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am Mississippi entlang bis Minneapolis (1)

Samstag, 19. November 2011

von Lynxville nach  La Crosse, Alma und Prescott
31. Juli, 1. und 2. August

Das Radeln auf der Great River Road entspricht nicht den mit dem klangvollen Straßennamen verbundenen, erhebenden Fahrgefühlen: Schlaglöcher, Bankettbrüche, stark abfallende Regenwasserrinnen am Rand und unerwartet viel Auto- und Motorradverkehr, der hier offensichtlich keinen Radverkehr erwartet, beanspruchen unablässig die ganze Aufmerksamkeit, lassen nur selten einen über den Fluss und seine Ufer schweifenden Blick zu. Das Anhalten wird außer bei Wegeinmündungen oder Rastplätzen nicht mehr möglich: wo kein Pannenstreifen, dort ist ein Stehenbleiben mit dem Rad zu gefährlich.

Durchreisetourismus scheint ein bisschen für Einkünfte aus dem Verkauf von Keramiken, Fähnchen, Quilts, Bijouteriewaren und freilich auch viel Ramsch aus China und Taiwan zu sorgen. Fast hätten wir in Ferryville ein Tüchlein mitgenommen – aber derartige Bedürfnisse werden stets von dem zusätzlich zu erwartenden Transportenergieaufwand zunichte gemacht, selbst wenn es nur ein federleichtes Fetzerl ist; es bleibt ja nicht bei einem … also reiten wir aus Prinzip ohne solche Zusatzgewichte weiter; jedoch nicht ohne ein Geplauder mit einem dieser Kleingeschäftsinhaber, der vor 15 Jahren auch seine Transamerika-Tour mit dem Fahrrad gemacht hatte – von West nach Ost. Mit solchen Menschen reden wir gerne; sie stellen nicht die FAQs; das merkt man sehr rasch.

In Genoa – auch dieser Ortsname ein Beispiel mehr dafür, dass Siedlerfamilien die eroberten Gebiete oft mit Namen aus ihrer früheren Heimat versahen – weitet sich der Blick wieder; eine Staustufe lässt den Mississippi abermals als mächtig imposante Wasserstraße erscheinen. Alte Lagerhäuser am Ufer, nicht mehr als solche benutzt, finden kaum alternative Verwendung. Ein altes Steinhaus – die Casa Zaboglio – sticht ins Auge, lädt zu einem kurzen Stopp im Schatten ein. Vom Hausbesitzer erhalten wir frisches eiskaltes Wasser und eine kurze Geschichte des Hauses, das seit über hundert Jahren von seiner aus Italien eingewanderten Familie nun als Hotel geführt wird; eine Mini-Palazzo, eine dem Auge wohltuende Rarität in dieser von architektonischen Blickfängen völlig unbedachten Gegend.

Große und kleine Inseln, schmale und breitere Nebenarme, Auwald und überflutete Sümpfe mit Enten, Reihern und allerlei anderen Vögeln sind die abwechslungsreichen Bilder links von der Straße, die meist knapp am Ufer leicht wellig ohne große Anstrengung zu fahren ist. Nur die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit machen zu schaffen. Grün ist die dominierende Farbe in unzähligen Abstufungen – wir durchfahren wieder einmal ein Naturschutzgebiet.

Das bedrohliche Wolkenschauspiel am frühen Abend treibt uns – nach wie üblicherweise nervenaufreibender Ortsdurchfahrt – rechtzeitig in ein Motel in La Crosse.

Die Ausfahrt am nächsten Morgen war ebenfalls ein dejá-vu-Erlebnis: Die Suche nach dem in der Radkarte eingezeichneten bike-trail wird wieder zum Rätselraten, welche der Wegweiser nun glaubwürdig seien. Nach einigen Irrungen haben wir Glück und können wenigstens ein paar ruhige Meilen auf der ehemaligen Bahntrasse durch die Mississippi-Sümpfe radeln. Nur die Moskitos verhindern ein längeres, staunendes Verweilen hier.

In Trempealeau Area Indians referred to the water-surrounded bluffs as the “Mountain soaking in the water,” which the French translated as “La Montagne qui trempe a l’eau;” hence Trempealeau (pronounced trem-pillow) -war das Mittags-Frühstück längst überfällig und die Suche nach einem entsprechenden Lokal war letztlich erfolgreich: Das alte Trempealeau Hotel am Ende der Main Street unten am Fluss machte neugierig; Bar und Restaurant, Stiegenhaus und Sanitärräume, Hotelrezeption und Lounge – alles war wie aus einer längst vergangenen Zeit. Nur das Personal war heutig, jung und noch ziemlich „on the learning“. Der Reiz des Veranda-Speisesaals verblasst aber mit der Zeit, wenn man hungernd rund eine Stunde auf’s Essen warten muss. Am Nebentisch, die beiden sich unaufhaltsam in Alk-Trunkenheit hineinsaufenden, immer lauter lachenden und einander anschildernden Ladies vom benachbarten „Inn on the River“ waren auch kein unterhaltsamer Zeitvertreib; sie hatten schon andere Gäste vertrieben. Letztendlich versöhnten mich aber die überraschend guten Garlic and Herb Tortellini.

Nach Trempealeau ging’s noch ein Stück weiter auf dem Great River Trail durch die leicht gefluteten Mississippi-Auen; zurück auf der Straße gab es dann allmählich auch Wasser von oben: Der erste Regen auf unserer transam-Tour. Nach etwa 1,5 Stunden Regenfahrt lockte in Fountain City ein Irish Pub, vor dem zwei mit leichten Tourentaschen bepackte Fahrräder an der Hausmauer lehnten. Der verführerischen Bieratmosphäre trotzend gab’s wärmenden Tee und eine Menge Tipps von dem jungen Radler, wie man am besten durch Oregon fahren sollte und eigentlich sei es ziemlich gefährlich und die Straße hätte keine shoulder und steil sei es auch … Was sollte unsereins mit solchen Vorauskommentaren von einem jungen Amerikaner tun? Ich beschloss, seine Ängstlichkeit seiner geringen Erfahrung zuzuschreiben und mich nicht verunsichern zu lassen. (Was Hanna gleichzeitig mit der ebenso jungen Radlerin plauderte, bleibt

Nach etwa einer Regenstunde im Irish Pub in Fountain City wurde es wieder trocken draußen. Bis Alma sollten wir es noch schaffen – da sollte es ein B & B und das Hotel Alma geben.

Eine dicke Frau sitzt auf der Bank am schmalen Gehsteig neben dem Eckeingang zur Bar und raucht.  Sie schaut mit fragend skeptischem Gesichtsausdruck, wie wir unsere Räder an der Hauswand neben den drei Stufen anlehnen, die zur Hoteleingangstür hinaufführen. Drinnen geht’s in einem schmalen Gang links in einen Speisesaal und rechts – wieder über drei Stufen zurück hinunter in die Bar. Es ist düster, nicht einmal die üblichen Werbelichtreklamen sind angeschaltet. Hinter der Theke eine dünne Enddreißgerin, Zigarette im Mundwinkel – erschrickt beinahe, als ich hereinkomme. Am rechten Ende der Theke zwei ganz junge Frauen. Die Dicke vom Gehsteigbankerl ist mittleriweile auch herinnen, steht rauchend mit nach wie vor musterndem Blick neben einem kleinen Tisch an der Wand.

„We ‚re looking for a place to stay over night. D’you have a room?“
Die vier Frauen schauen mich, dann einander an. Meine Frage scheint alle zu überraschen und sehr außergewöhnlich zu sein, als ob sie ganz und gar nicht zum üblichen Fragenrepertoire von Ankömmlingen in einer Hotel-Rezeption-Bar gehören würde. Die Dünne hinter der Bar wechselt ihre Blickrichtung ein paar mal zwischen mir und der Dicken hin und her, stammelt dann nach zweifelhaft zustimmendem Kopfnicken der Dicken ein
„Yyyyesss – one or two beds?“
„Two would be fine, but ….“
Es folgt ein knapper Dialog zwischen Dicker und Dünner über Zimmernummern und welche überhaupt frei wären; dann langt die Dünne in eine Holzschachtel auf dem Wandbord hinter der Theke und reicht mir einen Schlüssel mit einem blechenen Nummernanhänger (ohne Nummer) zu.
„Thank you – aaaand, how much would it be for the night?“
„17,30“, die Dünne antwortet prompt, dieses mal ohne Blickkontakt oder Absprache mit der Dicken. Das wird vielleicht erst geschehen sein, nachdem ich auf meinen fragenden Blick – ob wir vielleicht in einem Stundenhotel gelandet sind? – Hannas o.k. gesichtet und den Schlüssel genommen hatte. „It’s upstairs, number 18, the shower is on the right  …. you may leave the bikes in the yard ‚round the house … you can also leave them in here, in the corridor, if you like, or in the dining room, it’s only in the morning before 7  that we have to take’em out again  …“ Unvermittelt war die Dünne gesprächig und hilfsbereit geworden, hatte sich anscheinend vom herrischen, kontrollierenden Gehabe der Dicken plötzlich emanzipiert.

Die schmale, knarrende Holzstiege führt hinauf in den ersten Stock auf einen winkeligen, ebenso schmalen knarrenden Gang. Wir zwängen uns ein paar mal mit unseren Gepäckstücken hinauf. Etwa sechs meist halboffene Türen gewähren Einblicke in die Räume, die nicht sehr viel mit dem gemein haben, was man landläufig unter Gasthaus-, Herbergs- oder gar Hotelzimmer versteht. Keiner dieser Räume schien von Gästen gemietet zu sein; sie schauten aus, als wären sie entweder gerade verlassen oder schon ewig nicht mehr aufgeräumt sondern als Rumpelkammern genutzt zu sein. Der Dialog zwischen der Dicken und der Dünnen vorhin in der Bar über freie Zimmer wird mir jetzt noch erklärungsbedürftiger als er es eh schon war. Unser „Zimmer“ – es gibt ein Nummernschild 18, der Schlüssel ist aber unnötig, die Tür ist nämlich eh offen und lässt sich auch nicht versperren –  ist so klein, dass neben den zwei zusammengeschobenen, metallenen Bettgestellen nur mehr Platz für unser Gepäck bleibt. Wir benützen zwei weitere „Zimmer“ und den Gang, um unser feuchtes Gewand und die nassen Schuhe zum Trocknen aufzuhängen – in der Gewissheit, dass im Hotel Alma wir heute die einzigen Übernachtungsgäste sind. Ob das auch für die Bar unten stimmmt, bleibt ungeprüft – wir gehen auf ein Bier ein paar Häuser weiter.

In der Bar sind wir auch die meiste Zeit die einzigen Gäste, jedenfalls die letzten. Hanna kriegt wieder einen Gewissensbiss, möchte den jungen Barkeeper nicht vom Zusperren abhalten. Das stellt sich aber als Irrtum heraus – der Mann erhält nämlich einen Stundenlohn, der nur gezahlt wird, wenn’s auch Gäste gibt. Er ist also froh, wenn wir bleiben. Viel ist eh nicht los an den vier Tagen der Woche, an denen er diesen job macht – er hat noch zwei andere; sonst könnte er seine Familie nicht ernähren. Vielleicht reicht’s irgendwann einmal für ein Häuschen; an eine Berufsausbildung kann er derzeit nicht denken.

Wir fragen ihn noch, ob es ihm eh nichts ausmacht, dass wir so neugierig und an seiner ökonomischen, sozialen Situation interessiert sind – „O no, that’s o.k.“. Am Grand River schauen wir danach noch zu, wie ein Motorkahn eine ganze Menge zusammengeketteter Barken in das Schleusenbecken hineinschiebt und anschließend flussabwärts ein bissl tiefer hinausfährt – der Niveauunterschied ist nicht sehr groß.

Im Vormittagsdunst, aber ohne Regen geht’s auf der Grand River Road weiter nordwärts – meistens knapp neben der Eisenbahntrasse am Flussufer entlang. Noch immer fahren die Züge nicht, stehen irgendwo auf der Strecke. Manchmal, wenn der Berg ganz nahe ans Wasser heranrückt oder ein Seitenfluss einmündet. weicht die Straße landeinwärts aus.

Das Stauwerk bei Nelson verwandelt den Mississippi in einen See, der bei Pepin fast 5 Kilometer breit ist.  Nur tausende lästige Fliegen vergällen uns die Jause an dem schönen Rastplatz.

De Weg nach Prescott wurde noch lang und führte wegen der Steilheit des felsigen Mississippi-Ufers, das lt. Prospekt die Heimat des US-amerikanischen Wappentiers, des Weißkopfadlers ist – wir haben ihn auch tatsächlich fliegen gesehen -, wieder einmal hinauf  ins agrarische Wisconsin. Wer käme bei uns auf die Idee, eine riesige Nationalflagge auf einem riesigen Maisfeld zu pflanzen? Täglich flatterndes Denk-Mahn-Mal?

Die Abfahrt wieder hinunter ins Mississippital nach Prescott wurde mit blendend tief-orangener, untergehender Sonne belohnt. Zum Glück gab’s noch ein Zimmer im einzigen Motel in Prescott.

Mehr Bilder gibt’s im Album „am Mississippi bis Minneapolis„.

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