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von Chicago zum Mississippi (1)

Sonntag, 16. Oktober 2011

durch North Illinois
von Evanston nach Dundee, Illinois

23. Juli 2011

und von Dundee nach Harvard und Rockford
24. und 25. Juli

Man sieht, dass Radrouten keine terrestrischen Luftlinien sind. Da das roadsharing mit den Autos und den LKW nicht immer zufriedenstellend funktioniert, ist oft ein „Umweg“ viel weniger stressig und daher erholsam und beschert einem oft wunderbare Erlebnisse. Für die zahlreichen Ecken und geschlagenen Haken auf den Routen dieser Etappen gibt es zwei Erklärungen:
1) Die Automobilist/innen sind dann freundlich zu den Cyclist/innen, wenn erstere eine eigene Fahrbahn plus freier Überholspur haben oder/und letztere sich gefälligst auf der „shoulder“ bewegen, dem mehr oder weniger schmalen Straßenbankett, das auch breit wie ein Pannenstreifen sein kann. Bei massivem Autoverkehr auf „shoulder“loser Straße hört sich der Cyclist/innen-Freude jedoch auf. Deshalb flüchteten wir auf eine alternative Route – in der Hoffnung, dass es dort anders, also nicht freudlos sein würde …
2) Die heftigen Gewitter und Regenfälle haben u.a. auch ein Stück dieser Alternativroute überflutet, was zur glücklichen Suche nach weiteren Alternativen führte.
Summa summarum bringt das eine Menge Haken in die „Luftlinie“ und entsprechend mehr gefahrene Kilometer bzw. Meilen als ansonsten „nötig“.

Das Verlassen des Großraums North-Chicago wird zu einer Nervenschlacht: Auf der von Evanston nach Westen führenden zwei- bis dreispurigen (je Fahrtrichtung) Ausfahrt, die nach unserer Karte gar nicht als DIE Hauptroute ausgezeichnet ist, drängt sich alles, was motorisiert ist, nahezu lückenlos hintereinander. Wir sind die langsamsten, aber wegen unserer geringen Geschwindigkeit überhaupt nicht in diese nebeneinander sich dahinwälzenden Kolonnen integrierbaren Verkehrsteilnehmer. Wer hinter uns auffährt, gibt den Druck, der ihm/ihr von hinten gemacht wird, an uns weiter. Die „nearby-touch-cases“ häufen sich. Die eigenen Nerven liegen bald blank. Die Option, auf formales Straßenordnungsrecht pochend in der Mitte der Fahrspur zu radeln, bleibt aus Furcht vor der motorisierten Meute eine rein hypothetische. Wir müssen aus Überlebensgründen diese Straße verlassen. Das beschert uns – bedingt durch die „Qualität“ der Straßenkarte – zusätzliche Orientierungsprobleme und entsprechend häufiges Fragen von meist unzuverlässigen Menschen auf der Straße. Die Hauptrichtung – go west ! – können wir aber beibehalten.
Eine kräftige Abweichung wird von einer überfluteten Passage erzwungen, die ich wegen des „Tiefgangs“ meiner vorderen Packtaschen nicht durchfahren hätte können. Wir hätten uns außerdem reichlich nasse Füße geholt; vom Spritzwasser vorbeifahrender Autos ganz zu schweigen. Nach einigen Umwegen – samt zwischen uns beiden nicht friktionsfreien Richtungsentscheidungen – kommen wir doch wieder einer Westtendenz näher – zickzack durch etliche Wohnviertel, ja sogar auf eine beschilderte Radroute, allerdings verschweigt das Schild, wohin die Route führt …. ist auch nicht das erste Erlebnis dieser Art und auch überhaupt nicht hilfreich.

Eine gar nicht parkähnliche Grünfläche, ein community garden, am rechten Straßenrand in Arlington Heights bietet sich als stress-abbauender Pausenort an. Neben einer ganzen Menge verschiedener Gemüsebeete …

Community garden plots measuring 25′ by 30′ rented to resident gardeners. Multiple water sources. Leased from Village. (aus der Beschreibung von Cypress Park)

…. sichten wir auch einen Tisch und eine Bank; und einen Mann, der bei seinem Auto hockt. Bald ist er bei uns und erzählt: Das Grundstück wurde vom verstorbenen Besitzer zur Hälfte an die Gemeinde vererbt mit der Auflage, es der Öffentlichkeit zugute kommen zu lassen. Die Gemeinde – Arlington Heights – nahm das Erbe an, hatte aber kein Budget für die Grundstücksbetreuung. So hat sich eine kleine community gebildet, die die Fläche zum Teil als common green und zum anderen als indivduell nutzbare Beete verwendet. Wir waren also community-Gäste, die sich selber eingeladen haben, auf eine Jause samt Gesprächspartner, der uns von seinem alten Traum des Radfahrens erzählt, den er sich (wegen persönlicher Faul- oder Bequemlichkeit) nicht erfüllen konnte, und uns außerdem noch beschreibt, wie wir auf den nächsten paar Meilen westwärts noch ein Stückchen Radroute durch den County-Forest nutzen könnten, um der Verkehrshölle zu entrinnen. Very friendly, der gute, arbeitslose, in Frührente gegangene Mann mit polnischen Vorfahren.

Bis zum angepeilten Motel in East Dundee sind es anfangs noch eine Menge Verkehrshöllenkilometer, dann eine Menge frühabendliche Moskitokilometer auf der „Shoe-Factory-Road“ durch den Poplar Creek Forest Preserve und schließlich schier unendlich-erscheinende finstere Wohngebietskilometer mit im Saturday-nite-fever sich bewegenden Automobilistinnen. In Summe waren es am ersten Tag nach Chicago zwar nicht sehr viele Kilometer, aber anstrengende, heiße, am Nervenkostüm lästig zupfende.

Diese Verkehrserfahrungen machen Routenänderungen trotz „Extra-Meilen“ auf Rails-to-Trails-Trassen sehr erstrebenswert:


Wir finden dieses Mal in East Dundee gleich den Einstieg zum Fox River Trail, kommen bei Carpentersville zu einem sehr netten „visitors‘ center“  und einem „Refugium“, in dem sich ein vom Fahrrad-Virus Infizierter in einem alten Eisenbahnschuppen seinen Lebenstraum verwirklicht und abseits vom hektischen Stadtgetriebe eine Fahrradwerkstatt samt Verkaufsladen eingerichtet hat. Leider sind auf unerklärbare Weise meine Doku-Fotos von ihm und seinem Laden verloren gegangen. Ist mir besonders unangenehem, weil ich ihm zugesagt habe, dass ich unsere Begegnung hier im blog auch bildlich publizieren wollte. Am Fox River entlang ist der trail  teilweise asphaltiert und hat einen gelben Mittelstreifen, über den wir etwas schmunzeln (US-Verkehrsbürokraten haben vielleicht von den Wiener Fahrradbeauftragten gelernt?); aber sehr bald scheint diese Überregulierung ihren rationalen Hintergrund in dem recht intensiven Radverkehr zu haben. Es ist Sonntag, sonnig und warm – von Joggern, Läufern, Laufrad-Kindern bis hin zu den amici sportivi aus der speed-Fraktion (was die jedoch hier tun, ist mir nicht nachvollziehbar) tummelt sich hier alles. Wir sind mit unseren „Lasträdern“ schon wieder die Ausnahmeerscheinung…

Vom Fox River Trail wechseln wir ab Algonquin in den Prairie Trail , auf dem  es, weiter nördlich – Hurra! – nicht nur hübsche Info-Tafeln, sondern auch Übersichtskarten und sogar Trinkwasserbrunnen gibt.


Schmetterlinge waren nicht die einzigen dauerhaften Begleittiere auf diesem bike-trail – da gab’s auch einige Aggressivlinge, die uns etliche Biss- und Stichmarken bescherten. Dennoch – alles bei weitem nicht so enervierend wie der dauerhafte P- und LKW-Verkehr, der uns nach sowieso bald wieder „beglücken“ würde.

Die „Nordabweichung“ auf dem  Prairie Trail  wollen wir aber doch nicht sooo weit nordwärts bis nach Genoa City/Wisconsin treiben. Die gewählte Abkürzung, die uns wieder auf die vorrangige Westtendenz bringen sollte, führt uns aber geradewegs zu einer abgerissenen Brücke über einen reißenden Fluss. Dass sich auch etliche Auto- und Motorradfahrer durch die missverständllichen Baustellenschilder verleiten haben lasse, tröstet nur spärlich über die nun notwendig gewordenen Umweg-Meilen. Eine weitere „Nachtankunft“ wird unvermeidlich, weil es keinen Weg durch die Glacial Park Conservation Area gibt, der über den hochwassrigen Nippersink River führen könnte. Die Sonnenstrahlen am abenddämmrigen Himmel über dem Naturschutzgebiet sind aber ein nicht zu vergessendes Wetterschauspiel.

Das „Heritage Inn & Suites“ in Harvard, wo wir schon im Nachtdunkel hinkommen, hat noch „vacancies“. Wir hatten wieder mal Glück.

Die Vorfreude am folgenden Morgen, im nächsten Ort, Capron, in einem family restaurant oder einem Café uns frühstücksmäßig für die Prairie-Meilen des Tages aufzurüsten, wird mit dem Schild „CLOSED“ jäh beendet. Es bleibt nur der Griff in die eigene mitgebrachte Doping-Tasche. Dabei werden wir von einer Lady auf einem großen, hellblauen Dreirad ertappt – sie sieht uns zwar die Enttäuschung an, kann uns aber leider keine Alternative hierorts anbieten – erst recht nicht, wenn wir auf dem Long-Prairie-Trail bleiben wollen, was sie andererseits sehr freut, weil sie die Hauptinitiatorin dieser Radroute ist. Mit dem fund-raising, beklagt sie, schaut es ziemlich finster aus, und möchte sich mit diesem Hinweis für den schlechten, sprich holprigen, löchrigen Zustand des trails vorweg entschuldigen. Wir versprechen, mit offenen Augen und aufmerksam zu fahren. Leider geht’s dennoch nicht ohne einige schmerzhafte Stöße ab, weil die Asphaltdecke die unzähligen nach oben drückenden Flachwurzeln nicht sanft ausgleicht und diese Wülste außerdem schattenlos nahezu unsichtbar macht. Ich sehne mich nach einer gepressten Sandpiste wie am Erie-Canal … Erst nach fast 40 km gibt’s heute Frühstück, weit nach mittags, in einem „excellent“ empfohlenen Restaurant am Highway 76. Naja, klugerweise haben wir mittlerweile keine Gourmet-Erwartungen, wohl aber mächtigen Hunger entstehen lassen.

Das gemütliche, beschauliche Dahinrollen auf den alten, konvertierten Eisenbahntrassen geht weiter. Den vorgesehenen Ausstieg aus dem Prairie-Trail vor Rockford verpasse ich prompt, wir schaffen es dennoch über die Autobahn zur Radroute am Rock River zu kommen.

Dann folgt aber eine Odyssee-artige Suche nach dem Einstieg in den Pecatonica Trail: Etwa fünf mal kreuzen wir jene Stellen, auf denen dieser trail der Kartierung entsprechend zu queren wäre. Die Gegend am Westrand von Rockford ….

Starting as early as the 1990s Rockford has had the ignominious honor of being listed at times as one of America’s worst cities by the Rand McNally corporation and Money magazine, sometimes being ranked one of the top ten worst cities.[17] This may have been due to the lack of jobs and high number of outdated or closed factories. Crime on the west side of town was endemic, with huge areas of old established neighborhoods in extreme blight. The homicide rate in these areas was quite high. Many houses were vacant with no one wishing to buy them. The city government has developed many programs to attempt to address these problems and has seen some success.

….. ist eine Mischung aus armseligen, von überwiegend Schwarzen bevölkerten Wohnhäuschen, alten Eisenbahnanlagen, Industrieruinen und einem riesigen Depot der Rockforder Abfallwirtschaft. Unsere Suchfahrten bleiben ohne Erfolg, das angepeilte Tagesziel rückt ins Unerreichbare. In einer ziemlich grindigen Vorortbude, einer Mischung aus Liquor- und Convenient store, rede ich einen der noch nicht Alk-bottle-suspects an, ob’s innerhalb der nächsten zehn Meilen eine Übernachtungsmöglichkeit, sprich ein Motel gibt. Und ich kriege eine perfekte Beschreibung von dem großen kräftigen schwarzen Mann, hab‘ nur ein paar Probleme mit dem Verstehen und wiederhole sicherheitshalber seine Wegangaben. Alles stimmt und wir gelangen glücklich zu dem Motel an der West 20 und auch zu einer Tankstelle mit gekühlten Bierdosen und ….

…. kommen nachträglich drauf, dass der von uns in der Realität erfolglos gesuchte Pecatonica Trail auf der Karte als „projected“ eingezeichnet ist. Prost!

Noch ein paar Bildchen zu diesem Abschnitt gibt’s im Album.

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