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Ontario – very english (3)

Montag, 11. Juli 2011
von Long Point nach Port Stanley und Rodney
10. und 11. Juli 2011

Die Ganze Bucht, die von der Landzunge Long Point gebildet wird, ist ein riesiges Vogelschutzreservat – Insekten inklusive! Der Erie See ist an seinem Nordufer sowieso eher flach – was den Blutsaugern auch noch zugute kommt. Stehen Bleiben ist für mich daher jedes Mal mit einem Blutopfer verbunden.

Nach dem Verlassen der schmalen Landzunge führt die „Lake View Road“ zwar meist in Ufernähe weiter westwärts, jedoch die Seeblick-Augenweide bleibt nach wie vor sehr privat. Die Dominanz der Agrarfabriken setzt sich fort. Zaghafte Ansätze, so etwas wie soziale Treffpunkte – „downtowns“ – an Straßenkreuzungen zu entwickeln, blieben meist im Keim stecken.

„Gastarbeiter“ aus Jamaica schaffen den weiten Weg bis hierher nach upper Canada, schuften ein paar Monate auf den Feldern – hier bei der Erbsenernte -, erhalten weniger als den staatlich vorgeschriebenen Mindestlohn und fahren nach der Ernte wieder in ihre Heimat zurück. Ansässige Einheimische machen diese Arbeiten offenbar nicht. Eine gewerkschaftliche Organisierung ist unter solchen Wanderarbeitern kaum möglich – das nutzt den Patronen. Und für die segnungsvollen Tröstungen und Weihen sorgen andere Instanzen.

Absurd mutet der Konflikt zwischen Befürwortern – „Save the planet! Make Ontario greener!“ – und Gegnern – „Health care first! Wind-turbines reduce your property by 40%“ – des Windenergieparks. Allen Ernstes behaupten Leute, dass die Generatoren Migräne verursachen; Leute, die selbst drei, vier Autos haben, und für jeden Meter, den sie sich irgendwohin bewegen, die Luft vepesten und kein einziges NO-Schildchen gegen die riesige Kohlekraftwerksanlage in ihrer Nachbarschaft auf ihrem Grundstück aufstellen; aber „NO windturbines!“ bürgerinitiativ plakatieren.

Dass es hier ziemlich konstant windig ist, hatten wir zu spüren bekommen – headwinds, of course. Entgegenkommende Tourenradler hatten da leicht lachen und winkten mitleidsvoll.

Eine gesperrte Straße zwang uns auf einen Schotterweg. Das Angebot des Wegweisers haben wir aber nicht angenommen. Wir wollen noch nicht heim:

Sonst hätten wir nämlich nicht diese luxuriöse Suite und ihre Waterfront-Terrasse in dem schmucken „Old Harbour Inn“ in Port Stanley genießen können – zum Preis für ein Standardzimmer und der Option auf Sonderrabatt im kommenden Jahr, wenn das Haus sein 5jähriges Sanierungsjubiläum feiert.

Der kleine Ort versucht, mit Tourismusinvestitionen (Anlegestellen für Freizeitschiffer, waterfront-pubs und Restaurants, Umbau des alten Piers in eine Pomenade, etc) den Bedeutungsverlust als Hafen für Agrargüter und andere Rohstoffe wettzumachen. Immerhin fahren noch drei Fischerboote frühmorgens auf den See hinaus und versuchen, ihren Fang im Hafen losuwerden.

Der Wunsch, so lange wie möglich mit dem Blick auf den See zu radeln, kostete nach Port Stanley einen überproportionaln Reifenabrieb: Die auf der Landkarte grau markierten Straßen, so kamen wir später drauf – sind deftige, grobkörnige Schotterwege. Erst nach rund 10 Meilen bot sich die Möglichkeit, wieder mit geringerem Rollwiderstand zu radeln.

Der Name Thomas Talbot tauchte in diesem Landstrich südlich von London, Ontario, auffallend häufig auf, was uns neugierig machte. Eine Gedenktafel auf einem der häufigen „Historical Markers“ am Straßenrand klärte nur wenig auf, im Gegenteil: Die Formulierung, dass Talbot „trotz seiner zweifelhaften, diskutablen Methoden“ die Bodenspekulanten in diesem county fernhalten konnte, machte erst recht neugierig. Leider konnte uns kaum eine der befragten Personen Auskunft geben. Wikipedia muss also mal provisorisch herhalten. Das Portrait des Colonels – zumindest das ihn umgebende Inventar – war vielleicht Vorbild für die Architektin, die für ihre Eltern jene Gartenanlage mit dem Gebäude entworfen hat, in dem wir in Rodney als B&B-Gäste den Abend und die Nacht verbringen konnten.

Die Landlords – eine vor dem Pensionierungsschock sich fürchtende Krankenschwester und ihr Mann, ein ehemaliger Ingenieur – waren  „schrecklich nette“, ever so british, Leute, haben uns zum Abendessen – for free, just if you like to – eingeladen, ließen uns unsere verschwitzte Wäsche waschen und trocknen und servierten ein reichhaltiges Frühstück am nächsten Morgen. Aber noch den ganzen nächsten Tag philosophierten wir beim Radeln darüber, was Menschen dazu bringt, sich mit so einem Disneyland-Ambniente konsequent zu umgeben. Da war kein einziges Detail in der ganzen Anlage „echt“ – jedes Stück tat so, als ob. Nach dem Abendessen schwärmte die Krankenschwester von dem wunderbaren Schloss Neuschwanstein, das sie auf ihrer Europareise besucht hatten.

Mehr Bildchen zum Thema Ontario im Album.

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