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Von Chicago zum Mississippi (3)

Mittwoch, 09. November 2011

von Spring Green zu Frank Lloyd Wright in Taliesin,
nach Boscobel, Wisconsin Valley und

durch Prairie du Chien am Mississippi nach Lynxville
29. und 30.  Juli 2011

Vielleicht lenkt die Konzentration der Tourismus-Werbung auf Frank Lloyd Wright und Taliesin zu Unrecht von Spring Green selbst  ab? Da wir am Vorabend nach erschöpfender Radlerei nur mehr auf den Einkauf von Brot & Bier fixiert waren (inkl. m.E. verzichtbarer Debatte über das Wo dieser lebensnotwendigen Besorgungen), bleibt dieser Zweifel bestehen. Und weil darüber hinaus ein Diskussionsprozess über den zeitlichen und räumlichen Umfang des Taliesin-Besuches abgeführt werden musste, war eine Extrarunde durch den Ort, der am Nordufer des Wisconsin River, also vis a vis von Taliesin, liegt, auch nicht mehr „drin“.

Aus dem reichhaltigen Angebot geführter Touren im Gelände der Frank Lloyd Wright Preservation fällt die Kompromisswahl (1 Stunde und mittäglicher Beginn) auf den Besuch des Hillside Studio. Da es so viele wunderbare Fotos und auch eine virtuelle Tour  zu den „Kultstätten“ dieses großen amerikanischen Architekten gibt, haben wir auf das eigene Fotografieren verzichtet. Das Wetter war außerdem genauso „postkartenreif“ wie auf den Prospekten …

Die ziemlich übergewichtige Lady, die – gestützt auf eine Gehkrücke – unsere kleine Gruppe zu Fuß durch den Gebäudekomplex der Hillside School führte, machte ihren job sehr kenntnis- und auch anekdotenreich: FLW hatte beispielsweise seine eigene Augenhöhe (über Boden) zum allgemein-gültigen menschlichen Maß des Horizonts erhoben, der ein optimales Raumerlebnis garantieren würde. Dass sich schon so mancher Besucher wegen „übermenschlicher“ Körpergröße deshalb den Schädel angehaut hat, beweist doch die Relativität dieser doch stark am FLW-ego orientierten „Allgemeingültigkeit“. Schaumstoff und gelbe Warnmarkierungen hatte der Herr Architekt sicher nicht im Original seines Entwurfs vorgesehen. Dennoch: Der Mann hatte unzweifelhaft ein wunderbares Raumgefühl – leider aber stark kontrastiert durch verwunderliche bautechnische und handwerkliche Mängel. Da würden mitteleuropäische Gewerkemeister schon damals nur kopfschüttelnd geschaut haben. Aber die ästhetischen Proportionen sind stimmig(wenn man nicht viel über 1,80 m groß ist) ….

Die southwest Wisconsin bike map weist die Strecke durch das Tal zum Mississippi als besonders „scenic“ und trotzdem auch „gut radtauglich“ aus, zwei Eigenschaften, die i.allg. nicht zugleich zutreffen. Die Karte hatte aber im großen ganzen Recht. Allerdings entsprach die durch Warnschilder „WATCH FOR FALLEN ROCKS“ angedeutete dramatische Felsschluchtszenerie ganz und gar nicht der Realität des Wisconsin River Valley; solche Verkehrsschilder sind ein weiteres Beispiel für die Überängstlichkeit der amerikanischen Autofahrgesellschaft. Weit und breit kein „caduta sassi“! Vielleicht hatte ich aber nur keine Ahnung und bin unwissend in Bezug auf die in dieser Gegend überdurchschnittlich häufigen Meteoriteneinschläge?

In Lone Rock, am Nordufer des Flusses gelegen, finden wir auch keine Spuren von Meteoriten; die Suche nach einem späten Frühstücksrestaurant endet nach erfolgloser Alternativenirrfahrt wieder beim erstgesichteten Café des Städtchens. Ein zweites gibt es wohl auch nicht. Die ältere Dame, die die schummrige Gastwirtschaft alleine betreibt, macht das sehr liebevoll – ganz im Kontrast zu der schlicht gealterten 50er-Jahre Einrichtung. Auf unseren Wunsch stellt sie sogar den lauten Luftwirbler in der Ecke des Speisesaales ab, obwohl dessen Aktivität doch von ihr so gut gemeint war. Zuletzt erfahren wir noch, wo die Einfahrt zur Radroute, dem Pine River Trail, auf einer der nicht mehr betriebenen Bahntrassen zu finden sei. Angesichts der meist dürftigen Ausschilderung sind solche Informationen „Goldes wert“, will sagen, sie sparen kostbare Zeit und minimieren das nicht selten strittige Richtungsraten.

Die off-road-Passage auf dem konvertierten rail-track war nur von kurzer Dauer, weil der Radweg sehr bald nach Norden schwenkt und wir nach Westen wollen. Bis zum Mississippi begleitet die Straße den Lauf des Wisconsin River weitestgehend nahe am Ufer. Zahlreiche boat-landings, ein paar aufgelassene camping Plätze und einige verblichene Motel-Schilder an fast verfallenen Herbergen zeugen von nicht sehr glückvollen früheren Tourismusversuchen. Auch Häuser und Häuschen mit Fischerstegen werden zum Verkauf angeboten. Bis hinaus zum Naturschutzgebiet am Zusammenfluss mit dem Mississippi, dem Wyalusing State Park  bei Prairie du Chien, schaut es nach unbeabsichtigt sanftem Tourismus aus, sehr sanft, idyllisch morbid. Die Automobilität der Amerikaner, die ja nicht nur sich selbst und ihre Familie, sondern auch gleich ihre mobilen Wohnungen samt Zweitwagen und Mini-motor-bikes durchs Land schleppen, macht Investitionen in fremdenverkehrswirtschaftlichen Siedlungsbau anscheinend überflüssig und die Revitalisierung alter derartiger Einrichtungen ebenfalls unrentabel, noch.

Bis zum Wyalusing Park hätten wir es nicht mehr geschafft und über Wauzeka hatten wir keine Information zu Nächtigungsmöglichkeiten; also wird der Wisconsin River abermals überquert und Boscobel, am Südufer gelegen, zum Tagesendpunkt und Übernachtungsplatz erkoren. Boscobel – was für ein klangvoller Name! Die Ortsgeschichte weist ihn als die Geburtsstätte der Gideon Bibel aus, die auch in dem Beatles Song „Rocky Raccoon“ vorkommt; nun weiß ich zwar, wer für das Einlagern dieser Bücher in den Nachtkastln der Hotels und Motels historisch verantwortlich war, aber nicht, ob Paul McCartney die Gideons auch wirklich wegen des legendären Lennon-Sagers, dass die Beatles populärer als Jesus seien, in sein Lied einbaute.

Boscobel – Bibel hin oder her – ließ erstaunen: Das Städtchen putzt sich heraus, es investiert in die Main Street, stellt Sitzbänke auf und verlegt schmuckes Straßenpflaster. Aus den Lautsprechern, die an den Straßenlaternen (remakes) montiert sind, ergießt sich die Info-Berieselung über die unsichtbaren Volksmassen. Im Café Unique glänzen das 60er-Jahre Interieur und das coole Jungvolk, das von ebenso coolen Kellnerinnen bedient wird. Eine – sie war nicht so cool wie ihre bunt eingefärbte Arbeitskollegin – hatte irgendwann in ihrer Schulzeit ein paar Jahre Deutschunterricht gehabt, sie war auch schon in Salzburg, sagt sie und ihre Augen glänzen.

Ohne weiter in die Geschichte des Ortes einzutauchen, radeln wir aus downtown Boscobel wieder nordwärts zurück über den Wisconsin River. Die Anziehungskraft des Grand River wird nun unwiderstehlich. Die Bilder im Kopf haben schon wochen- und monatelang Erwartungen genährt auf erstarrendes Erstaunen, ergreifendes Berührtwerden, traumhaftes Versinken in mythische Unendlichkeit. Mit jedem Kurbeltritt rückt der Zeitpunkt der Konfrontation mit der Wirklichkeit des Flusses nun näher. Immer öfter singe ich Moon River, aus der von Herbert für caduta sassi arrangierten Fassung.  Ohne weiteren Halt geht’s bis nach Prairie du Chien. Die dort für die Erstbegegnung mit dem Grand River vorgesehene Straße ist gesperrt. Die zweite Wahl – übernächste große Querstraße Richtung Flussufer – bringt uns zwar zu einem Wasser, aber das kann’s doch nicht sein, so ein Alte-Donau-Lackerl! Eine Brücke wie zum Gänsehäufel führt über’s Wasser in immer dichter werdendes Motorbike-, RV- und Wohnwagengewusel, schließlich zu einer Absperrung: Wir stehen am Eingang zum Prairie Dog Blues Festival, which is held every year on historic St. Feriole Island, right on the Mississippi River and nestled between jagged cliffs and green hills untouched by the Ice Age! Eintritt nur mit tickets und natürlich mit dem nötigen Zeitbudget, das wir nicht haben – oder sollte ich ehrlicherweise sagen, Zeit, die ich mir trotz Lust auf Muddy Waters Blues nicht gönne?

Der Himmelsrichtungsschwenk nach Norden ist vollzogen, genauer bei der Einfahrt in Prairie du Chien erradelt. Der Grand River gibt nur mickrige, enttäuschende Kostproben von sich – zerfledderte Wasserläufe, Inselchen, Sümpfe, hölzerne Pfahlbauten mit Bars und Terrassen über Bootanlegestellen -, noch immer keine imposanten Anblicke, die den mythengespeisten Erwartungen gerecht werden sollten.

Erst rund 20 Kilometer nördlich von Prairie du Chien, nach stressigem Radeln auf der schulterlosen Grand River Road, kurz vor Lynxville kommt es zum erleichternden Waooooh-Erlebnis. Ein Stauwerk zwingt das Mississippiwasser zur Überflutung von Sandbänken und flacheren Inseln. Erstmals gibt es einen großartigen Weitblick bis hinüber zum westlichen Flussufer in Iowa. Die Stau- und Schleusenwerke werden vom US Army Corps of Engineers betrieben, die die Schiffahrt gewährleisten sollen.

Vorabendrecherchen hatten ergeben, dass es in der Nähe einen campground geben sollte; in einem kleinen Seitental bei Lynxville. Ein zuerst noch asphaltierter, dann nur mehr geschotterter Weg führt durch den Wald leicht ansteigend am Talrand hinauf, links und rechts sind Wohnwägen und Bootsanhänger geparkt. An einem schon längst „angewachsenen“ Mobilehome fragen wir Leute nach dem campground und bekommen reichlich entgeisterte Blicke zurück. Dann taucht mit einigem Geknatter ein ATV (All Terrain Vehicle) auf, der Fahrer stellt sich als ortskundig und bald auch als Vermittler zum Eigentümer der ganzen Anlage heraus: Ganz am Ende des Waldweges, nach dem letzten RV-Platz, könnten wir zelten. Eine Wasserpumpe sei auch dort. Und in einem Tipi (Teepee) könne man auch übernachten. Der Campgroundbesitzer wird herbeitelefoniert – er hatte den Platz vor ein paar Jahren gekauft, das Geld dafür durch den globalen Handel mit jenen überlangen Luxus-Party-Limousinen mit den verspiegelten Scheiben verdient. Die Tipi-Miete gleicht der in unseren bisherigen Motels, die Mosquitofreiheit kann er zwar nicht garantieren, es gibt aber einen Luftspray, der sehr wirksam sei; auch könnten wir im Tipi Feuer machen – zusätzliches Holz brächte er vorbei -; dann zeigt er noch, wie die Matratzen mit den eingebauten, batteriegetriebenen Luftpumpen härter aufgeblasen werden können, und überzeugt uns, dass es gewiss eine wunderbare Nacht werden würde. Es wurde – meine erste in einem Tipi, mit stundenlanger Holzfeuerglut im Zelt unter unbeschreiblich klarem Sternenhimmel in einem finsteren Wald als unidentifizierbare animalische Sprachkulisse.

Am Morgen danach war’s dann kalt. Im „Dough-House“, der Imbissstube der Frau des Campgroundbesitzers am Ufer des Mississippi – von diesem nur durch die Bahntrasse getrennt -, waren wir auf einen morning-drink eingeladen. Die Eisenbahnzüge, die sonst etwa alle 5 bis 10 Minuten hier vorbeidonnern, standen noch immer an der Uferstrecke, denn im Süden hatte der Fluss weite Teile des ufernahen Bahndamms überflutet. Frau Dough-House genoss diese flutbedingte Ruhe sichtlich. Ich aber hätte gerne das metallene Donnern eines Lastzuges gespürt.

Mehr Bildchen von der Fahrt zum Mississippi im Album.

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