Skip to content

den Mississippi entlang nach Minneapolis (2)

Sonntag, 20. November 2011

von Prescott nach Minneapolis
2. August

Die Züge rollen wieder, doppelstöckig beladen mit schweren Stahlbehältern, quietschen und ächzen sie, wie eben Stahl auf rostigen Stahlschienen über rostige Hebebrücken reibt.

Railbridge St.Croix River

Ein Ohrenschmaus für Eisenbahnfreaks und immer wieder ein staunender Anblick, wenn solche Lasten über filigrane Konstruktionen gezogen werden und der betäubende Lärm minutenlang alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Rede ist von der Brücke über den St.Croix River bei dessen Mündung in den Mississippi in Prescott. Dort, wo Blue und Muddy Waters zusammenfließen. Das vormittägliche Eisenbahnschauspiel hatte unsere Fahrt vom Motel zum Frühstückscafé – Cafe Two 14 – kurzfristig unterbrochen. Dort, in der geräumigen Veranda sollte man eigentlich den Blick auf den Zusammenfluss der beiden Gewässer genießen – wir aber zwangen unsere Energie einmal mehr in die Routenplanung und das Aufeinanderprallen zweier ungleicher Lösungsstrategien; ich weiß gar nicht mehr, die wievielte Auflage dieser fast täglich wiederkehrenden Problembehandlung es war: Keine oder nur sehr schlechte, ungenaue Straßenkarten und die Annäherung an eine Großstadt als Logistikaufgabe.

Das Verlassen der Hauptstraße (Minnesota S 10), auf der – abseits, oberhalb des Mississippitales – der ganze motorisierte Verkehr zu den Twin Cities, Minneapolis/St.Paul, dröhnt, gelang nur teilweise; viel zu selten, um sich von der Anspannung dieser lärmenden Dauerbelastung wenigstens hin und wieder zu erholen. Je näher wir den beiden Städten kamen, umso ärger wurden der Verkehr, der Lärm und die aggressive Bedrohung, die jeder Luftpolster mit sich brachte, den ein truck oder ein Bus in Höchstgeschwindigkeit vor sich her an uns vorbeischob. Irgendwann gelang es dann doch, sich auf eine Radroute mit eigenem Radweg oder auf eine parallel geführte Nebenstraße auszufädeln.

Endlich war eine große Brücke in der Ferne sichtbar geworden und damit auch die Sicherheit wiedergekehrt, dass unsere Fahrtrichtung nach den verschiedenen Abweichungen durch Wohngebiete stimmt.  Noch immer präsentierte sich der Mississippi als „mighty river“, auf dem schwer beladene Barken von Schleppschiffen geschoben werden und an dessen Flussufer die nicht minder schweren Eisenbahnzüge von Union Pacific und des Empire Builder von amtrak von Chicago nach Seattle und Vancouver fahren.

Die Vorstellung, dass die Twin Cities ineinander verwachsen, es also kaum noch stadtlosen Zwischenraum und große Radlerdistanzen gäbe, war ziemlich falsch und offenbar Ausfluss von Wunschdenken. Beim ersten Anblick einer downtown-Kulisse am Horizont – es stellte sich nach kontrollierendem Blick auf die Karte als die von St.Paul heraus – machte sich solch Wunschdenken breit, dass es nun nimmer weit bis Minneapolis sein könne. Die Karte zeigte außerdem eine ganze Menge von Radrouten dorthin – auch tröstlich; aber sowohl in der Entfernung als auch im Orientierungs- und somit auch Zeitaufwand hatte ich mich gehörig verschätzt. Das Radeln entlang dem Flussufer, in der tiefen Talsohle der Mississippi-Schleife, war wunderbar und erholsam nach all dem stressigen Lärm auf der MN S 10.

St.Paul von Mendota Bridge

Minneapolis von Mendota Bridge

Bis zur Mendotabrücke war es sehr angenehm zu radeln auf Rad- und Wanderwegen durch die manchmal auch überflutete Mississippi-Aulandschaft, mitten in der Twin Cities Agglomeration. Aber danach – wieder oberhalb der Talsohle – begann der totale Orientierungsstress: Weil als Ziel das Holiday Inn in der Nähe der Greyhound Station anzufahren war, mussten wir uns bis downtown durchkämpfen – es wurde dämmerig und dunkel, die Straßenschilder waren kaum noch zu lesen, die grobe Straßenkarte sowieso schon lange nicht mehr. Die Nerven lagen bald blank – erst recht, als wir auch noch Street und Avenue in der Hoteladresse verwechselt und uns infolge dessen verfahren hatten. Besonders erschwerend für Ausländer, die nicht mit der Namensgebungs- und Numerierungslogik der US-Amerikaner vertraut sind, war der Umstand, dass in Minneapolis die Straßenraster nicht nur in 90 sondern auch in 45 Grad Winkeln ineinander verschnitten sind. Für Ortsunkundige wird das Herausfinden der Himmelsrichtung nächtens ohne Sterndeuterqualifikation eine reine trial-and-error-action mit Erschwerniszugabe durch Moskitoattacken. Es war die schlimmste, aufreibendste Stadteinfahrt bislang. Wenn das Hotel keine vacancies mehr gehabt hätte ….

in Minneapolis
3. bis 6.  August

Die Stadt war von Anfang an neben Chicago auf der kurzen „Anschauen“-Liste. Außerdem war, wie schon lange angenommen, klar geworden, dass wir von Minneapolis westwärts uns ein Stück von Bus oder, wenn’s gibt, von der Eisenbahn transportieren lassen würden. Hier gibt es eine große Greyhound Station; amtrak fiel aus, weil der Empire Builder zu weit nach Norden fährt, während wir doch nach San Francisco wollen. Die kraftlos gewordene hydraulische Hinterradbremse von Hannas Fahrrad war als ungeplanter Aufenthaltsgrund hinzugekommen. Und letztendlich hatten wir seit Albion, NY, eine Einladung von Doug und Therese, die seit Ende Juli von ihrer Go-East-Tandemonium-Tour wieder zuhause, in Minneapolis, sein wollten und uns herzlich willkommen heißen würden, wenn wir das wollten.

Ja, wir wollten und verbrachten einen sehr geruhsamen Tag mit den beiden. Sie hatten uns samt Hannas Rad auch von downtown Minneapolis zu ihrem Fahrradgeschäft im Norden der Stadt gebracht; dort fehlte aber das benötigte Ersatzteil – es kam erst am Samstag -, sodass aus einem vorgesehenen letztlich vier Minneapolis-Tage wurden. Ein gemütlicher Spaziergang durch das ruhige Shoreview beinhaltete unter anderem einen Nachhilfekurs in Sachen Baseball (nur Theoriekurs) und war ein weiteres Beispiel für die unvorstellbar große Gastfreundschaft, die wir in diesem Land immer wieder erleben konnten: Nicht nur, dass wir selbstverständlich in ihrem Haus wohnen könnten, sondern Doug hat sogar angeboten, uns mit dem Auto nach Rapid City zu fahren! Das wäre für ihn mindestens eine drei-Tage-Reise geworden. Das konnten wir nicht annehmen.

Durch Minneapolis fließt der Mississippi über eine mächtige Steilstufe, die St.Anthony Falls, die heute freilich fast nichts mehr von ihrem natürlichen Aussehen an sich haben. Die Wasserfälle und das Wasser hatten das Wachstum dieser Siedlung ganz wesentlich bestimmt – Energiegewinnung und ihre Verwendung in Mühlen und Sägewerken zeugen auch heute noch davon; ein ambitioniertes Stadtumbauprogramm, das die alte Busubstanz an den Flussufern zu erhalten und modernisieren versucht, zeigt schon sichtbare Spuren.

Minneapolis St.Anthony Falls

Minneapolis old riverside mills

Der zentrumsnahe Stadterneuerungsteil am südwestlichen Mississippi-Ufer ist – so wie auch sonst in kapitalistischen Städten – unübersehbar teurer modernisiert und beherbergt auch andere städtische Nutzungen neben kostspieligen Wohnungen: Theater, Galerien, Hotels. Eine Grünanlage unmittelbar am Schleusenwerk der Wasserfälle wurde von engagierten Bürgerinitiativen der Stadtverwaltung abgetrotzt. Auch jetzt ist die öffentliche Nutzung dieser Anlage, bzw. Teilen davon, ein Streitgegenstand.

Minneapolis riverside Adaptierung

Minneapolis riverside Theater

Nur ein, zwei Blöcke abseits des Zentrums, an manchen Stellen sogar in nahtlosem Übergang, beginnen als temporäre Autoparkplätze genutzte Baulücken und mehrgeschossige innere Stadterweiterungsgebiete mit ausschließlicher Wohnnutzung.

Der geifernde Wettbewerb der glasigen, glitzernden, hoch-höher-noch höher sich aufrichtenden, überragenden Turmbauten findet freilich auch in Minneapolis statt. Vom Zwilling St.Paul kann man das ohne Zögern auch annehmen – die downtown-skyline, die sich bei der Anfahrt in der Mississippi-Schleife dargeboten hatte, lässt auf keinen alternativen Städtebau dort schließen.

In zweierlei Hinischt hebt sich Minneapolis jedoch von allen anderen amerikanischen Städten dieser Reise ab:
(1) Es ist die Fahrrad freundlichste Stadt, hat das dichteste Radwegenetz und räumt auch im Stadtzentrum dem Radverkehr unvergleichlich viel Fläche ein, drängt den motorisierten Autoverkehr dort zurück. Die alte, frühere Eisenbahn- stone-bridge über den Mississippi bei den St.Anthony Falls ist nur mehr den zu Fuß Gehenden und den Rad Fahrenden vorbehalten und verbindet downtown und die am Nordufer situierten Kneipen, Bars, Galerien.
(2) Minneapolis hat eine neue Straßenbahn gebaut, die außerhalb des Zentrums auf einem eigenen Gleiskörper nach Süden zur großen Mall of America führt und täglich zig-tausenden Menschen als Pendlertransportmittel zwischen Wohnung und Arbeitsplatz (hauptsächlich downtown) dient.

Der Abendspaziergang ging natürlich auf der alten Stone Bridge hinüber, wo – in der Nachbarschaft zu großen Ziegelbau-Mühlen am Mississippi-Ufer, sich Bars, Restaurants, Cafes aneinander reihen. Im Freien, an einem lauen Sommerabend kurz vorm Regen den lauernden Moskitos sich präsentieren, das nenne ich Tierliebe.

Für den Rückweg ins lichterglitzernde downtown und ins Hotel haben wir dann eine andere, eine Autobrücke gewählt. Beinahe hätte uns der drohende Regen vom Gehen abgehalten.

Mehr Bilder gibt’s im Album „am Mississippi bis Minneapolis„.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: