erste Zuflucht war ein Weg hinein in den Wald zu einem Campground; gleich hinter dem Eingang wurden wir vom ersten Camper, einem Vater mit seinen zwei Söhnen, freundlich empfangen; sie ließen sich beim Fische-Grillen nicht stören, gewährten uns Unterstand vor dem Regen: „The campground host is at South Fork.  It‘s just a couple of miles away – I’ll give you a lift, if you like. That’s no problem for me.” Wir radelten aber die „couple of miles“ zum South Fork Campground, das wärmte uns wieder auf. Dort waren die Bäume hoch, die Sonne weit weg und die Chancen auf eine kalte Nacht bestens intakt.

Eine fünfköpfige Familie – Mutter, Vater, drei Töchter – war zur gleichen Zeit wie wir angekommen und – welch eine seltene Ausnahme! – sie stellten ebenfalls ein Zelt auf. Das skandinavische Etikett, das ich der Familie verpasste, war nicht falsch. Der Vater – gerade 60 Jahre alt – bot uns sehr umsichtig seine Hilfe an: trockenes Zeitungspapier zum Feuermachen, die Töchter sammelten Brennholz für uns. Er erzählte uns, dass seine Eltern aus Schweden stammten und in North Dakota sich als Farmer niedergelassen hatten. Leider hatten sie vom Beginn ihrer Immigration an das Sprechen in ihrer Muttersprache vermieden; das sieht er – der Immigrant 2. Generation, rückblickend als Fehler – die Vielsprachigkeit würde zu mehr wechselseitigem Verständnis unter den verschiedenen Ethnien beitragen. Über die Entwicklung des Ackerbaus in den USA war er auch gar nicht glücklich und bestätigte indirekt unsere Lesarten der Farm-Landschaften, die wir bisher durchquert hatten: Eine Re-Ökologisierung dieses Agro-Kapitalismus ist schwer vorstellbar.

Der Morgen nach der kalten Nacht im Wald begann mit einer geglückten Flucht vor einem heftigen Regenguss: im oben am Highway liegenden South Fork Mountain Lodge gab’s ein Frühstück zu kaufen. Auch Heavy-Bike-Riders wärmten sich hier auf, und Cowboys – im Dress wie aus dem Kinderbilderbuch: vom Hut bis hinunter zu den Sporen an den Stiefelfersen perfekt durchgestylt. An der Bar bleiben der Hut natürlich auch auf dem Kopf und der Blick über den Tresen auf die Barkeeperin stier. Die Pferde stehen jedoch nicht vor dem Eingang an der Koppel sondern sind im Anhänger am 4-wheel-drive-pickup. Und wieder sehen wir keinen Cowboy reiten.

Das Warten auf trockene Fahrzeiten ist ein Fehler. Die Zeit fehlt nämlich dann, wenn man sie am Ende des Tages vor dem Dunkelwerden besonders dringend braucht. Regenschauer und gischtartige Windstöße erwischen uns noch ein paar mal auf dem Weg hinauf zum Powder River Pass. Ein undicht gewordenes Ventil am Hinterrad mitten in einem aufziehenden eiskalten Regenguss löst einen mächtigen Energieschub aus, notwendige „trotzdem“-Haltung. Um den Beinmuskeln eine Abwechslung zur so lange gleichartigen Beanspruchung zu geben und der Verkrampfungsgefahr vorzubeugen, lege ich ein paar hundert Meter Geh- und Radschiebebewegung ein. Die Beine haben sich bei mir bedankt – und ich bin mit mir zufrieden, weil ich ihnen gut zugehört habe, was sie mir zu sagen hatten.

Erst hinter der allerletzten Bergkante – als solche wurde sie nach ihrer Querung erkannt – strahlt nur mehr wärmende Sonne aus blauem, klargewaschenem Himmel. Und das Schild „Powder River Pass – Elevation 9666“ räumt die letzten Zweifelsreste aus dem Kopf: Der (fast) Dreitausender ist geschafft!

Tendenziell geht’s danach bergab. Aber jeder tendenzwidrige Buckel verlangt jetzt bei der Abfahrt fast noch mehr Körperaufmerksamkeit als die Bergfahrt. Die dortigen Tendenzwidrigkeiten hatten trotz der damit verbundenen kurzen Erholungsphasen immer einen ärgerlichen Beigeschmack: Jeder Bergabmeter in einer Bergfahrt ist ein doppelter Bergaufmeter. Na ja, darüber ließe sich auch trefflich schwadronieren.

Das Meadowlark Lodge, von dem wir uns eine warme Nacht versprachen, existiert nur mehr als Ruine. Kurz vor dem Dunkelwerden schaffen wir es noch, am benachbarten campground das Zelt aufzustellen und eine Suppe aufzukochen. Für ein Lagerfeuer reicht’s nicht mehr. Oberhalb des Zeltplatzes dröhnen noch ein Weilchen ein paar Motorräder durch die Nacht; dann wird’s aber auch denen zu finster und kalt und still. Am nächsten Morgen ist’s nur in der Sonne warm; aber wenigstens hängt der orangene Futtersack noch samt seinem lebenswichtigen Inhalt (ungeschmälert) am Baum. Bären und raccoons hatten sich anscheinend anderwärtig besser versorgen können als aus einem schmalen Essbeutel von gewichtsreduktionistischen Radlerinnen – oder waren hier überhaupt nicht heimisch.

“In the 1920’s and 1930’s, the graded road east of Ten Sleep was not for the faint-hearted. From Ten Sleep to Buffalo was 69 miles over Powder River Pass at an elevation of 9677 feet. The road followed the rugged and steep Ten Sleep Canyon. For travelers heading east, the gas stations, cafe, and hotel at the Town of Ten Sleep, were literally a „last chance stop.“

Vom Meadowlark Reservoir Campground, auf dem nur wenige Camper außer uns übernachtet hatten, war das Tal noch nicht als Canyon zu erkennen, wie es sich für die „travelers heading east“ (von Ten Sleep aus) präsentiert. Obwohl wir von dem auf knapp 3.000 m Seehöhe liegenden Powder River Pass schon etliche Kilometer Bergabfahrt bis zum See genossen hatten, verlief der HW 16 noch lange nicht in einer Schlucht. Das änderte sich nun allmählich, wie man es als Alpenmensch, dem Gebirgstalverläufe nichts Fremdes sind,  kaum anders zu erwarten hatte.

Die Straße ist zwar um einiges breiter als unsere heimischen Bergstraßen, dennoch war es nicht ratsam, mit dem Fahrrad an jeder beliebigen Stelle stehen zu bleiben. Der Urlauberverkehr – Wohnwagenanhänger, Motorhomes und stets im Pulk donnernde Motorradler und –radlerinnen – war streckenweise bedrohlich dicht. Manchmal stellte ich mir vor, auf der alten HW-16-Trasse, die an der gegenüberliegenden, linken Talseite als schmale Schotterpiste noch zu sehen war, zu radeln – freilich mit anderem „Gerät“ und ohne Gepäck. Vielleicht in einem anderen Leben … also nützten auch wir sicherheitshalber lieber die zahlreichen Halteplätze als Aussichtspunkte, an denen neben der „scenic view“ auch auf Tafeln sogenannter „historical markers“ irgendwelche regionalen G’schichterln dem interessierten Wanderer angeboten werden. „It’s too beautiful to ride so fast through this country“, sagte ein ausnahmsweise alleine fahrender motor-biker bei einer dieser Haltestellen und deutete dabei auf seine vielen vorbeibrausenden mobilen Artgenossen. „But I couldn’t ever do it your way“, ergänzte er – in einer Untertonmischung aus Beneiden und Bedauern.

Allmählich sank die Straßentrasse auf das Talsohlenniveau, aus der Schlucht wird ein U-Tal, dessen Ränder immer niederiger werden und auch andere Gesteinsfarben und –formen zeigen. Links und rechts vom Bach werden schon Ferienwohnhäuser sichtbar – to rent oder for sale – und kündigen das nahe Städtchen Ten Sleep und seine touristischen Ambitionen an. Anders als in so vielen Ortschaften des ländlichen Amerika, die oft keine einzige Bar oder Café mehr zu bieten haben, konnte man es sich in Ten Sleep aussuchen, wo man einkehren wollte. Die Lokale mit den üblichen einschlägigen Namen (Crazy Women Pub, Ten Sleep Saloon, Big Horn Bar, Mountain View Cafe etc – alle bekannten alpintouristischen Analogien finden hier ihre Entsprechung) konnten wir unbesucht lassen, es gab eine einfache „2nd Street Bakery & Coffeehouse“ am westlichen Ortsende.

Kurz vor der Nachmittagsbetriebspause hatten wir es gerade noch dorthin geschafft, bekamen ein paar gute selbstgemachte Sandwiches und Mehlspeisen und das „free WIFI“ – auf dem schattigen Balkon, auch nach der Sperrstunde. Es hatte den Anschein, als hätte sich hier jener Teil des jungen, creativen, unternehmungsfreudigen Ten Sleep Volkes seine eigene Welt abseits des main stream Tourismus, der Cowboy Mentalität und der Viehzüchterei geschaffen – mein netbook war nicht das einzige im Lokal, das in Betrieb war. Die weitere Route musste noch erkundet und auf Trink- und Schlafstellen überprüft werden.

Blick zurück nach Osten in den Ten Sleep Creek

Die Big Horn Mountains, als Bergteststrecke schon in Wien beim Plaaaanen vorgesehen, waren überwunden. Der Blick zurück – aus der anschließenden Querung des Big Horn Basins – hat mich nachträglich selbst noch beeindruckt; nicht nur die namensgerechten steten Wolken über dem Cloud Peak Skyway, die noch lange aus der Ferne zu sehen waren.

Mehr Bilder gibt’s im Album „Cloud Peak Skyway – Big Horn Mountains„..

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One Comment leave one →
  1. Gerhard Weiss permalink
    Sonntag, 11. Dezember 2011 16:39

    Hallo Peter, eine sehr ansprechende Story zum Miterleben und -„leiden“..;) mit wunderbaren Bildern. Das ist eine grandiose Leistung, nicht nur auf dem Rad. transamerica per bike – ich glaube, es gibt da kaum Vergleichbares und die Big Horn Mountains-Tour auf dieser endless route ist wohl das berüchtigte Tüpfelchen auf dem I. BIG LIKE. Herzlichst, Gerhard

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