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Flint, Michigan

Freitag, 19. August 2011

Warum Flint?
15. und 16. Juli

Das Thema „shrinking cities“ hat mit Flint ein Exempel, das vielleicht nur noch von Detroit in seiner ruinösen, verheerenden Kapitalismusgeschichte übertroffen wird. Um 1960 noch knapp unter 200.000 Einwohner verliert Flint, DAS Symbol der US-amerikanischen Autoindustrie, seit 1980, dem Abzug von General Motors, rund die Hälfte seiner Bevölkerung. In Flint waren Chevrolet, Buick, Champion (Zündkerzen) und jede Menge Zulieferbetriebe. Flint war die „Vehicle-City“ – genietete Stahlbögen sollen die Prunkstraße erleuchtet haben. Banken, Hotels, Bürogebäude, Theater, Kinos zogen hier an der Saginaw Ave, downtown Flint, nach der Wende zum 20. Jahrhundert ihre Repräsentationsbauten hoch

Noch in den letzten Jahrzehnten, schon nachdem GM das Kapital abgezogen und seine Produktion nach Asien verlagert hatte, wurden noch mitten im Zentrum Parkhäuser errichtet – Autosilos. Heute geschieht nicht einmal das: alte Hochgaragen – oft die unteren 5 bis 10 Sockelstockwerke von Geschäftshochhäusern – stehen leer, werden auch nicht mehr saniert; die Etagen darüber ebenso wenig. Im alten Zentrum von Flint dominieren die Baulücken früherer Geschäftsbauten, die jetzt als Asphaltwüsten ohne sonderliche Investition zum Abstellen der PKW verwendet werden – selbst die sind vielfach leer.

Von den Fabriken der Autoindustrie sind nur mehr riesige, eingezäunte Industriebrachen übrig, die sich zum Teil fast bis ins alte Zentrum hinein erstrecken.

Auf dem Weg zur „Buick-City“, am Ufer des Flint-River, begegnet uns ein etwa 45jähriger Mann auf seinem Fahrrad, als er gerade seine Angelrute am Rahmen befestigen will:

Ich würde hier nicht weiter gehen, Leute. Ich habe gerade ein paar Jugendliche gesehen, wie sie einer älteren Frau hinterher sind. Habe die Cops angerufen. Aber die können auch nichts mehr tun, sind völlig überlastet, können auch keine Leute mehr einstellen, es gibt für nichts mehr Geld.

Da oben, das ist keine gute Gegend. Seit kurzem sind wir in Sachen Kriminalität wieder an erster Stelle in den USA. Ganze Straßenzüge lang werden aufgelassene Wohnhäuser geplündert und angezündet. Wer noch dort wohnt, vermauert seine Fenster. Bei mir haben sie in den letzten vier Wochen dreimal eingebrochen. Ich habe mir jetzt ein shotgun zugelegt.

Seit GM hier abgezogen ist, geht es nurmehr bergab. Unsere besten Automarken werden längst von Toyota produziert. Der Stahl wird in China erzeugt – der ist viel schlechter; ich weiß wovon ich rede: Ich bin Installateur. Wir könnten viel bessere Qualität hier erzeugen. Aber auch die Gewerkschaften – ich bin selbst Gewerkschafter – haben den Plänen der Manager zugestimmt und beim Abbau und bei der Abwanderung des Kapitals mitgespielt. Die Leute haben ihre jobs verloren, die Stadtkassen und die Staatskassen sind leer, die Schulen haben die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer entlassen, in den Klassen sitzen jetzt 60 Kinder, die können ja nichts mehr lernen, werden nur noch irgendwie festgehalten und aufbewahrt. Und zuhause kümmern sich die Eltern auch nicht mehr um sie, weil sie selber Probleme über beide Ohren und keinen job haben.

Ich hab in den letzten Jahren nur mehr zwei, drei Monate Arbeit pro Jahr gehabt. Frau, Kinder, ein Haus, ein Auto – war gerade auf der Bank, einen neuen Tilgungsplan aushandeln – ohne job, weiß nicht, ob die mir das noch geben werden.

Ich gehe jetzt fischen. Ja, der Flint-River ist noch o.k. Die Kläranlage funktioniert noch. Man kann so viel hier verbessern. Ich bin sicher, es wird wieder gut.

Wir sind umgekehrt. Nicht nach Norden zum Buick-site, sondern nach Süden zur Chevrolet-Brache geradelt. In der Stadtbibliothek erzählt uns noch ein Bibliothekar, dass alle 14 Zweigstellen in Flint geschlossen wurden. Es gibt nur mehr die Hauptbibliothek hier. Sein Gesicht, sein Tonfall, wenn er uns von seiner Stadt erzählt, sind eine Mischung aus wehmütigem Glanz, ironisierender Verzweiflung und Gleichmut. Ja, Michael Moore freilich hat er den gekannt – der war Mitglied in seiner Kirchengemeinde in Davison.

Das einzige, was sich in Flint anscheinend vor dem Verfall noch bewahren kann, ist die Universität. Doch die ist, obwohl sie sich State-University nennt, längst von privaten Geldgebern abhängig. Leider sehen wir nichts vom studentischen Leben; es sind ja Ferien.

Manchmal sind die USAmis erfrischend einfach in der Lösung von Aufgaben – wie z.B. den Fahrradtransport  auf städtischen Autobussen. Ebenso erstaunlich ist ihre gläubige Naivität – die Werbesprüche greifen: Eine essbare Eistüte rettet den Planeten ebenso wie Müsliriegel, die in Canada erzeugt, in Mexico verpackt und in Chicago vermarktet werden, die Ernährung der Amis ökologischer, „grüner“ machen. Oh ja, die glauben das wirklich, jedenfalls recht viele.

Wir radeln aus downtown Flint hinaus, endlose Kilometer durch shopping-Malls an der südwestlichen Ausfallstraße – noch immer auf der Suche nach brauchbaren Landkarten in jenem Buchgeschäft, das man uns empfohlen hatte. Nach fast 10 km erreichen wir den Laden, Barnes & Noble – Hannas Kommentar: Ramschladen. Die geografischen Bedürfnisse bleiben frustriert. Nach einem Kaffee und google-maps-research geht’s weiter westwärts durch Michigan.

Noch Bilder aus Flint im Album Michigan.

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