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Bus-Bridging the Great Plains

Montag, 21. November 2011

von Minneapolis, Minnesota über die Great Plains nach  Buffalo, Wyoming
8. August 2011

The Great Plains are a broad expanse of flat land, much of it covered in prairie, steppe and grassland, which lies west of the Mississippi River and east of the Rocky Mountains in the United States and Canada. (Mehr Wissenswertes über diese sich nord-südwärts mittig durch den ganzen Kontinent erstreckenden Landschaften unter diesem Namen steht im angegebenen link.)

Dieser die Beschreibung der Great Plains einleitende Satz würde gewiss nicht ausreichen, um eine Fahrradquerung der Great Plains zu vermeiden, obwohl „flach wie Holland“ für mich schon fast Grund genug ist, in so einer Langeweile und Abwechslungslosigkeit insinuierenden Landschaft gar nicht mit dem Radeln zu beginnen. Das tun die „flat“ Plains zwar, aber es gab mehr zu bedenken und abzuwägen, bevor die Entscheidung für eine Bus-Brücke getroffen wurde:

Pro Radfahren sprachen

  • die Aussicht, eine besonders große Herausforderung an Selbstmotivierung meistern und die zu erwartende Eintönigkeit besiegen zu können;
  • die schiere Größe des Landes in seiner extremen Form zu erleben;
  • viel unabgelenktes Meditieren und Singen auf dem Radl.

Contra Radfahren sprachen

  • die Angst, auf dem Fahrrad von Tornados und ähnlichen Unwettern, wie sie fast täglich hier stattfinden, mitten im schutzlosen Niemandsland überrascht zu werden;
  • den Kampf gegen die  ungebremsten Gegen-„Windmühlen“ nicht zwei Wochen lang durchtreten zu müssen;
  • dass 100 oder vielleicht noch 150 km Mais- oder Sojafelder am Stück genug seien als Etappenerlebnis – da ist kein großer Wiederholungsbedarf spürbar;
  • dass solche Langstreckenagrarlandstriche auch in Idaho und Oregon vermutlich erlebbar seien, aber nicht in der gleichen Häufigkeit, nämlich fünf, sechs  oder sieben Tage  hintereinander;
  • dass wir einen „Vorgeschmack“ der amerikanischen Agrarmonokulturen auch schon in Illinois und Wisconsin erhalten hatten;
  • dass die für die Querung der nicht sehr abwechslungsreichen Great Plains einzukalkulierenden 12 bis 14 Radfahrtage uns an der abwechlungsreichen Pazifikküste fehlen würden; und schließlich auch
  • ein bisschen die Befürchtung, dass uns nach den Strapazen der endlosen, windigen, schutzlosen Ebenen vielleicht die Kraft für die Berge fehlen könnten.

Es gab also mehr triftige Gründe, die Great Plains nicht radfahrend zu queren. Leider fiel auch die Entscheidung nicht auf die von uns bevorzugte Alternative: Der amtrak-Zug Empire Builder – die Eisenbahn wäre uns lieber als der  Bus – fährt zu weit nach Norden und ws bleibt uns dann noch weniger Radzeit für die Fahrt nach San Francisco. Also wurde es der Bus, zwar nicht einer der legendären Greyhounds sondern einer der Jefferson Line.

Im Hawthorne Transportation Center in Minneapolis erfahren wir, was online einfach nicht herauszufinden war, nämlich dass man dort Schachteln erstehen kann, in die man die Fahrräder einpacken muss, 15$ pro Stück, der Radtransport koste weitere 30 $ pro Rad. Wir sollten eine Stunde vor Abfahrt hinten beim bussteigseitigen Eingang die Kartons abholen und die Räder einpacken. Online ergaben die Recherchen den Fahrplan, die Personenkosten, das „Freigepäckstück“ und dass die Mitnahmeregel „First come – first go“ gelte; ein gültiges ticket sei also keine Mitfahrgarantie. Ich buche trotzdem für uns die online-tickets und zahle mit Kreditkarte. Der ticket-Ausdruck gelingt aber nicht, nur der Ausdruck der Zahlungsbestätigung, die explizit nicht als ticket gilt.

Um 6 a.m. sind wir in der Busstation – von den drei Menschen am ticket-Schalter fühlt sich keiner für unseren Fall – bike-boxes – zuständig. Auch dass ich zwar eine Zahlungsbestätigung, aber keinen ticket-Ausdruck habe, überfordert die zwei Uniformierten; nur der Nicht-Uniformierte Schwarze erklärt sich bereit, die Sache in die Hand zu nehmen und tickets an einem Terminal hier auszudrucken. Wir erhalten auch zwei neue Kartons, mein Rock Hopper ist aber zu lang; ich muss auch den low-rider und den vorderen Kotflügel abmontieren. Mit einiger Zeitverzögerung stecken die zerlegten Räder schießlich in den Schachteln. Die Uniformierten geben einander widersprechende Anweisungen, was nun zu tun sei. Der Posten der security lässt uns nicht in den Wartebereich vor dem Bus-Gate hinein, die bike-boxes hätten keine tags und müssten gewogen werden, beim Schalter. Die zwei Uniformierten am Schalter fühlen sich aber dafür gar nicht zuständig und meinen, ich müsse doch bei der security vorbei ….  Wieder ist es der Nicht-Uniformierte Schwarze, der – im Gegensatz zu den bornierten, unwissenden uniformierten Weißen – für die Fahrräder die Transportpickerln und auch die tickets ausdrucken kann. Gewogen wird nichts. Das war online im voraus nämlich nicht möglich, auch nicht der Kauf der bike-tickets. Bis zu diesem Greyhound-Erlebnis hatte ich nur den ÖBB solche schildbürgerartigen Kundendienstleistungen zugetraut; die Greyhound Company schlägt die Österreichische Bahn diesbezüglich aber um Längen, das Greyhound-Personal ist jedoch jenseits jeglicher Vergleichbarkeit. Beim Verladen der Radkartons verliere ich fast meine Mitfahrberechtigung, weil ich es wagte, selbst Hand anzulegen beim Hineinschieben und Aufrichten der Kartons im Gepäckraum des Busses – „Sir, you just get out of the way here!“

Die Langstreckenbusse in Lateinamerika – 1981 nota bene! – waren qualitativ besser als dieser Liner. Die größtenteils kaputten Zuluftdüsen, die fehlenden Klapptischchen, die nicht funktionierenden Leselichter, die ziemlich verdreckten Fensterscheiben, die nicht verstellbaren Sitze und das selbstherrliche, autoritäre Gehabe der Fahrer fügten sich zu einem abgerundeten Bild einer Transportgesellschaft, die zwar privat, aber eben monopolistisch agiert und die von ihren Fahrgästen genau weiß, dass diese keine Alternative zu dem Bus haben, um von A nach B zu gelangen. Was hatte ich doch für ein hehres Image von den Greyhounds in meinem Kopf! Davon ist nichts mehr übrig.

Planmäßig beträgt die  Fahrzeit rund 15 Stunden – inklusive ein paar Stopps, bei denen auch insgesamt dreimal Fahrerwechsel vorgenommen wurden. Das ermöglichte die Erfahrung, dass es zum organisatorischen Unbill der Company auch noch fahrerspezifische Varianten des Kundendienstverständnisses zu erleben gab. Beim ersten Fahrerwechsel mussten alle aus dem Bus, das Gepäck durfte man jedoch drinnen lassen, aber es war nicht sicher, ob wir mit demselben Bus auch weiterfahren würden!

Der gebetsmühlenartige Vortrag, was im Bus alles verboten sei, war zwar kein Unterscheidungsmerkmal zwischen den Fahrern, doch die Vorausinformation, wo man wann demnächst hinkommen werde und ob es eine „Ausgehmöglichkeit“ oder gar einen Drink oder etwas zu Essen gäbe, das obliegt vollends der Willkür und Laune des Fahrers, zählt offensichtlich nicht zur selbstverständlichen professionellen Kompetenz. Wie schon in der Greyhound Station in Minneapolis war es auch im Bus wieder der Schwarze, der seine weißen Berufskollegen in allen Belangen positiv übertraf.

Doug hatte uns schon in Minneapolis erzählt, dass es in den ersten Augustwochen in der Gegend um Sturgis, in den Black Hills, wegen des jährlichen Motorbike-Treffens dort weit und breit kein Quartier geben würde. Diese Warnung hat uns veranlasst, nicht nur bis Rapid City sondern gleich bis Buffalo, an den Fuß der Black Horn Mountains mit dem Bus zu fahren. Die Harley-Davidson-Horden hatten uns schon vorher oft genung genervt. Aus der Perspektive des Autobusses tun sie viel weniger weh – und wenn’s draußen nass wird, dann versammeln sie sich alle unter den wenigen Brücken.

Bald nach der Überquerung des nicht minder ob seiner Größe beeindruckenden Missouri River bei Chamberlain, South Dakota, zeichnete sich allmählich genau das ab, was ich als Radfahrer in den Great Plains fürchtete: Gewitter, Regen und stürmische Winde machten den Himmel zu einer aus dem sicheren Zuschauerplatz im Autobus zu bestaunenden Bühne für imposanteste Wolkenschauspiele. Neben der Interstate verlief eine Begleitstraße – die wäre wohl die Fahrradroute gewesen: Doch wohin wären wir angesichts dieser Wettergewalten geflüchtet?

Kurz vor Rapid City, vor der Kulisse der Black Hills, glitzerte die Sonne wieder auf der regennassen Fahrbahn. Der Bus fuhr in die Stadt hinein, machte einen Halt an der dortigen Greyhound Station. Da war aber der einzige Kiosk schon geschlossen und es gab in der ganzen Nachbarschaft kein Geschäft, wo man sich etwas zu essen kaufen könnte. Ich fragte – es war keine wirkliche Frage – den Fahrer, ob sich die Company irgendetwas dabei gedacht habe, die Leute mit dem Bus nach über zehn Stunden hierher zu fahren, wo man nichts zu essen und zu trinken kriegt.

„It’s your choice, Sir: You may go to the restaurant over there and enjoy your dinner and wait till tomorrow for the next bus to come – or you carry on with me. But if you keep on behaving like this, I won’t let you back into the bus.“ 

Von Rapid City bis Buffalo waren noch ein paar Stunden zu fahren. Dieser dritte Fahrer hatte seinen etwa 12jährigen Sohn als Begleitung mit; der reichte mir, kurz bevor wir Rapid City verließen, ein paar Kekse „Were’nt  you looking for something to eat?“ Und kurz darauf ergänzte sein Vater noch: „I was just trying to care for you.“ Ich ersparte mir eine suffisante Replik, nahm die Kekse, bedankte mich beim Junior und freute mich auf das baldige Ende dieser Nachtfahrt. Wo waren wir hier hingekommen? Was glaubte dieser Busfahrer eigentlich? Er hatte über eine Stunde Verspätung angehäuft und fand gar nichts dabei. Statt um halbzehn kamen wir um kurz vor elf Uhr nachts zum Motel in Buffalo. Zum Glück hatten wir vorher reserviert und der junge kräftige Mann mexicanischer Abstammung half uns die Fahradkartons von der Bushaltestelle zum Motelzimmer zu tragen. Am nächsten Tag werden wir sicher nicht weit radeln: Geräte zusammenbauen, ein Paket Landkarten nach Hause schicken, neue Karten besorgen und ziemlich kräftig frühstücken, damit wir den Berg, die Big Horn Mountains, hinaufkommen – das sollte das Vormittagsprogramm sein. Schon begann sich ehrfürchtiger Respekt gegenüber den bevorstehenden Bergen vor dem Einschlafen bemerkbar zu machen. Und Hanna sprach’s auch aus: Ob wir das nun auch schaffen werden?

Ein paar Bildchen von der Busfahrt – fotogradiert durch die Windschutz- und die Seitenfensterscheibe gibt es noch im Album.

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